Neue EU-Verordnung

Verbot von Tattoofarben: Auch in Fürth wird's eintöniger

Alexandra Voigt

Redaktion Fürth

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12.1.2022, 06:00 Uhr
Tattoofarben gab es bisher in vielen Nuancen. Jetzt sind die meisten bunten Farben verboten, weil die enthaltenen Chemikalien als schädlich gelten.

Tattoofarben gab es bisher in vielen Nuancen. Jetzt sind die meisten bunten Farben verboten, weil die enthaltenen Chemikalien als schädlich gelten. © Foto: Marcus Brandt/dpa

"Es ist ein totales Chaos, ich habe alles leergeräumt", sagt Pornchai Kittiworakun, es steht nur noch eine Flasche mit schwarzer Farbe in seinem Schrank. Die bunten Kartuschen hat der Inhaber von Chai Thai Tattoo in der Schwabacher Straße 61 alle entsorgt. Die meisten bisher genutzten Tattoo-Farben dürfen in der aktuellen Zusammensetzung nicht mehr verwendet werden. Auf dem deutschen Markt aktuell verfügbar sind, entsprechend der EU-Verordnung, Schwarz, Grau, Weiß.

In der nächsten Zeit wird Kittiworakun Kunden, die ein farbiges Tattoo haben wollen, vertrösten müssen – auch solche, bei denen bereits ein großflächiges, aber noch unfertiges Projekt auf Arm oder Rücken prangt. Bis neue Farbpaletten mit erlaubten, vermeintlich unbedenklichen, Inhaltsstoffen im Angebot sind, kann er nur noch Motive in Schwarz-Weiß-Technik anbieten.

Seit Januar 2022 unterliegen viele Chemikalien, die für Körperkunst verwendet wurden, in der Europäischen Union neuen Beschränkungen. Grundlage ist die sogenannte REACH-Verordnung ((Registration, Evaluation, Authorisation of Chemicals). Sie regelt die Bewertung und Zulassung von chemischen Stoffen. Auf der Tabu-Liste stehen viele tausend Substanzen, darunter auch die Bestandteile von Tattoofarben.

Ärztin begrüßt das Verbot

Viele von ihnen gelten als gefährlich oder nicht ausreichend erforscht. 2020 wurde das Verbot beschlossen, die Übergangszeit läuft nun aus. Die Europäische Chemikalienagentur (ECHA) betont, es gehe darum, "Tätowierfarben sicherer zu machen". Dr. Vera Baur, Oberärztin in der Abteilung Dermatologie am Nordklinikum Nürnberg, findet das Verbot "absolut richtig". "Aus dermatologischer Sicht ist es sehr sinnvoll, dass dieser Bereich reguliert wird", sagt die Medizinerin.

Es sei erschreckend, was mit den Farben bisher in den Körper eingebracht wurde. Vor allem die bunten Tattoofarben enthalten hochproblematische Bestandteile wie Schwermetalle, aromatische Amine sowie Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Auch Formaldehyd wurde schon festgestellt. Manche der Inhaltsstoffe werden als krebserregend angesehen. Und sie können Allergien auslösen. "Die Pigmente werden tief in die Haut eingebracht, damit sie sich nicht wieder abschilfern, Teile davon lagern sich sogar in Milz, Leber und Lymphknoten an", so Baur.

Mit dem Trend zum bunten Körperschmuck haben die Fälle deutlich zugenommen, in denen tätowierte Patienten wegen Allergien therapiert werden müssen. Die Behandlung ist schwierig, wenn die Allergene erst einmal im Körper sind. Häufig werden zur Entfernung von Tattoos verschiedene Laserverfahren eingesetzt. Bei allergischen Reaktionen ist dies aber kontraproduktiv, weil die Pigmente durch die Strahlen zerkleinert und damit neue Allergene freigesetzt werden. Deshalb muss die betroffene Hautschicht mechanisch entfernt werden. Dabei wird die Oberhaut etwa bei einer sogenannten Dermabrasion mittels eines Schleifgeräts bis in tiefere Schichten abgetragen, Narben nicht ausgeschlossen.

"Durch die neue EU-Verordnungt sind die Hersteller von Tattoo-Tinte gefordert, neue Produkte zu entwickeln, deren Inhaltsstoffe den Richtlinien entsprechen und weder karzinogen noch allergieauslösend sind," sagt Dr. Baur.

Der Inhaber von Chai Thai Tattoo ist skeptisch. "Neue Farben müssen sich in der Praxis bewähren. Wie sieht es mit Langzeitwirkung und Verträglichkeit aus? Wie heilen die frisch tätowierten Stellen, verläuft die Farbe, ist sie beständig – das muss sich erst herausstellen", sagt Kittiworakun. Mit den nun aus dem Verkehr gezogenen Produkten habe er keine schlechten Erfahrungen gemacht. Nur ein einziges Mal in den letzten acht Jahren sei es bei einer Frau zu wulstigen Veränderungen gekommen. In seltenen Fällen hätten sich auch Tattoos entzündet. "Aber das hatte nichts mit der Tinte zu tun, sondern mit mangelnder Hygiene bei der Nachsorge. Wer mit einem frisch gestochenen Tattoo in den Baggersee springt, muss sich nicht wundern, wenn es zu Infektionen kommt."

"Ein Signal zum Aufbruch"

Kittiworakun und viele seiner Kollegen befürchteten durch die EU-Verordnung einen weiteren Einbruch. Die Stimmung sei seit Beginn der Corona-Pandemie ohnehin schon schlecht. Insgesamt 13 Monate konnten Tätowierer während der zwei Lockdowns in Bayern nicht arbeiten. Wenn jetzt auch noch Kunden wegbleiben, weil sie keine bunten Tattoos mehr bekommen, könnte es das Aus für manchen Betrieb bedeuten.

Gina Sand, die das Tattoo-Studio Arttoo in der Schirmstraße 1 betreibt, sieht in dem EU-Verbot eher ein Signal zum Aufbruch – auch wenn es in der Pandemie erst einmal einen weiteren Rückschlag bedeutet. Bei jedem Seminar hätten die Farbenhersteller bessere Produkte und umfangreichere Kontrollen versprochen. "Wir haben uns darauf verlassen, dass die Produkte für unsere Kunden sicher sind", so Sand. Leider sei es in den ganzen Jahren wohl zu keinem Fortschritt gekommen. Jetzt seien die Produzenten zu Innovationen gezwungen.

"Auch wenn erschreckend ist, wie viele Produkte vom Markt verschwunden sind: Es war an der Zeit, dass sich etwas bei der Zusammensetzung verändert, die Farben hat man schließlich ein Leben lang unter der Haut", so die Tätowiererin. Qualität müsse sich durchsetzen und die Inhaltsstoffe auch einer eingehenden Prüfung standhalten, "damit wir sie guten Gewissens einsetzen können". Das sei bei anderen Handwerksbetrieben wie etwa bei einer Metzgerei auch nicht anders.

Bis neue Pigmente auf dem Markt sind, müssen sich Tattoo-Fans auch bei ihr mit monochromen Bildern in Schwarz und Weiß begnügen. Gina Sand: "Meine Kunden finden das in Ordnung." Von einem Ende des bunten Körperschmucks geht sie trotzdem nicht aus. Nach einer gewissen Durststrecke seien wieder regelkonforme Farben zu erwarten.