Literatur

Vielleicht sein letztes Buch: Michel Houellebecqs neuer Roman „Vernichten“

12.1.2022, 15:22 Uhr
Einer der Stars des internationalen Literaturbetriebs: Michel Houellebecq.

Einer der Stars des internationalen Literaturbetriebs: Michel Houellebecq. © Boris Roessler, dpa

Journalisten und Buchhändler, wollten sie in den Besitz eines Leseexemplars kommen, mussten schriftlich erklären, dass sie kein Wort über den Inhalt vor dem kurzfristig anberaumten Erscheinungstermin verlautbaren lassen. Zudem kommt das Buch – auch das ist ziemlich außergewöhnlich – sogar zeitgleich in Frankreich und in verschiedenen Übersetzungen auf den Markt. Soviel Ehre fördert natürlich den Verkauf.

Eine ziemlich versponnene Werbekampagne für ein Geheimnis – also saß man als Geheimnisträger daheim und las und fühlte sich irgendwie auserkoren.

Michel Houellebecqs jüngster Streich hört auf den schönen Titel

Michel Houellebecqs jüngster Streich hört auf den schönen Titel "Vernichten". © Dumont

Manche deutschen Zeitungen versuchten dennoch, ein wenig zu spoilern und auf dem Umweg über das französische Original das Verdikt hierzulande zu umschiffen. Letztlich jedoch blieb alles vage und es lief darauf hinaus, dass der Joker nach Frankreich verschoben werden musste, denn es sollte in dem Roman um die Zeit nach der Präsidentschaft von Emmanuel Macron gehen. Die Grande Nation also „zitterte“ schon: Würde ihr Houellebecq wieder mal ein garstiges Ei legen?

Jetzt, nach über 600 Seiten, kann gesagt werden, dass sich der 63jährige Schriftsteller in „Vernichten“ – auch wenn der Titel martialisch klingt – mit niemandem wirklich anlegt, dass er nicht schon wieder auf der islamophoben Welle reitet, dem Hardcore abgeschworen hat, keine Staaten und Gesellschaften mehr stürzen sehen möchte. Er hat ganz einfach ein herausragendes literarisches Werk geschaffen, einen ungemein feinfühligen, melancholischen Roman, der ins innerste Seelenleben des Menschen vordringt und vor allem – und das ist nun das wirklich Außergewöhnliche! – das Hohe Lied auf die Liebe anstimmt.

Altersweise? Wölfisch im Schafspelz? Ganz gleich, was Houellebecq da geritten haben mag, ob er den Geläuterten nur spielt oder doch mit zunehmenden Lebensjahren auf den Trichter gekommen ist, dass zum Durchwursteln durch diese schlechteste aller Welten mehr gehört als dauerndes Interesse am Ficken und Aufwiegeln, am Angstschüren und Provozieren.

Wir folgen ihm mit zunehmender Faszination durch seinen kleinen Kosmos der ganz familiären Widrigkeiten und Versöhnungen und sind am Ende heiter und verstört, erschöpft und beglückt von dieser seiner Kunst, eine wenn auch nur ganz kleine Perspektive als Sinn der Existenz anzuerkennen.

Auftakt mit Terror

Freilich, es geht mit einem Paukenschlag los. Da gibt es natürlich Terror und Anschläge, die die fragile Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts erschüttern. Eine esoterisch obskure Gruppe Unbekannter sprengt Schiffe in die Luft, lässt Videos von geköpften Ministern kursieren. Soviel Wiedererkennungseffekt muss schon sein bei diesem Autor, der in der Vergangenheit Frankreich und den Rest Europas schreibend an den Rand des Wahnsinns brachte.

Doch das sind nur kleine Erzählstränge, die Houellebecq auch schleifen lässt, endlich ganz vergisst. Sie tangieren die beiden Hauptfiguren des Romans nur, sie schaffen eine vage Verbindung mit den alltäglichen Schocks und Katastrophenmeldungen, an die wir uns doch auch irgendwie längst gewöhnt haben.

Kurz vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2027 (das Ende der Ära Macron zeichnet sich ab) geraten der Wirtschaftsminister Bruno und sein treuer Mitarbeiter Paul in diesen Strudel, aber es kristallisieren sich wie nebenbei ganz andere Probleme, viel persönlichere, heraus.

Definitiv ein Typ: Michel Houellebecq.

Definitiv ein Typ: Michel Houellebecq. © Xavier Leoty, afp

Fast unmerklich taucht das Buch immer tiefer in banale Familiengeschichten ein, verlässt Paris und das Große-Ganze und widmet sich dem ewigen, alltäglichen Einerlei. Paul (er heißt mit Nachnamen Raison, also „Vernunft“) und seine Frau Prudence („Vorsicht“) haben sich auseinandergelebt, selbst im Kühlschrank gibt es getrennte Fächer.

Als Pauls Vater in der landschaftlich berauschenden Beaujolais-Region nach einem Hirnschlag zum Pflegefall wird, gerät das Wertegerüst des Sohnes ins Wanken. Auf einmal ist der Tod nicht mehr abstrakt, ist das Sterben, das Abschiednehmen keine Medienmeldung mehr, sondern eine Sache, die direkt anrührt und letztlich Zweifel an der eigenen Existenz nährt.

Die Außenwelt mit ihren permanenten Störungen des Gleichgewichts tritt in den Hintergrund und bei Paul keimt das Gefühl für das Unmittelbare, die Nähe. Und es zeigen sich unweigerlich die Zweifel an schnellen Lösungen, an Vertröstungen und falschen Botschaften.

Der zweite Weg

Houellebecq variiert sie mit sprachlich ungeheuer feinfühligem, traurigem und zutiefst menschlichem Räsonieren über Gott (die Religion bekommt naturgemäß ihr Fett weg) und den eiernden Lauf der Welt. „Das Denken und das Leben sind schlichtweg unvereinbar“, heißt es da einmal, aber Paul wird auch mit diesem wunderbaren Fatalismus ausgestattet, der „Vernichten“ zu einem (sehr französischen) Baustein der Conditio humana macht: „Er hatte die Welt stets als Ort betrachtet, an den er nicht gehörte, ohne dass er es jedoch eilig gehabt hätte, ihn zu verlassen, weil er schlichtweg keinen anderen kannte.“

Dass sich eine Verständigung, ja sogar neu erwachende Liebe zwischen dem entzweiten Paar abzeichnet und mit welcher Geduld Houellebcq diese durchaus sentimentale Annäherung beschreibt, ist das wirklich Überraschende an diesem Buch.
Neben all der tief zielenden und brutal treffenden, komischen und wütenden Kritik an weltweiten wirtschaftlichen Machenschaften, an Pflegenotstand, glückversprechenden Alternativen, lechzender Presse und korrupter Politik verharrt das Buch mit der Zärtlichkeit einer Kratzbürste auf dem Standpunkt, dass es einen zweiten Weg ums Gehirn herum geben muss.

Paul und Prudence finden sich, abseits vom Lauf der Dinge und der Zeit. Auch wenn der Neubeginn zugleich ein Abschied ist. Unter versemmeltem Schicksal und falscher Hoffnung macht es Michel Houellebecq eben nicht. Aber diesmal macht er es grandios!

Michel Houellebecq: Vernichten. Dumont, 628 Seiten, 28 Euro

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