Endlich Einigung

Wie der Streit um die Nürnberger Guarneri-Geige beigelegt wurde

11.1.2022, 15:53 Uhr
Jahre lang gab es Streit um die Guarneri-Geige, jetzt ist er beigelegt und klar ist: Das Instrument wird künftig an der Nürnberger Musikhochschule gespielt.

Jahre lang gab es Streit um die Guarneri-Geige, jetzt ist er beigelegt und klar ist: Das Instrument wird künftig an der Nürnberger Musikhochschule gespielt. © Elke Richter, NN

"Wir haben 285 000 Euro an die Erbenfamilie in Amerika überwiesen", sagt Rainer Kotzian. Er ist Präsident der Nürnberger Musikhochschule und seit April Vorstand der Franz Hofmann und Sophie Hagemann Stiftung. Beide Institutionen sind eng miteinander verknüpft. Denn mit der Gründung der Stiftung im Jahr 2005 wollte die Nürnberger Geigenpädagogin Sophie Hagemann das musikalische Erbe ihres verstorbenen Mannes Franz Hofmann pflegen und den Streicher-Nachwuchs in Nürnberg fördern.

Das Erbe der 2010 verstorbenen Mäzenin ging an die Stiftung. Es umfasst neben Wertpapiervermögen auch die 1706 von Giuseppe Guarneri gebaute Geige. Seit kurzem ist sie nach aufwendiger Bearbeitung frisch restauriert. Und fest steht nun auch: Sie bleibt in Nürnberg – als "Instrument der Versöhnung" für besonders begabte Studenten der Musikhochschule.

Mit dem Wunsch nach der nun abgeschlossenen Instandsetzung nahm der ganze Streit 2016 seinen Anfang. Weil das 1974 von Hagemann erworbene Instrument in schlechtem Zustand war und restauriert werden sollte, befasste sich die Stiftung näher mit ihm und stellte fest: Die Herkunft, die sogenannte Provenienz, ist lückenhaft. Nachforschungen ergaben, dass es ab 1938 dem jüdischen Musikalienhändler Felix Hildesheimer aus Speyer gehörte, der im August 1939 Selbstmord beging. Seine Töchter und seine Frau konnten nach Übersee fliehen.

Von der Gestapo versteigert

Das Mobiliar der Familie wurde von der Gestapo beschlagnahmt und versteigert. "Angesichts dieser Tatsachen ist es nicht ersichtlich, wie Hildesheimer die Geige auf andere Weise verloren haben könnte, die heute nicht zur Restitution verpflichten würde", hieß es im Dezember 2016 in dem Bericht der von der Bundesregierung eingesetzten "Beratenden Kommission".

Die Kommission unter Vorsitz des ehemaligen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts Hans-Jürgen Papier berücksichtigte, dass Hagemann von der Vergangenheit der Geige nichts wusste, die Stiftung von sich aus die Beratende Kommission eingeschaltet hatte, und empfahl folgendes Vorgehen: Das Instrument bleibt bei der Stiftung. Die Erben erhalten eine Entschädigungszahlung von 100 000 Euro.

Doch die Stiftung zahlte nicht. Zuerst hieß es vom damaligen Vorstand, das Geld sei nicht aufzutreiben und es aus dem Stiftungsvermögen zu nehmen, nicht zulässig. Dann zweifelte der Vorstand an, dass es sich um NS-Raubgut handelt. Hans-Jürgen Papier schäumte: "Durch das Ausbleiben der Zahlung droht insbesondere im Ausland ein Imageschaden", warnte er vor knapp einem Jahr im Interview mit unserer Zeitung.

"Rufschädigung" erlitten

Aber nicht nur das Ansehen Deutschlands bekam Schrammen, auch das der Hagemann-Stiftung: "Wir haben damit eine ordentliche Rufschädigung erlitten", sagt Rainer Kotzian. Mit seinem Amtsantritt als Stiftungsvorstand bemühte er sich um Transparenz in der Sache sowie lösungsorientierte Gespräche mit den Erben und deren Anwälten. Und er steht zu der Anfang Dezember 2021 von der Beratenden Kommission korrigierten Empfehlung: Statt 100 000 Euro sollte es nun eine Entschädigung von 285 000 Euro sein.

"Ich war überrascht von der hohen Summe, aber ich kann sie nachvollziehen", sagt Kotzian. Schließlich habe der frühere Vorstand der Hagemann-Stiftung selbst die Geige für 300 000 Euro versichert, wie Kotzian nun Unterlagen entnahm. Das neuerliche dritte Wertgutachten, das der aktuellen Empfehlung zugrunde liegt, würde den Wert sicherlich gut widerspiegeln.

In die Restaurierung des Instruments hat die Stiftung 66 000 Euro investiert. Dass die bei der Entschädigungszahlung offenbar nicht angerechnet wurden, erklärt sich Kotzian damit, dass die Erben seit 2016 Anwalts- und Gutachterkosten in ähnlicher Höhe gehabt haben.

"Der größte Schatz"

Mit der Überweisung, die dank einer Änderung des Stiftungsrechts nun doch aus dem Grundstockvermögen getätigt werden konnte, ist die Hälfte des Geldes der Stiftung weg. "Das tut weh", sagt Kotzian, will aber auch mit weniger Finanzmitteln künftig "sinnvolle Nachwuchsförderung" betreiben. "Wir müssen die Stiftung neu aufstellen", sagt er und betont: "Das Instrument ist der größte Schatz, den die Stiftung hat. Damit müssen wir jetzt arbeiten."

Am liebsten möchte er das zusammen mit den Nachfahren von Hildesheimer tun. "Es gibt Zusagen, dass sie zur Präsentation des Instrumentes nach Nürnberg kommen, sobald Corona vorbei ist." Versöhnlicher Abschluss eines heftigen Konfliktes also – und vielleicht ein Neuanfang.

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