Serienreife Technik

John Deere 8R-410: Dieser Traktor fährt autonom

Ulla Ellmer

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7.1.2022, 16:38 Uhr
Mit Elektroantrieb gehen die autonomen Fahreigenschaften nicht einher. Der John Deere 8R-410 wird von einem 9-Liter-Biturbo-Diesel mit 410 PS angeschoben.

© Hersteller Mit Elektroantrieb gehen die autonomen Fahreigenschaften nicht einher. Der John Deere 8R-410 wird von einem 9-Liter-Biturbo-Diesel mit 410 PS angeschoben.

Als Agrarmesse hat sich die CES bislang keinen Namen gemacht. Vielmehr gilt die Consumer Electronics Show von Las Vegas als die weltweit größte Ausstellung von Unterhaltungselektronik. Wenn überhaupt, hätte man zwischen TV-Anlagen, Computern und Haushaltsrobotern also bestenfalls die Neuauflage des Landwirtwirtschafts-Simulators oder ähnlicher Games vermutet.

Doch seit Fahrzeuge jedweder Art zu rollenden Computern mutieren, finden auch branchenfremde Exponate ihren Weg ins Las Vegas Convention Center. Zu maximaler Aufmerksamkeit hat es in diesem Jahr etwa Sony mit seiner Ankündigung gebracht, ins Automobilgeschäft einsteigen zu wollen. Die klassischen Autohersteller wollen schon seit Jahren nicht mehr fehlen im Spielerparadies. Und eines der spannendsten Ausstellungsstücke 2022 kommt von einem der größten Landmaschinenhersteller der Welt –John Deere.

Robotic fürs Feld

Ein Traktor auf der CES – wie das? „Wenn Sie heute eine Farm besuchen, dann werden Sie auf den Feldern das gleiche Maß an Technologie vorfinden wie im Silicon Valley“, sagt Jahmy Hindman, Technik-Chef von John Deere. Landmaschinen gehörten zu den fortschrittlichsten und fortgeschrittensten Robotic-Gerätschaften überhaupt.

Schlicht war früher: HighTech-Cockpit im John Deere 8R-410.

Schlicht war früher: HighTech-Cockpit im John Deere 8R-410. © John Deere

Permanente Überwachung

Auch der 8R-410 ist nicht irgendein Schlepper. Seine bahnbrechende Kompetenz liegt darin, autonom über den Acker fahren zu können. Die Basis stellt die Baureihe 8R, die aber umfassend auf ihren neuen, fahrerlosen Tätigkeitsbereich vorbereitet wurde. Zum Equipment gehören beispielsweise sechs Stereokamera-Paare, deren Aufgabe es ist, per 360-Grad-Überwachung das Umfeld im Auge zu behalten – Hindernisse vom verirrten Wanderer über das Rehkitz bis hin zur Plastikplane zu erkennen also und die entsprechende Entfernung zu berechnen. Die erfassten Bilder werden im Eiltempo von 100 Millisekunden pro Pixel ausgewertet und liefern dem Schlepper die Entscheidungsgrundlage, ob er weiterfahren oder besser anhalten soll.

Nach dem Geofencing-Prinzip überwacht der 8R-410 zudem permanent seine Position. So soll sichergestellt werden, dass der Traktor das ihm zugewiesene Areal nicht etwa verlässt und auf Abwege gerät.

Im Auge per App

Dem Landwirt selbst bleibt noch die Aufgabe, seinen Selbstfahr-Schlepper aufs Feld zu steuern und ihn für die autonomen Aktivitäten zu konfigurieren. Gestartet wird das Fahrzeug mithilfe einer Smartphone-App („John Deere Operations Center Mobile“). Während die Maschine pflügt, grubbert oder sät, kann ihr Herr den Ort des Geschehens verlassen und sich anderen Arbeiten widmen. Was der Traktor treibt, lässt sich über die App verfolgen, die beispielsweise Live-Videos, Bilder, aber auch Daten übermittelt – und die Möglichkeit bietet, aus der Distanz Geschwindigkeit, Arbeitstiefe und weitere Parameter einzustellen. Treten Probleme oder – wie es John Deere formuliert – „Anomalien bei der Arbeitsqualität“ auf, erfolgt umgehend eine Benachrichtigung, der Farmer kann dann eingreifen.

Viele Kamera-Augen überwachen das Umfeld.

Viele Kamera-Augen überwachen das Umfeld. © John Deere

Den Prototypen-Status hat der autonome Schlepper bereits verlassen. Erste Exemplare sollen noch 2022 an US-Kunden ausgeliefert werden, Preise sind noch nicht bekannt. Deutsche Landwirte bleiben vorerst außen vor, hierzulande sind solch vollautonome Aktivitäten auch in der Landwirtschaft noch nicht erlaubt.

Große Mission

Die Bedeutung der Neuheit umreißt Jahmy Hindman mit großen Worten. „Feeding the world“ sei es, um was es gehe – die Welt zu ernähren also. Eine Welt, deren Bevölkerung bis 2050 wohl von acht auf dann zehn Milliarden Menschen steigen wird, was Schätzungen zufolge mit einem Anstieg des globalen Nahrungsmittelbedarfs um 50 Prozent einhergeht. Gleichzeitig stehen den Landwirten immer weniger Flächen zur Verfügung, aus denen es – unter möglichst geringem Düngereinsatz – das Optimum herauszuholen gilt. Das bedeutet, dass die Maschinen immer besser, präziser, effektiver und effizienter arbeiten müssen. Zudem leiden viele Betriebe unter einem Mangel an Arbeitskräften. Der Job ist schließlich hart. Ein autonomer Traktor aber wird nie müde, fährt klaglos auch 20-Stunden-Schichten, meldet keine Urlaubsansprüche an und beschwert sich nicht über die monotone Furchen-Fahrt, von der wiederum der Farmer verschont bleibt und somit an Lebensqualität – Stichwort Work-Life-Balance – gewinnen kann.

Auch das bayerische Unternehmen Horsch arbeitet am autonomen Schlepper. Auf einen Fahrer ist er konzeptionell gar nicht mehr eingestellt.

Auch das bayerische Unternehmen Horsch arbeitet am autonomen Schlepper. Auf einen Fahrer ist er konzeptionell gar nicht mehr eingestellt. © Horsch

Bis vor kurzem, sagt Hindman, sei es bei Landmaschinen um „immer mehr“ gegangen – mehr PS, mehr Input, mehr Fläche. Jetzt verlagern sich die Anforderungen auf andere Qualitäten. John Deere ist nicht die einzige Adresse, die an autonomen Landmaschinen arbeitet. Auch Horsch aus dem bayerischen Schwandorf tut das, ebenso wie – beispielsweise – Fendt, das Unternehmen (Hauptstandort Marktoberdorf) will den Feldroboter „Xaver“ gleich schwarmweise zur Maisaussaat ausschicken.

Projekt "Xaver" von Fendt: Viele Feldroboter schwärmen zur Arbeit aus.

Projekt "Xaver" von Fendt: Viele Feldroboter schwärmen zur Arbeit aus. © Fendt

Projekte aus Bayern

Schon heute machen sich Landwirte GPS-Technologie und autonome Fahrfunktionen zunutze, wenn auch nicht in jener fortgeschrittenen Form, wie sie der autonome John Deere nun anbietet. Nachdem er die „Linien“ auf dem Feld mithilfe der Software seines Traktors definiert, angelegt und abgespeichert hat, darf der Farmer aber immerhin darauf zählen, dass der Schlepper sie auch nach einem Jahr noch wiederfindet und mit einer Präzision von plus/minus zwei Zentimetern abfährt. Auch Wendemanöver werden beherrscht, allerdings noch nicht immer perfekt. Während der Fahrt kann sich der Landwirt anderweitig beschäftigen. Verlassen darf er seinen Platz aber nicht – in diesem Fall schaltet das System sofort ab.

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