Über 600 Kilometer Reichweite

Mercedes EQE: Erste Ausfahrt in der elektrischen Business-Class

Ulla Ellmer

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14.4.2022, 10:48 Uhr
Der Mercedes EQE wird an zwei Produktionsstandorten gebaut: Zum einen in Bremen und zum andern in Peking.

© Hersteller Der Mercedes EQE wird an zwei Produktionsstandorten gebaut: Zum einen in Bremen und zum andern in Peking.

Eben erst hat Mercedes-Chef Ola Källenius neue und ambitionierte Nachhaltigkeitsziele vorgegeben. Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen pro Pkw halbiert werden. Gelingen soll das mit verbesserter Batterietechnik, „grünem“ Öko-Strom und mehr Recycling, vor allem aber auch durch einen kontinuierlichen Ausbau des elektrischen Portfolios. Ein wichtiger Leistungsträger ist da der EQE – nach dem EQS ist er das zweite Modell, das auf der speziell für E-Fahrzeuge konstruierten EVA-II-Plattform basiert und außerdem, wenn man so will, nicht nur der kleine Bruder des EQS, sondern auch das Pendant zur Business-Limousine E-Klasse, einem Herzstück der Mercedes-Flotte.

Zwei Versionen zum Start

Zum Bestellstart Ende April sollen zwei Versionen umsteigewillige Kunden überzeugen, die gerne auch einem Tesla Model S abschwören dürfen: Zunächst der EQE 350+ mit 215 kW/292 PS sowie 565 Newtonmetern Drehmoment, die an die Hinterachse geschickt werden. Der Stromverbrauch wird mit 15,9 bis 18,7 kWh/100 km angegeben, die Topspeed mit 210 km/h, die Spurtstärke von 0 auf 100 km/h mit 6,4 Sekunden. Ein 90-kWh-Akku sorgt für bis zu 654 Kilometer Reichweite, nach einer ersten Ausfahrt halten wir 500 Kilometer für eine nicht allzu vermessene Perspektive.

Der eher leistungsaffinen Klientel dient sich daneben der AMG 43 4Matic mit 350 kW/476 PS an. Später wird die Affalterbacher Sport-Sparte den noch stärker stromernden AMG 53 4Matic+ auf die Straße schicken. Außerdem folgt der EQE 500 4Matic, wie bei den AMG-Artgenossen generiert ein zweiter E-Motor an der Vorderachse Allradantrieb, die Systemleistung beträgt 300 kW/407 PS plus 858 Newtonmeter Drehmoment. Im Vergleich zum Langstrecken-Meister 350+ sinkt der Aktionsradius allerdings auf maximal 590 Kilometer.

So viel zu den nüchternen Daten. Wir nehmen den EQE in Augenschein: 4,94 Meter ist er lang, die elegante Karosserie mit den bündig versenkten Türgriffen gemahnt unverkennbar an den EQS, verfehlt mit 0,22 aber leicht dessen fabelhaften cW-Wert von 0,20. Wie es sich für eine Limousine gehört, gibt es eine klassische Kofferraumklappe, darunter tun sich – nicht rekordverdächtige – 430 Liter auf. Einen Frunk unter der Fronthaube, in dem beispielsweise die Ladekabel ein Zuhause finden könnten, hat Mercedes nicht ins Lastenheft aufgenommen.

Optional lässt sich der EQE mit Hinterachslenkung, Luftfederung und teilautonomen Fahrfunktionen ordern.

Optional lässt sich der EQE mit Hinterachslenkung, Luftfederung und teilautonomen Fahrfunktionen ordern. © Hersteller

Die Unternehmung einer ersten Ausfahrt gehen wir mit dem – mehr Untertreibung geht kaum – „Basismodell“ EQE 350+ an. Und stellen umgehend fest, dass es uns bereits vollends zufriedenstellt. Sofern man nicht gerade Wert auf Allradantrieb legt: Mehr Leistung muss nicht sein. Der EQE 350+ bietet, anders ist es nicht zu formulieren, elektrisches Fahren in Perfektion. Um den Edel-Stromer in Fahrbereitschaft zu versetzen, bedarf es sachten Drucks auf einen Startknopf, eine Sitzbelegungserkennung wie beispielsweise im VW ID.3 oder Volvo C40 gibt es nicht. Abgasfrei stromern wir dann durch Frankfurt und den Taunus, gelassen und geschmeidig geht es hinauf auf den Feldberg, die Stille im Interieur wollen wir gar nicht erst mit den „Sound Experiences“ wie „Vivid Flux“ und schon gar nicht mit „Roaring Pulse“ füllen. Die optionale Luftfederung verarbeitet Störstellen im Asphalt aufs Zuverlässigste, die ebenfalls aufpreispflichtige Hinterachslenkung sorgt zwischen den Türmen von „Mainhattan“ für erstaunliche Wendigkeit. Rekuperiert wird dreistufig und bequem über Lenkradwippen, ein intelligenter Modus wählt die Intensität auch automatisch.

Die Luft ist rein

Umso erbaulicher gerät die elektrische Fahrt, als die Innenarchitektur – erwartungsgemäß – das markentypische Edel-Ambiente vermittelt. Angenehmerweise sitzt man leicht erhöht, das Sitzmobiliar bietet maximale Bequemlichkeit und auf Wunsch diverse Massageprogramme bis hin zum „Tiefenworkout“, ein fast zehn Liter voluminöser HEPA-Filter sortiert Störenfriede wie Pollen oder Feinstaub sorgsam aus.

"Hyperscreen" nennt Mercedes das Konglomerat aus drei Bildschirmen, die sich optisch zu einem vereinen.

"Hyperscreen" nennt Mercedes das Konglomerat aus drei Bildschirmen, die sich optisch zu einem vereinen. © Hersteller

Besonders stolz ist Mercedes auf den spektakulären Hyperscreen; eine aus drei Bildschirmen bestehende Digitallandschaft, die sich praktisch über die gesamte Breite des Armaturenträgers zieht und dem Beifahrer ein eigenes Unterhaltungsprogramm vor Augen führt. Eine wachsame Kamera beobachtet dabei den Fahrer respektive die Fahrerin, wenn sein/ihr Blick neugierig nach rechts abwandert, wird das Bewegtbild automatisch abgedimmt. Zudem analysiert eine Sekundenschlafwarnung permanent den Lidschlag des Mannes beziehungsweise der Frau hinterm Steuer.

Effektive Routenplanung

So eindrucksvoll die Hyperscreen-Szenerie auch ist: Wir halten die happige Extra-Investition von 8568 Euro nicht für zwingend erforderlich. Die Standard-Disposition mit digitalem Fahrerdisplay und hochkant installiertem Zentralmonitor lässt sich nicht minder intuitiv bedienen und bietet funktional Vergleichbares. So hilft das Navi bei der Routenplanung, indem es Ladestopps empfiehlt und in die Reisedauer mit einberechnet, bevorzugt angesteuerte Stationen lassen sich als Favoriten abspeichern. Zudem wird die Batterie rechtzeitig vor Ankunft an der Ladesäule vortemperiert.

Dank "Plug & Charge" kann auch ohne Ladekarte, Smartphone-App oder QR-Code Strom gefasst werden.

Dank "Plug & Charge" kann auch ohne Ladekarte, Smartphone-App oder QR-Code Strom gefasst werden. © Hersteller

Mit der Ladekarte muss dort nicht zwingend hantiert werden, auch Smartphone-App oder QR-Code braucht es nicht, denn der EQE kann „Plug & Charge“, was bedeutet, dass er sich – man kennt das von Tesla – an entsprechend ertüchtigten Ionity- oder Aral-Ladesäulen automatisch anmeldet, sobald er per Ladekabel Verbindung aufgenommen hat.

Die Ladepause verschlafen

Auf 800-Volt-Ladetechnik, wie sie beispielsweise Hyundai beim Ioniq 5 oder Kia beim EV6 verbaut, verzichtet Mercedes. Wechselstrom (AC) aus der Wallbox oder öffentlichen Ladestation zieht der EQE mit bis zu 11 kW, optional auch mit 22 kW, hinsichtlich der Ladedauer nennt das Datenblatt gut acht Stunden. Gleichstrom (DC) an der Schnellladestation fließt mit bis zu 170 kW, Volltanken nimmt eine halbe Stunde in Anspruch. Schon in einer Viertelstunde soll so Strom für 250 Kilometer nachgefasst sein. Mit der Kaffeepause muss man sich also beeilen. Und auch mit dem erholsamen Schläfchen: Hierzu stellt der EQE das Power-Nap-Programm bereit, der Fahrersitz fährt dann in Ruheposition, Seitenscheiben und Rollos schließen sich, die Luftionisierung wird aktiviert, die Ambientebeleuchtung spendet sanftes Licht, beruhigende Klänge sedieren vorübergehend und auf dem Zentraldisplay funkelt ein Sternenhimmel.

Dass es solche Annehmlichkeiten nicht zum Nulltarif gibt, muss kaum erwähnt werden. Schon grundsätzlich ist unter 70.627 Euro für den EQE 350+ nichts zu machen. Die Frage nach dem Kombi-Aufpreis erübrigt sich: Anders als im Falle der E-Klasse wird es vom EQE kein T-Modell geben.

Mercedes EQE 350+:

Wann er kommt: Marktstart Ende April, Auslieferungen ab Sommer

Wen er ins Visier nimmt: Tesla Model S

Was ihn antreibt: Elektromotor mit 215 kW/292 PS

Was er kostet: Ab 70.627 Euro

Was noch folgt: Allradgetriebener EQE 500 5Matic, AMG 43 und 53 4Matic

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