Neuer Trend auf Skipisten

Ganz billig für ganz kurz einen Skilehrer buchen - hier geht das

18.12.2021, 07:19 Uhr
Markus Gurtner beim Kurz-Kurs mit einer Skifahrerin, die nur ein wenig an ihrem Stil feilen möchte.

Markus Gurtner beim Kurz-Kurs mit einer Skifahrerin, die nur ein wenig an ihrem Stil feilen möchte. © Engadiner Post, Posta Ladina

Bei den Schoko-Päckchen langt jeder zu, aber sonst zieren sich die Skifahrer noch an diesem traumhaften Vormittag, wo die Sonne bereits sämtliche Pistenkilometer im schweizerischen Scuol ausleuchtet. Dann beißt doch jemand an. Eine Mutter und ihr Sohn schlagen ein und starten mit Skilehrer Markus Gurtner zum Kurz-Kurs in Motta Naluns. Zwei Abfahrten, 30 Minuten, 50 Franken. Gurtner ist heute als "Skeacher" im Einsatz. Das ist mehr als ein Skilehrer. Oder weniger. Es kommt ganz auf den Blickwinkel an.

Am Morgen haben Gurtner und zwei Kollegen einen Stand auf dem Mot da Ri (2583 m) aufgebaut, Banner und Schilder platziert, die neugierig machen: "Spontan. Skischule. Buchen?"

Der Skilehrer 2.0 holt seine Gäste direkt auf der Piste ab und zeigt sofort, was zu verbessern wäre. "Jeder kann noch was lernen. Auch wenn er gut fährt", hat Gurtner zu Mutter und Sohn gesagt. Das Trio saust über eine schwarze Piste hinab. Gurtner ist bemüht, kleine Fahrfehler zu korrigieren. "Ski breiter, beim Carven mehr Kanteneinsatz, die Hände weiter auseinander." Am Ende ist die Frau glücklich und ernüchtert zugleich: "Das war ein toller Auffrischungskurs. Aber man landet auch auf dem Boden der Tatsachen. Viele Dinge müsste ich abstellen."

Mit Schoki Leute anlocken

Vom Mot da Ri kann man grosse Teile des Scuoler Skigebiets mit seinen 80 Pistenkilometern überblicken. Von hier aus starten Abfahrten in allen Schwierigkeitsgraden, denn der "Skeacher" muss sofort das Terrain parat haben, das zum Kunden passt. Der Vierersessel spuckt Skifahrer in Endlosschleife aus, die direkt aufs Schild zufahren. Gurtner winkt manchmal mit den Schoko-Päckchen, die Leute kommen näher. Es folgt Ski-Smalltalk auf der Piste. "Das kann nicht jeder, wir mussten uns auch erst reinfühlen." Man dürfe diese Arbeit auch nicht als minderwertig empfinden. "Skeacher ist kein Halbtagsjob. Wir sind richtige Skilehrer."

Rund 100 Skilehrer arbeiten bei der Skischule Scuol, als "Skeacher" sind acht abwechselnd auf der Piste. Sie zählen zu den Pionieren, waren im Winter 2017/18 dabei, als es die ersten zaghaften Versuche in Graubünden gab. Mittlerweile beteiligt sich mehr als ein Dutzend Skischulen von Arosa bis Zuoz.

Ob Snowboarder oder Skifahrer, Anfänger oder Crack, in der Gruppe oder im Privatunterricht

Ob Snowboarder oder Skifahrer, Anfänger oder Crack, in der Gruppe oder im Privatunterricht © imago images/Aurora Photos

Die Idee ist, die Zwischensaison besser auszulasten. Motto: Bevor der Skilehrer zuhause sitzt, steht er besser an der Piste und spricht mögliche Kunden direkt an, die im Tal wohl keinen Kurs gebucht hätten. Der Skilehrer 2.0 ist auch Werber und Verkäufer. Im Übrigen keine neue Rolle, sondern nur eine neu interpretierte, wie Markus Gurtner anmerkt: "Die Skilehrer vom alten Schlag sind früher in die Hotels und haben an der Bar Kunden geangelt."

Die nächsten Gäste von Gurtner sind ein Vater-Sohn-Duo. Lange Schwünge auf der roten Piste, dann zückt der "Skeacher" das Handy, drückt auf Play. Anschließend folgt eine Videoanalyse in der Liftschlange. Gurtners Vormittagsbilanz: vier zahlende Kunden in zwei Stunden, 27 Päckchen Schoko verteilt.

Am Nachmittag sind viele müde

Am Nachmittag wird es schwer für ihn, Kundschaft zu finden. "Nach dem Essen sinkt die Motivation bei den Leuten." Viele seien schon müde, könnten sich nur mehr schwer konzentrieren und würden lieber abschwingen Richtung Feierabend-Bier, als mit dem "Skeacher" an Fehlern zu arbeiten. Letztlich spielt auch unser modernes Ski-Zeitalter eine Rolle: Die Bahnen schaufeln mehr Leute weg, fahren schneller.

Für den Skifahrer bedeutet das mehr Abfahren und weniger Pausen. Er ist früher müde. Erst recht in Scuol, wo auch in der Hauptsaison kaum Schlangen an den Liften entstehen.

Und so ist man oft schon am frühen Nachmittag auf halbleeren Pisten unterwegs, die dank der südlichen Ausrichtung des Skigebiets von früh bis spät Sonne haben. Weil sich der Skizirkus in Scuol aber meist jenseits der 2000-Meter-Marke abspielt, ist es dort so kalt, dass die Pisten nicht sulzig werden, sondern winterlich-weiß bleiben.

Über eine Traumpiste geht's hinab

Ein finale furioso ist die Traumpiste hinab nach Sent: Der Skifahrer cruist erst durch flacheres Gelände. Dann wird es steiler, aber nicht zu heftig, sodass Carving-Schwünge noch gut drin sind. Die Skier brausen mit Tempo über natürliche, kleine Hügel, die ein kleines Kitzeln im Bauch auslösen. Es tauchen keine Skihütten auf, wo Bässe aus den Ritzen wummern. Als Pausenstation dient lediglich die verträumte "Sömi Bar" mit Blick auf die gegenüberliegenden Gipfel. Eine Aussicht, die dem Skifahrer auf der Piste treu bleibt. Der einzige Wermutstropfen ist, dass man am Ende zehn Minuten mit geschulterten Skiern durchs Örtchen Sent stapfen und dann mit dem Bus zurück nach Scuol muss.

Mittlerweile sind die "Skeacher" dabei, ihre sieben Sachen zu packen. Banner und Schilder sind verstaut, die Kartons leer. "Schoko an den Mann zu bringen, ist keine Kunst." Skikurse auf der Piste zu verkaufen, hingegen manchmal schon.

Mehr Informationen:
Graubünden Ferien, www.graubuenden.ch/de, Tel. 00 41 / 81 2 54 / 24 24

Skeacher in Scuol:
Eine Einheit (2 Abfahrten, rund 30 Minuten) kostet für eine Person 40 Franken (36 Euro). Zwei Personen zahlen je 25 Franken. www.snowsportscuol.ch
Mehr als ein Dutzend Skischulen in Graubünden bieten "Skeacher"-Kurse an.

Anreise:
Mit dem Auto ab Nürnberg 386 Km in fünf Stunden über den Fernpass.

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