Nur eine Verschwörungstheorie?

Gestern noch darüber gesprochen, heute schon Werbung dafür: Hören unsere Handys uns ab?

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Alexander Aulila

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10.5.2022, 16:07 Uhr
Der Verdacht wiegt schwer: Hören Tech-Konzerne uns tatsächlich mit Hilfe unserer Smartphones ab?

© pixabay Der Verdacht wiegt schwer: Hören Tech-Konzerne uns tatsächlich mit Hilfe unserer Smartphones ab?

Wer sein Smartphone viel nutzt, kennt die Situation: Man unterhält sich über ein Produkt und bekommt nur wenig später Werbung dafür angezeigt - ohne vorher im Internet danach gesucht zu haben. Jeder Vierte macht sich einer Umfrage von YouGov zufolge Gedanken, ob auf seinem Smartphone Spionagesoftware installiert ist. Für viele ist die Schlussfolgerung deshalb eindeutig: Das Handy muss wohl mithören. Aber ist das technisch überhaupt möglich?

Ein Motiv dafür, die Userinnen und User abzuhören, hätten viele Unternehmen, die mit Apps auf unseren Smartphones vertreten sind. Die Sammlung von Daten und damit auch optimal zugeschnittene Werbung sind Teil der Erfolgsstrategie von Alphabet, Meta und Co. Soziale Netzwerke, Messenger oder Mail-Postfächer sind grundsätzlich kostenlos - und spätestens die Netflix-Doku "Das Dilemma mit den sozialen Medien" hat die Sinne dafür geschärft, dass ein solches Geschäftsmodell nur dann funktionieren kann, wenn die Userinnen und User das zu vermarktende Produkt sind. Meta, der Konzern, zu dem unter anderem Instagram, Facebook und WhatsApp gehören, hat im Jahr 2021 117 Milliarden US-Dollar verdient - 97,4 Prozent davon nur aus Werbung. Bei Alphabet, dem Mutterkonzern von Google, waren es 2021 sogar mehr als 200 Milliarden US-Dollar reine Werbeerlöse

Technisch möglich, aber...

Die Technik, um mitzuhören, wäre jedenfalls vorhanden: Selbst wenn das Handy nur auf dem Tisch liegt und im Ruhezustand ist, könnten Gespräche theoretisch mitgehört werden, erklärt Prof. Hannes Federrath von der Universität Hamburg SWR3 gegenüber. "Wenn etwa eine App ohnehin Funktionen hat, um Sprache aufzuzeichnen oder zu übertragen, dann hat man ja irgendwann mal der App die Funktionalität gegeben, dass sie das Mikro oder die Kamera einschaltet", schildert der Informatiker die Lage. Habe man die Berechtigung erteilt, dass die App immer auf Sensoren oder die Kamera zugreifen darf, könne die App das auch tun. "Technisch gesehen sind die Apps dazu ohne Weiteres in der Lage", resümiert Federrath. Die einzige Lösung, dies auch technisch zu unterbinden, wäre, der App diese Berechtigungen wieder zu entziehen - was bedeutet, dass Userinnen und User dann innerhalb dieser Apps auch auf wichtige Funktionen wie Fotoaufnahme, Sprachnachrichten oder Ortungsdienste verzichten müssten.

Dauerhaft ein Ohr offen - und zwar von Haus aus - haben hingegen Sprachassistenten wie der Google Assistant oder Siri. Sie müssen aktiv sein, damit sie mitbekommen, wenn sie angesprochen werden. Rein technisch ist es also durchaus plausibel, dass die Smartphones dauerhaft zuhören - die Frage ist nur, was sie genau damit anstellen. Üblich ist beispielsweise bei Google Assistant, dass die Interaktionen mit ihm auch an Google übersandt werden, um den Service zu verbessern. Die großen Konzerne beteuern aber, dass sie ihre Userinnen und User trotz der technischen Möglichkeiten nicht abhören und bespitzeln. Dies versicherte auch Meta-Chef Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress.

Eine deutlich simplere Erklärung

Prof. Federrath hält das SWR3 zufolge sogar für realistisch. Es wäre ein "Riesen-Skandal", wenn so etwas bekannt würde, sagt der Informatiker. Das Vertrauen in die Konzerne würde in der Folge vermutlich derart sinken, dass sie Millionen Nutzerinnen und Nutzer verlieren - und damit auch ein Stück weit ihre Geschäftsgrundlage. Vertrauen sei für die Branche "relativ wichtig", glaubt Federrath.

Konkrete Hinweise oder gar Beweise, dass die Smartphones der Nutzerinnen und Nutzer genutzt werden, um sie abzuhören und Werbung zielgenauer ausspielen zu können, gibt es jedenfalls nicht. Damit die Tech-Konzerne etwas mit Sprachaufnahmen anfangen können, müssten diese entweder großflächig auf deren Server übertragen werden, was große Datenmengen zur Folge hätte, oder auf dem Smartphone selbst analysiert werden, was wiederum die Akkuleistung merklich schmälern würde.

Die viel logischere Erklärung für das Phänomen, das viele Menschen beobachten, liegt indes in der großen Stärke, die Tech-Konzerne haben: Sie sammeln derart viele Daten über ihre Userinnen und User, dass es keine Seltenheit ist, wenn Gesprächsthemen mit dem übereinstimmen, was auch Facebook, Google und Co. als relevant einstufen. Je nach Einstellung sammeln sie Standortdaten, analysieren anhand des Nutzungsverhaltens, welche Interessen Sie haben und selbst wenn Sie auf anderen Seiten surfen, beobachten Facebook und Google ganz genau, was Sie dort treiben. Unterbinden können Userinnen und User das nur, indem sie Cookies von Facebook, Google und Co. ablehnen.

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