Anklage: Versuchter Totschlag

Krankenpfleger-Azubi schlägt Nürnberger Taxifahrer mit Bierflasche krankenhausreif

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Ulrike Löw

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12.1.2022, 08:06 Uhr
Der Angeklagte, so  der Vorwurf,  warf dem Geschädigten eine Flasche an den Kopf. Derzeit sitzt er in U-Haft.

Der Angeklagte, so der Vorwurf, warf dem Geschädigten eine Flasche an den Kopf. Derzeit sitzt er in U-Haft. © Daniel Naupold, dpa

Nach einer "privaten Feier", so heißt es in der Anklage der Staatsanwaltschaft, betrat der 21-Jährige in der Nacht vom 28./29. August 2021 mit drei Bekannten gegen 4.30 Uhr die Jet-Tankstelle in der Ostendstraße im Stadtteil Mögeldorf.

Heute ist bekannt, dass der Krankenpfleger-Azubi Abdil A. (Name geändert) vorher, bei jener "privaten Feier" in seiner Wohnung, mit mehreren Kumpels Bier und Jägermeister getrunken und Cannabis geraucht hatte - 1,65 Promille betrug der Alkoholwert in seinem Blut.

Streit im Verkaufsraum der Tankstelle

Mittlerweile sitzt er seit vier Monaten in Untersuchungshaft, am 3. September 2021 wurde er festgenommen. Nun versucht er im Landgericht Nürnberg-Fürth über seinen Rechtsanwalt Martin Gelbricht zu erklären, was in jener Nacht geschah.

Um in der Tankstelle Nachschub, sprich noch mehr Bier, zu besorgen, zog Abdil A. mit drei Bekannten los. Dabei war auch ein damals 15 Jahre alter Jugendlicher. A. kaufte in der Tankstelle eine Flasche Zirndorfer Bier, im Verkaufsraum geriet die Gruppe mit einem Taxifahrer in Streit.


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Später, längst hatten alle den Verkaufsraum wieder verlassen, soll der Taxerer auf die Gruppe zugekommen sein, dieser Mann und auch sein Kumpel Abdil A. wirkten "streitlustig" erinnert sich der mittlerweile 16-Jährige als Zeuge vor Gericht: "Ich selbst wollte in dieser Nacht auf keinen Fall, dass die Situation eskaliert", sagt er .

Auf ihn wirkten beide Männer "kampfbereit". Schon weil er selbst damals von der Polizei gesucht wurde, wollte er unbedingt vermeiden, dass eine Streife alarmiert wird. Deshalb stellte er sich zwischen die beiden, er wollte schlichten. Der Mann habe sich abgewendet und sei zu seinem Taxi gelaufen.

Wurf mit voller Wucht

In diesem Moment warf Abdil A. dem Taxifahrer die volle Bierflasche mit Wucht aus zwei Metern Entfernung hinterher, er traf den Mann an der Schläfe - der Geschädigte stürzte bewusstlos zu Boden, sein Gesicht prallte auf den Asphalt.

Die jungen Männer flüchteten, natürlich habe er mit den anderen später über die Tat gesprochen, so der 16-Jährige. Er sei schockiert gewesen, für ihn war es "eine Tat aus dem Nichts, dabei hätte doch einfach jeder seiner Wege gehen können", erinnert er sich. "Ich habe schon gedacht, der Mann sei tot."

Und doch klingt die Erklärung der Verteidigung fast nach Notwehr: Abdil A. sei bereits früher bedroht worden, schildert sein Anwalt, damals habe ein Angreifer Abdil A. sogar ein Messer an den Hals gehalten.

Traumatisierung als Auslöser?

Diese Erinnerung sei hochgekommen und traumatisiert sei Abdil A. auch, weil ihn die Ereignisse in seinem Heimatland Afghanistan quälten. Im August 2021 haben die Taliban die Macht wieder übernommen, viele Staaten evakuierten damals ihre Landsleute unter dramatischen Umständen, die schockierenden Aufnahmen von Menschen, die sich an startende Flugzeuge klammerten, gingen um die Welt.

Ist es denkbar, dass all dies die Gedankenwelt des Abdil A. so verzerrte, dass er sich nicht mehr kontrollieren konnte? A.s Freundin bestätigt im Zeugenstand: Wirklich offen gab sich A. nicht, doch er wirkte in jener Zeit manchmal ängstlich, habe immer wieder unter Albträumen gelitten und Angst um seine Familie in Afghanistan gehabt.

Fest steht: Die Verletzungen des Taxifahrers sind massiv. Durch den ungeschützten Aufprall auf den Boden brach er sich das rechte, vordere Stirnbein, das Nasenbein, das rechte Augenhöhlendach und die Nasennebenhöhle. Er erlitt Hämatome und verletzte sich die rechte Schulter.

Die 19. Strafkammer des Landgerichts Nürnberg-Fürth kalkuliert derzeit mit Verhandlungstagen bis Ende Februar. Gehört wird auch ein Rechtsmediziner. Und als Gutachter, unter anderem zur Frage der Schuldfähigkeit, ist auch ein forensischer Psychiater gefragt.