Ella Schindler im Podcast

Krieg in der Ukraine: "Ich wünsche mir Herz und Pragmatismus"

Matthias Oberth
Matthias Oberth

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30.3.2022, 19:54 Uhr

Wenn Ella Schindler spricht, spürt man Hoffnung und Enttäuschung, Zuversicht und Verzweiflung, Mut und Frustration, Freude und Frust. Kein Wunder, denn sie wird unmittelbar mit dem Grauen in der Ukraine konfrontiert. Sie meldet sich tagtäglich bei ihren Freunden und Bekannten in Charkiw, der Partnerstadt Nürnbergs, und diese bei ihr. Was sie hier zu hören und zu sehen bekommt, ist erschütternd. Dennoch sagt Ella Schindler: "Die Mehrheit der Menschen ist so eingestellt, dass nur ein Sieg der Ukraine für sie in Frage kommt."

Die Alternative sei eine völlige Übernahme des Landes durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin - und dagegen kämpfen die Ukrainer mit allen Mitteln an. Gerade dieser unglaubliche Wille, sich dem übermächtigen Feind entgegenzustellen, die Bereitschaft, das eigene Leben für seine Heimat zu opfern, macht Ella Schindler betroffen, aber sie empfindet auch Wut über so manche Diskussion, die derweil in Deutschland geführt wird. "Wir jammern, weil wir zwei Autos haben und der Benzinpreis steigt, während dort Menschen den ganzen Tag bombardiert werden", macht sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube.

Natürlich ergreift sie Partei für ihre Landsleute und will mit ihrem Beispiel nur verdeutlichen, in welch´ unterschiedlichen Welten gelebt wird. Und sie mittendrin und zwischen den Stühlen. "Natürlich fragen mich die Menschen in Charkiw, warum die Bundesregierung nicht noch härtere Sanktionen verhängt, warum es keinen Stopp der Gas- und Öllieferungen aus Russland gibt?", so Ella Schindler. Auch für sie ist es "skandalös" und "verwerflich", dass die Bundesregierung hier keine klare Kante zeigt.

Parallel dazu erlebt sie eine unglaubliche Hilfsbereitschaft aus der deutschen Bevölkerung heraus. Der Partnerschaftsverein Nürnberg-Charkiw erhielt inzwischen über eine Million Euro Spendengelder und am Montag fuhr aus Nürnberg ein Zug in Richtung Charkiw los. An Bord unter anderem Hilfsgüter im Wert von 230.000 Euro, die der Verein beschafft hatte. Gleichzeitig treibt Ella Schindler die Sorge um, wie es in halben oder gar einem Jahr mit dem Entgegenkommen der Menschen aussehen wird. Sie glaubt an kein schnelles Ende es Krieges und nur harte Sanktionen könnten ihren Teil dazu beitragen, um die Stimmung in Russland zum kippen zu bringen. Den eines ist für viele Ukrainer klar: Solange Putin an der Macht ist, bleibt die Ukraine bedroht.

Ella Schindler wirbt zudem um Verständnis, für die ein oder andere Reaktion der in Deutschland ankommenden Flüchtlinge aus der Ukraine. "Was diese Menschen brauchen ist unser Herz und Pragmatismus", so die Journalistin. Pragmatismus vor allem deshalb, weil sich die Helfenden vielleicht manchmal vor den Kopf gestoßen fühlen, weil einem die traumatisierten Menschen nicht vor Dankbarkeit um den Hals fallen oder den selbstgebackenen Kuchen als Begrüßungsgeschenk nicht richtig würdigen.

Sie selbst kümmert sich derzeit - neben ihren vielen anderen Aufgaben - um vier junge Mütter, die sie betreut. Allein die Tatsache, dass Männer zwischen 18 und 60 Jahren die Ukraine nicht verlassen dürfen und die Geflohenen oftmals alte oder behinderte Menschen zurücklassen mussten, weil sie den beschwerlichen Weg nicht auf sich nehmen konnten, führe zu einer belastenden Situation, die sich die wenigsten von uns vorstellen können. Und sie bittet darum, "Herz zu zeigen" und keine zu hohen Erwartungen zu haben. Zu den Kundgebungen oder den Benefizkonzerten zu gehen, sei dabei nicht nur ein symbolischer Akt. Ella Schindler weiß aus von ihren Kontaktpersonen, dass die Bilder in der Ukraine ankommen und "auch das gibt ihnen die Hoffnung und den Mut, weiterhin für ihr Land einzustehen."

Das Spendenkonto des Partnerschaftsvereins Charkiw-Nürnberg für die Unterstützung der Charkiwer Bevölkerung:
IBAN DE12 7605 0101 0001 3500 58 bei der Sparkasse Nürnberg.
Verwendungszweck: "Hilfsprojekte in Charkiw"