Kein Kavaliersdelikt

Was führen die Diebe im Schilde? Rätsel um auffällig viele gestohlene Ortstafeln in Franken

Rurik Schnackig
Rurik Schnackig

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23.1.2023, 16:32 Uhr
Nur der Rahmen steht noch: Vor Herpersdorf fehlt, aus Bullach kommend, das Ortsschild.

© Burger Nur der Rahmen steht noch: Vor Herpersdorf fehlt, aus Bullach kommend, das Ortsschild.

Die Bewohner von Fickmühlen in Cuxhaven sind das schon gewohnt. Ebenso ist man in Wacken (Kreis Steinburg) nicht mehr erstaunt, wenn mal wieder das Ortsschild fehlt. Im letztgenannten Fall wird die gelbe Tafel gern als Andenken an den Festivalbesuch "eingepackt", im erstgenannten bildet eher der kuriose Name den Anreiz, das Schild abzuschrauben. Aktuell werden jedoch auch in der Region mit einer ungeahnten Energie Schilder entfernt. Das Motiv ist unklar. Fest steht: Polizei und Gemeinden finden es gar nicht lustig.

Manchmal gehören Manipulationen an Schildern eher in die Kategorie Lausbubenstreich. Und bisweilen gibt es ja auch Ortsnamen, die fast schon ein wenig dazu einladen. Beim kleinen Weiler Ursulapoppenricht in der Oberpfalz etwa wird gern mal mit gleichfarbigem gelben Papier das "richt" am Ende getilgt. Und einmal im Jahr zur Frühlingszeit finden Spaßvögel, dass das "ohe" in Osternohe (Nürnberger Land) verzichtbar ist und decken es - den Feiertagen entsprechend - ab. Selbst Verantwortliche nehmen's gelassen und mit Humor.

1,6 Millionen Schilder im Jahr verschwinden

Doch der Spaß hört dort auf, wo sich jemand mit Werkzeug zu schaffen macht. Und das ist nun erstaunlich oft der Fall: Gut 1,6 Millionen Verkehrrschilder (darunter auch Ortsschilder) müssen jährlich in Deutschland ersetzt werden, hat der ADAC ausgerechnet. Für die 16 Schilderhersteller, die es hierzulande gibt, ist das nicht die schlechteste Nachricht.

Wohl aber für diejenigen, die das bezahlen müssen. Ab 150 Euro kostet so ein Ortsschild, sagt der ADAC. Einzelne Gemeinden sprechen aber von höheren Kosten. Mit Montage und je nach Beschriftung und eventuellem Diebstahl-Erschwernissen ist man da schnell mal bei 500 Euro. Kommen noch Beschädigungen an dem Rahmen dazu, wird der Etat noch stärker belastet.

In der Metropolregion gibt man also gerade viel Geld für neue Ortsschilder aus, im Jahr 2023 scheinen Schilder eine besonders begehrte Beute zu sein. Los ging es Anfang Januar in Thalmässing (Landkreis Roth) mit dem Schild der Landkreisgrenze. Wie die Polizei mitteilt, war das der Auftakt für eine Serie. Es folgten: Ulsenheim (Landkreis Neustadt an der Aisch-Bad Windsheim), Treuchtlingen (Weißenburg-Gunzenhausen), Bullach, Laipersdorf (beide Nürnberger Land), Herpersdorf (Erlangen-Höchstadt) sowie Röthenbach an der Pegnitz (Nürnberger Land). Die Polizei hat die bestohlenen Ortsnamen bereits auf ihren Social-Media-Kanälen veröffentlich und bittet um Mithilfe und Hinweise an die Polizei vor Ort oder auch unter der Notrufnummer 110.

Lebensgefährliche Situationen

Die Polizei weist in diesem Fall nochmals daraufhin, dass es sich bei einem solchen Diebstahl keinesfalls um einen Kavaliersdelikt handele. Schließlich signalisiere ein Ortsschild auch, dass hier innerhalb geschlossener Ortschaft eine Höchstgeschwindigkeit von 50 Kilometern pro Stunde gelte. Falle diese Information weg, könne es zu lebensgefährlichen Situationen kommen, gerade wenn etwa Landmaschinen unterwegs sind.

Was wären juristische Konsequenzen? Der Tatbestand kann mehrerlei umfassen: Diebstahl, Sachbeschädigungen und gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr. Der Gesetzgeber sieht hierfür Geldstrafen oder Freiheitsstrafen mit bis zu fünf Jahren vor.

Orte, die besonders häufig betroffen sind, versuchen inzwischen mit unterschiedlichen oder speziellen Schrauben die illegale Mitnahme zu verhindern. Mit mäßigem Erfolg, denn auch die Diebe rüsten auf und bringen dann brachialeres Werkzeug, etwa eine akkubetriebene Flex, zur Demontage an den Einsatzort.

"Ein eigener Schilderwald"

Ein Schema lässt sich bei der aktuellen Diebstahlserie in der Region kaum erkennen. Über die Motive kann nur spekuliert werden. Sind es Mutproben? Langeweile? "Da baut sich jemand einen eigenen Schilderwald", vermutet ein Witzbold auf Facebook.

In Wacken, dem Ort des weithin bekannten Open-Air-Festivals, hat man übrigens auf den andauernden Diebstahl derart reagiert, dass man mittlerweile das Ortsschild offiziell und legal zum Verkauf anbietet. Die Nachfrage ist einigermaßen groß. Ob die Nachfrage, nach käuflich zu erwerbenden Schildern von Bullach oder Herpersdorf jedoch groß sein wird, sei dahingestellt.

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