Tonnenweise Rauschmittel online verkauft

Drogenlabore in Ansbach und München: Bandenchef flieht nach Thailand und wird festgenommen

10.1.2022, 13:45 Uhr
Vom Flieger direkt ins Gefängnis: Im Januar 2022 nahm die Polizei am Frankfurter Flughafen den mutmaßlichen Chef einer Drogenbande fest, die in Ansbach und München tonnenweise Drogen herstellten. Der Beschuldigte wurde nach Ansbach in die Justizvollzugsanstalt gebracht.

Vom Flieger direkt ins Gefängnis: Im Januar 2022 nahm die Polizei am Frankfurter Flughafen den mutmaßlichen Chef einer Drogenbande fest, die in Ansbach und München tonnenweise Drogen herstellten. Der Beschuldigte wurde nach Ansbach in die Justizvollzugsanstalt gebracht. © Bayerisches Landeskriminalamt

Zwei nach Thailand geflüchtete mutmaßliche Mitglieder einer bayerischen Drogenhändlerbande sind nach Deutschland ausgeliefert worden. Die beiden Männer hätten in München und Ansbach tonnenweise Rauschgift hergestellt, über das Internet vertrieben und seien vor der Polizei in das südostasiatische Land geflüchtet, teilte das Bayerische Landeskriminalamt (BLKA) am Montag mit. Einer der beiden Festgenommenen sei der mutmaßliche Anführer der Bande, hieß es.

Der 42-Jährige wurde zwischenzeitlich ins Ansbacher Gefängnis überführt, bestätigt BLKA-Pressesprecher Martin Hubert unserer Redaktion. Laut thailändischer Medien hielt sich der Deutsche bei seiner Festnahme am 6. Juli 2021 in seiner Luxusvilla auf Koh Phangang auf. Bei dem anderen in Thailand festgenommenen Bandenmitglied handelt es sich um einen 38-jährigen Deutschen. Dieser wurde am selben Tag an einem Strand auf Phuket festgenommen und bereits im Oktober 2021 nach Deutschland ausgeliefert. Nun sitzen beide in Untersuchungshaft.

In mehr als 30 Online-Shops wurden laut BLKA über das Internet unauffällig sogenannte "Kräutermischungen" verkauft. Doch in den bunten 3-Gramm-Packungen waren keine harmlosen Kräuter, sondern die gefährliche Droge NpS ("Neue psychoaktive Stoffe"). 25 Euro zahlten die Kunden mindestens pro Packung, und zwar bar als Nachnahmegebühr an der Haustür. Auf diese Weise wurden nachweislich von November 2016 bis März 2018 über 1,2 Tonnen NpS an über 20.000 Kunden verkauft. Umsatz: mehr als zehn Millionen Euro.

2017 begannen die Ermittlungen

Im März 2017 kamen die Beamten des BLKA der Bande auf die Spur, weil einer Mitarbeiterin eines Paketshops in Nordrhein-Westfalen der Geruch von "merkwürdigen Kräutern" aus den Paketen in die Nase stieg. Sie drohte dem Abholer mit der Polizei. Dieser flüchtete daraufhin.

In Wuppertal fiel zeitgleich ein weiteres kleineres Paket auf, weil es nicht abgeholt wurde. Die aufmerksamen Mitarbeiter hatten ein gutes Gespür bewiesen, so die Polizei: In den Paketen fanden die Beamten insgesamt 87 Kilogramm "Neue psychoaktive Stoffe". Diese Menge der synthetisch hergestellten Drogen hatte einen Straßenverkaufswert von 700.000 Euro.

Beide Paketchargen hatten einen Absender aus Ansbach. Die Kriminalpolizei und die Staatsanwaltschaft Ansbach übernahmen deshalb die Ermittlungen. Das BLKA gründete die Ermittlungsgruppe "Speer". Der Absender entpuppte sich als 32-jähriger Wahl-Münchner und gebürtiger Ansbacher, der die Drogen in extra angemieteten Privatwohnungen herstellte. Der Mann führte in München ein Luxusleben und gab an, im Monat über 60.000 Euro mit der Produktion von NpS zu verdienen. Demnach hat er von März 2017 bis zu seiner Festnahme im März 2018 mehr als eine Million Euro umgesetzt.

Geld wurde auf über 100 Konten rein gewaschen

An diesem Punkt kamen die Finanzagenten der Gruppe ins Spiel. Die Einnahmen wurden auf über 100 Konten verbucht und auf diese Art gewaschen. So konnten die Ermittler beispielsweise auf einem einzigen Konto im Zeitraum von nur fünf Monaten über 10.000 Kontobewegungen feststellen. Für ihre Arbeit bekamen die Finanzagenten bis zu 10 Prozent der Kontobewegungen oder aber einen Fixbetrag von bis zu 5000 Euro pro Monat.

Bei mehreren Durchsuchungen stellte die Polizei etwa 240 kg NpS-Mischungen sowie 40 Liter E-Liquids (Substanz für E-Zigaretten, die ebenfalls mit NpS angereichert waren) sowie 230.000 Euro auf Strohmann-Konten sicher.

Zwischenzeitlich hätten Polizei und Justiz ihre Ermittlungen gegen 51 Tatverdächtige abgeschlossen, teilte das BLKA mit. Das Landgericht Ansbach habe mehrere Mitglieder der Bande zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Unter ihnen ist der 32-jährige Ansbacher. Er wurde vom Landgericht Ansbach zu 8,5 Jahren Gefängnis verurteilt. Laut BLKA-Pressesprecher kam dem Mann zugute, dass er vor Gericht umfangreiche Aussagen machte, die auch weit über seine Tätigkeit hinaus reichten.

Die Ermittlungsakten zum Boss der Bande sowie dem in Thailand festgenommenen Mitglied werden nun der Staatsanwaltschaft in Ansbach übergeben. "Wir gehen davon aus, dass das Strafmaß weit über dem des geständigen Ansbachers liegt", sagt der Pressesprecher gegenüber unserer Redaktion.

Gegen die beiden Hauptbeschuldigten wurden zudem sogenannte Vermögensarreste in Höhe von 8,6 Millionen Euro verhängt. Der Vermögensarrest ermöglicht es den Strafverfolgungsbehörden bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt auf das Vermögen der Betroffenen zuzugreifen. Damit kann verhindert werden, dass mutmaßliche Täter ihr Geld "in Sicherheit bringen".

NpS ist eine heimtückische Droge

Die Droge NpS hat laut BLKA den Rauschgiftmarkt regelrecht überflutet in den vergangenen Jahren. Für sie gibt es international noch keine einheitlichen Gesetze. So kann ein Wirkstoff in Deutschland verboten sein, jedoch in Spanien noch nicht. Oder umgekehrt. Am 26. November 2016 trat das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz (NPSG) in Kraft, das den Umgang mit neuen psychoaktiven Stoffen reguliert. "Dadurch wurde das Geschäft mit den Substanzen illegal", sagt Hubert. Die Gruppe habe ihr Geschäft jedoch nicht geändert und handelte weiterhin mit der mittlerweile illegalen Droge.

NpS werden in bunten, Aufmerksamkeit erregenden Packungen über Staatsgrenzen hinweg im Internet verkauft und erwecken den Anschein, harmlos und legal zu sein. Doch kein Konsument kennt die Inhaltsstoffe und die verwendeten Dosierungen. Er weiß vorher nicht, wie die Drogen wirken werden.

Es gibt noch keine Studien zu Langzeitwirkungen von synthetischen Cannabinoiden, wie sie auch in diesem Fall produziert und verkauft wurden. Diese künstlich hergestellte Droge ist wesentlich stärker als das herkömmliche Cannabis. In zu hoher Dosierung sind Todesfälle keine Seltenheit, warnt die Polizei. Nebenwirkungen, wie Herz-Kreislauf-Probleme, Kreislaufkollaps, Bewusstlosigkeit, Psychosen und Panikattacken sind möglich.

Laut BLKA ist die Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit der Einnahme von NpS seit dem Jahr 2017 gesunken. Damals starben 37 Menschen, bei einer Gesamtzahl von 308 Drogentoten in Bayern. Seitdem liegt die Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit NpS jedoch konstant bei etwa einem Dutzend pro Jahr. 2020 etwa waren es genau 14. Dabei müsse jedoch von einer sehr hohen Dunkelziffer ausgegangen werden.


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