Erneutes Zahlenwirrwarr: RKI lässt nicht alle gemeldeten Infektionsfälle in Inzidenz einfließen

Bastian Lauer

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9.12.2021, 16:10 Uhr
Der Blick auf das RKI-Dashboard am Mittwoch, 8. Dezember: 352 Fälle in sieben Tagen, das zuständige Landratsamt Neustadt hat jedoch andere Zahlen. 

© Bastian Lauer, NN Der Blick auf das RKI-Dashboard am Mittwoch, 8. Dezember: 352 Fälle in sieben Tagen, das zuständige Landratsamt Neustadt hat jedoch andere Zahlen. 

97 am Mittwoch, 110 am Dienstag, 66 am Montag, 74 über das Wochenende – die Windsheimer Zeitung veröffentlicht täglich die Zahl der Neuinfektionen, die das Landratsamt am frühen Nachmittag per Pressemitteilung verkündet. Von dort, beziehungsweise vom Gesundheitsamt, werden im Laufe des Tages die Fallzahlen an das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) gemeldet und von dort ans RKI, das auf dieser Basis die offiziell gültige Inzidenz für den Kreis errechnet.

Jene Inzidenz schwankt seit dem 15. November zwischen 219 und 350. Der Wert scheint allerdings seitdem um bis zu 250 Punkte zu niedrig zu sein. Denn die Inzidenz lässt sich für den hiesigen Landkreis überschlagsmäßig relativ einfach berechnen. Die offizielle Einwohnerzahl beträgt 101.272, addiert man die gemeldeten Neuinfektionen der vergangenen sieben Tage, sollte diese Summe auch nahezu die Inzidenz (Infektionen in sieben Tagen pro 100.000 Einwohner) widerspiegeln.

Für 17. November ergäbe das beispielsweise eine Summe von 400 Infektionen an den vorangegangenen sieben Tagen. Seitdem ging der Trend – leicht schwankend – stetig nach oben, bis er am 6. Dezember gar 569 Fälle in sieben Tagen erreicht hatte. Spitzenwert. Theoretisch müsste die vom RKI veröffentlichte Inzidenz – vielleicht auch mit zeitlichem Verzug – ähnlich hoch sein.

Keine Erklärung von LGL und RKI

Mit den an diesem Mittwoch gemeldeten 97 neuen Fällen ergäbe sich für den Betrachtungszeitraum von 2. bis 8. Dezember eine Summe von 527 Corona-Fällen im Kreis. Seit 26. November liegen diese aufaddierten Summen immer über 500. Doch die Inzidenz lag laut RKI auch gestern wieder „nur“ bei 347,6. Wir haben bei den Behörden nachgefragt. Vorweg: Die Antworten von LGL und RKI waren ausführlich, brachten aber keine Erklärung.

Landratsamtssprecher Bastian Kallert betonte, er könne nur spekulieren: Vielleicht erfolge aufgrund der großen Menge an Fällen momentan die Zuweisung durch das RKI zu einem bestimmten Datum so stark verzögert, dass solche Fälle dann nicht mehr in die Inzidenz-Berechnung einfließen.

Das RKI erklärte, dass in jedem Fall „die Daten aufgrund des großen Informationsbedürfnisses tagesaktuell veröffentlicht“ würden. Das ist offenbar auch korrekt: Das RKI gab am Mittwoch die Gesamtfallzahl für den Kreis mit 7651 an, das sind nur 16 weniger, als dem Landratsamt am Dienstag bekannt waren. 24 Stunden Meldeverzug müsse man einkalkulieren, betonen der Windsheimer Zeitung gegenüber alle Behörden. Diese Verzögerung gab es eigentlich auch schon immer. Interessant: Die Fälle der vergangenen sieben Tage gab das RKI gestern mit 352 an. Das passt zur Inzidenz, aber nicht zu den Fallzahlen des Landratsamtes.

"Übermittlungsverzug" bei Inzidenzen

Aber müsste die Inzidenz nicht irgendwann auf die vom Landratsamt erhobenen und weitergemeldeten Zahlen reagieren? Laut RKI sei ein „Übermittlungsverzug“ immer möglich, der dann auch zu einer „Unterschätzung“ der Inzidenz führen kann. Wie groß dieser Verzug sein kann und ob die Daten irgendwann nachgereicht und bereinigt werden, darauf ging das RKI nicht ein.

Das LGL erklärt es so: Es nennt das sogenannte „Meldedatum“ jedes Falls, das für die Berechnung der Inzidenz maßgebend ist. Dieses Meldedatum muss aber nicht jener Tag sein, an dem ein neuer Fall erstmals in der Statistik auftaucht. „Daher kann die 7-Tage-Inzidenz nicht über die Aufsummierung der jeweils neu berichteten Fälle der vergangenen Tage berechnet werden“, schreibt das LGL. Es gebe in der Tat rückwirkende Änderungen der Fallzahlen, die somit „auch Einfluss auf die Aktualisierung der 7-Tages-Inzidenz haben. Allerdings ist der größte Teil der Nachmeldungen in der Regel auf die vorangegangenen Tage zurückzuführen, diese werden also immer in den aktuellen Berechnungen der 7-Tage-Inzidenz berücksichtigt.“

Zusammenfassend: Es gibt Verzögerungen bei der statistischen Verwertung der durch das Landratsamt weitergemeldeten Corona-Infektionsfälle. Diese sollen jedoch, so betonen RKI und LGL, eigentlich in die Inzidenz einfließen. Für den hier erläuterten krassen Unterschied im hiesigen Landkreis haben die Behörden aber keine schlüssige Antwort. Fehler im Meldesystem schließen sowohl das Landratsamt als auch das RKI aus.