Auf den Spuren der großen Polarforscher

Von Franken nach Antarktika: Forchheimerin taucht ein in Welt der Extreme

15.1.2022, 08:54 Uhr
Ein Anblick, der Demut lehrt. Von der Gesamtfläche von 14,2 Millionen Quadratkilometern sind 13,3 Millionen auf dem Kontinent mit Eis bedeckt – es macht knapp 90 Prozent der gesamten Eismassen der Erde aus.

Ein Anblick, der Demut lehrt. Von der Gesamtfläche von 14,2 Millionen Quadratkilometern sind 13,3 Millionen auf dem Kontinent mit Eis bedeckt – es macht knapp 90 Prozent der gesamten Eismassen der Erde aus. © Foto: Sylvia Kiesewetter

Eine Reise in das Südpolargebiet ist etwas Außergewöhnliches. Die Tierwelt, Schnee und Eis, die Farben, die Geräusche: alles ist in der Antarktis anders und wer einmal da war, wird dieses Erlebnis nie vergessen.

Von Buenos Aires geht es etwa 900 Kilometer in 30 Stunden über die gefürchteten Drake-Passage zur Antarktischen Halbinsel

Zum zweiten Mal besuche ich die Antarktische Halbinsel, weil ich mich in diese unglaubliche Landschaft und die einzigartige Tierwelt verliebt habe. Seitdem ist der Pinguin mein Lieblingstier. Es sind tapfere, mutige, schlaue und dazu noch possierliche Vögel, die ihren menschlichen Besuchern ein Dauerlächeln auf die Lippen zaubern. Für meine "Pingus" nehme ich die Flugzeit von fast 14 Stunden bis Buenos Aires, von dort noch einmal vier Stunden bis Ushuaia und alle Tests und Einreiseformulare, Warteschlangen und -zeiten auf mich. Von dort geht es etwa 900 Kilometer mit dem Schiff in 30 Stunden über die wegen ihrer Stürme gefürchteten Drake-Passage zur Antarktischen Halbinsel.

Zwei Eselpinguin-Küken warten auf Futter in ihrem „Nest“ aus Steinen. Die charmanten Vögel hat Sylvia Kiesewetter sofort ins Herz geschlossen.

Zwei Eselpinguin-Küken warten auf Futter in ihrem „Nest“ aus Steinen. Die charmanten Vögel hat Sylvia Kiesewetter sofort ins Herz geschlossen. © Foto: Sylvia Kiesewetter

Zurzeit liegen wir noch im Hafen von Ushuaia. Leider hat das Schiff einen Motorschaden und im Maschinenraum wird fieberhaft gearbeitet, denn alle wollen natürlich nach der langen Anreise endlich in die Antarktis. Die Sonne scheint, die Berge Patagoniens leuchten mit ihren schneebedeckten Bergspitzen, das Meer ist spiegelglatt, die Temperatur beträgt 13 Grad und das Geschrei der Möwen vermischt sich mit den Geräuschen des Hafens. Durchsage vom Kapitän: "Wir starten erst morgen Vormittag, weil die Behörden das Ergebnis abnehmen müssen." Wir sind enttäuscht: zwei Tage verloren.

Reisen nur unter strengen Vorgaben - Einblicke in ein gewaltiges Biotop

Reisen nach Antarktika (umgangssprachlich Antarktis) können nur unter strengen Vorgaben stattfinden. So dürfen nur Expeditionsschiffe mit einer bestimmten Eisklasse und weniger als 200 Passagieren das antarktische Meer befahren. Nur 100 Passagiere dürfen gleichzeitig an Land gehen. Die Schiffe müssen autark sein und dürfen keinerlei Spuren hinterlassen. Schuhe und Kleidung werden nach und vor jedem Besuch gereinigt, nichts darf das Biotop Antarktis verändern. Auch wenn die Tiere keinerlei Scheu vor dem Menschen haben und sich teilweise bis auf Zentimeter heranwagen, darf man sie nicht berühren. Auf keinen Fall darf man in irgendeinen natürlichen Vorgang eingreifen, nichts darf mitgenommen werden, auch kein noch so kleines Steinchen.

Ein Anblick, der Demut lehrt. Von der Gesamtfläche von 14,2 Millionen Quadratkilometern sind 13,3 Millionen auf dem Kontinent mit Eis bedeckt – es macht knapp 90 Prozent der gesamten Eismassen der Erde aus.

Ein Anblick, der Demut lehrt. Von der Gesamtfläche von 14,2 Millionen Quadratkilometern sind 13,3 Millionen auf dem Kontinent mit Eis bedeckt – es macht knapp 90 Prozent der gesamten Eismassen der Erde aus. © Foto: Sylvia Kiesewetter

Antarktika wartet mit unglaublichen geografischen und klimatischen Daten auf: Von der Gesamtfläche von 14,2 Millionen Quadratkilometern sind 13,3 Millionen mit Eis bedeckt – es macht knapp 90 Prozent der gesamten Eismassen der Erde aus. Würde das antarktische Eis mit einem Mal abschmelzen, würde der Wasserspiegel der Weltmeere um 60 Meter steigen.

Auf dem Spuren der großen Polarforscher

Die durchschnittliche Dicke des Eises auf der Landfläche: fünf Kilometer. Die höchste Erhebung ist das Vinson-Massiv mit 4897 Metern. Die niedrigste bisher gemessene Temperatur auf dem Kontinent: -89,6°C. Die Windgeschwindigkeiten können 320 km/h erreichen. Die Distanzen von Antarktika zu den benachbarten Kontinenten sind beträchtlich, nur Seevögel und Meeressäuger konnten daher den eisigen Erdteil besiedeln.

Zwei Eselpinguin-Küken warten auf Futter in ihrem „Nest“ aus Steinen. Die charmanten Vögel hat Sylvia Kiesewetter sofort ins Herz geschlossen.

Zwei Eselpinguin-Küken warten auf Futter in ihrem „Nest“ aus Steinen. Die charmanten Vögel hat Sylvia Kiesewetter sofort ins Herz geschlossen. © Foto: Sylvia Kiesewetter

Die Entdeckungs- und Erkundungsgeschichte Antarktikas ist mit vielen berühmten Namen verbunden – Drake, Cook, Ross, Scott, Amundsen und viele mehr.

Erst vergangene Woche war der 100. Todestag von Sir Ernest Shackleton, der Name des Polarforschers und seine spektakulär gescheiterte, aber letztlich glücklich überstandene Expedition sind längst ein Symbol für die übermächtige Natur und den Willen des Menschen, ihr zu trotzen. Die Antarktis ist ein extremer, ein unerbittlicher und menschenfeindlicher Lebensraum. Außer einigen Forschungsstationen gibt es keine Besiedlung.

Während ich dies schreibe, ist Wind aufgekommen, der um das Schiff pfeift und gegen die Fensterscheiben drückt. Das Meer ist aufgepeitscht und mit Schaumkronen bedeckt. Wellen schlagen dumpf gegen den Bug.

Die Expedition beginnt

Nach einer Verzögerung von drei Tagen startet unsere Expedition endlich Richtung Antarktika. Unser erstes Ziel ist Brown Bluff (Braune Klippe), ein Tafelvulkan an der Nordspitze mit zwei großen Pinguinkolonien. Die Vorstellungen von der Antarktis sind fest mit dem Pinguin verbunden, auch wenn es außerhalb der Südpolregion vierzehn Arten gibt und im ewigen Eis nur vier: Esel-, Adelie-, Zügel- und Kaiserpinguin.

Schon von weitem ist der tatsächlich einem Esel ähnelnde Ruf der Eselpinguine zu hören. Im Wasser gleiten elegant Scharen von Adeliepinguinen auf der Jagd nach Krill durch das Wasser. Mit Schwung springen sie auf die Eisschollen, schauen sich um und stürzen sich wieder zurück ins Meer. An den Hängen der vulkanischen Berge bei Brown Bluff liegt noch alter Schnee. Jetzt ist Sommer und die Sonne geht nur für etwa vier Stunden unter und steht zu Mittag im Norden flach über dem Horizont.

NN-Autorin Sylvia Kiesewetter vor der Pinguin-Kolonie an Brown Bluff auf der Antarktischen Halbinsel.

NN-Autorin Sylvia Kiesewetter vor der Pinguin-Kolonie an Brown Bluff auf der Antarktischen Halbinsel. © Foto: Sylvia Kiesewetter

Riesige Gletscherzungen erstrecken sich in das Meer, bilden hohe Abbruchkanten mit blauen Eiseinschlüssen, die so alt sind, dass das Gewicht des Eises den gesamten Sauerstoff herausgequetscht hat. Auf mich wirkt diese Landschaft wie von einem anderen Planeten oder aus den Urzeiten unserer Erde.

Auf einer Eisscholle döst ein Seeleopard in der milchigen Sonne. Direkt daneben tummelt sich ein Adeliepinguin. Er scheint zu wissen, dass der Leopard satt ist. "Seeleoparden fressen Pinguine wie Chips", sagt unser Bord-Biologe Dr. Oliver Krüger. "Wenn er einen erwischt, schlägt er ihn so lange auf die Wasseroberfläche, bis die Haut aufreißt und sich wie ein Pullover über den Körper wegstülpt."

Am Strand können wir die Reste seiner Mahlzeiten sehen: Überall liegen Gerippe, Köpfe, Flügelflossen und Füße von Pinguinen. Der Schnee an den Hängen von Brown Bluff ist rotbraun von den Hinterlassenschaften der Pinguine. Die Farbe kommt von ihrer Lieblingsmahlzeit, dem Krill. Der Geruch ist streng und wird sich nach ein paar Tagen in unseren Jacken festgesetzt haben. Da seit etwa 50 Jahren der Bestand an Robben und Walen zurückgehe, bleibe den Pinguinen mehr Krill und ihre Bestände werden größer, weiß Krüger.

Pinguine haben Vorfahrt

Wir gehen vorsichtig über das Geröll am Strand. Pinguine haben Vorfahrt: Wir müssen stehen bleiben, wenn sie unseren Weg kreuzen. Den vorgeschriebenen Abstand von fünf Metern zu den Vögeln können wir selten einhalten, da die Tiere neugierig in ihrem unvergleichlichen Gang auf uns zu watscheln und unsere Gummistiefel inspizieren. Wir sind hier nur Zuschauer.

In den beiden Brutkolonien herrscht lebhaftes Treiben. Die Küken sind schon relativ groß und alle wohlgenährt. Die Nester, aus kleinen Steinchen gebaut, werden heftig verteidigt, wenn sich ein Nachbar zu weit heranwagt. Nur jetzt im Sommer sind die Pinguine an Land. Den größten Teil ihres Lebens verbringen sie im und unter Wasser. "Durch ihre flexible Augenlinse sehen sie im Wasser und in der Luft gleich gut", erklärt Oliver Krüger.

Diese charmanten Gesellen mit ihren oft menschenähnlichen Gesten schließen wir sofort in unser Herz, weil sie so mutig und sympathisch sind – und hochspezialisierte, von der Evolution an diesen extremen Lebensraum bestens angepasste Vögel. Schön, dass ich sie überall auf Antarktika treffen werde.

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