Teil 2 der Zeitungsserie

"Auf jüdischen Spuren" in Treuchtlingen: Eine Schule, die verboten wurde

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14.1.2022, 06:27 Uhr
Im November 2021 erweckte der Arbeitskreis 9. November die Geschichte der Treuchtlinger Juden im Rahmen eines Spaziergangs zum Leben. Diese Serie greift die Stationen des Spaziergangs auf und einige weitere Aspekte der jüdischen Geschichte.

Im November 2021 erweckte der Arbeitskreis 9. November die Geschichte der Treuchtlinger Juden im Rahmen eines Spaziergangs zum Leben. Diese Serie greift die Stationen des Spaziergangs auf und einige weitere Aspekte der jüdischen Geschichte. © Foto: Lidia Piechulek

1730 befand sich die sogenannte Judenschule noch in der Uhlengasse. Damals war die jüdische Bevölkerung in Treuchtlingen sehr stark vertreten und machte einen großen Prozentsatz der Einwohner aus. Das zeigt sich auch darin, dass im Jahr 1858 ein Umzug in größere Räumlichkeiten nötig wurde: Temporär zog die Judenschule in das Rathaus um, und erlebte 1859 einen weiteren Umzug in das Degenkolb-Haus.

1877 erwarb die jüdische Gemeinde schließlich das Gebäude neben dem Treuchtlinger Stadtschloss, anstelle der Scheune des Nachbarhauses entstand hier die "israelitische Schule".

Die jüdische Gemeinde richtete dort eine eigene Volksschule für ihre Kinder ein. Insgesamt wurden in Treuchtlingen 203 Jahre lang Kinder jüdischen Glaubens in einer eigenen Schule unterrichtet – es war also bei weitem keine temporäre Erscheinung. Im Jahr 1924 wurde die Judenschule in der Schlossgasse von der staatlich anerkannten zur privaten Gemeindeschule erklärt.

Noch immer die gleiche Raumaufteilung

Eng verbunden war sie damals mit einem bestimmten Familiennamen: Fulder. Bernhard Fulder war der Lehrer der Schule und lebte zeitweise mit seiner Familie in dem Schulgebäude. Noch heute ist die Raumaufteilung dort die gleiche wie einst, als hier täglich Kinderlachen und das Malen von Kreide auf einer Tafel zu hören waren.

Hier trafen sich glückliche und unbeschwerte Kinder, und später die leidenden, unglücklichen Kinder marginalisierter jüdischer Familien. Hier lebte eine Familie, die sich zunehmend den Repressionen durch SS-Männer und der nicht-jüdischen Bevölkerung ausgesetzt sah.

Es war das Zuhause von Bernhard Fulder, seiner Frau, seinen beiden Söhnen und Töchtern, bis zu jenem Tag im Jahr 1935, an dem das Übel seinen Anfang nahm; An dem die Schule – angeblich als eine Sparmaßnahme – geschlossen werden musste.

Sie verloren ihr Zuhause

Sie ging an den Reichsarbeitsdienst über, sodass Familie Fulder ihr Zuhause auf staatliche Anordnung verlor. Sie zogen damals in das Treuchtlinger Stadtschloss um. Es sollte der Beginn einer Familientragödie werden, die exemplarisch für das Schicksal vieler Treuchtlinger Juden ist. Am 10. November 1938 trieben SS-Männer die Familie unter Schlägen zum Treuchtlinger Bahnhof. Der Lehrer Bernhard Fulder starb zwei Jahre später in einem Konzentrationslager in Südfrankreich.

Seine Söhne, Nathan und Gustav, wurden in Auschwitz ermordet. Die Töchter Adele und Jenny sowie Bernhards Ehefrau Ida schafften es nach Palästina. Die Überlebenden begannen dort ein Leben nach dem Nazi-Terror.

Eine Enkelin des einstigen Treuchtlinger Lehrers, Mirjam, wurde selbst Lehrerin und unterrichtete ihr ganzes Leben in Palästina. Sie besuchte Treuchtlingen vor einigen Jahren gemeinsam mit ihrem Ehemann. Unter anderem aus dem Kontakt zu ihr entstand eine Verbindung zu den Überlebenden und Nachkommen der Treuchtlinger Juden, die in einem Treffen in Jerusalem mündete. Dies wird Thema in einem späteren Teil der Serie sein.

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