Auf den Dörfern

Corona: Gastwirte aus Altmühlfranken blicken besorgt in die Zukunft

12.1.2022, 06:22 Uhr
Bayern verzichtet auf schärfere Corona-Regeln in Gaststätten. Die Wirte sind erleichtert.

Bayern verzichtet auf schärfere Corona-Regeln in Gaststätten. Die Wirte sind erleichtert. © imago images/snapshot, NN

Christoph Rummer hat den elterlichen Betrieb zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt übernommen – kurz vor dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020. „Und dann musste ich gleich mal zusperren“, sagt er. Der „Frankenhof am Altmühlsee“ in Streudorf ist ein Familienbetrieb. Neben Rummers Frau und seinen beiden Töchtern packen auch seine Eltern noch mit an. Selbst seine Oma steht mit ihren 96 Jahren regelmäßig in der Küche. „Ohne meine Familie und das Stammpersonal würde es nicht gehen“, sagt Rummer. „Da hätte ich keine Chance.“

Nichts mehr planbar

Denn die großen Leidtragenden der Pandemie, davon ist er überzeugt, sind die Gastronomie und die Hotellerie. „Die haben die meisten Auflagen.“ Rummer kennt beide Branchen, denn einen Großteil seiner Einnahmen bringen die Gästezimmer des „Frankenhofs“ ein. Ständig gebe es neue Maßnahmen, nichts mehr sei planbar.

Rummer will nicht jammern, er kennt Kollegen, die es deutlich schlechter getroffen haben. „Bei den Betrieben um die Seen geht es gerade noch so. Für die Häuser weiter weg ist es wirklich hart.“ Aber auch der Streudorfer hat zu kämpfen. Während der vergangenen zwei Jahre hat er sich mit Investitionen in seinen Betrieb zurückgehalten – zu groß ist die Angst, dass es mit den Einschränkungen noch lange so weitergeht.

Zweiter Ruhetag

Zwei Drittel der Tische im Gastraum mussten raus, um die Abstandsregeln einhalten zu können. „Weihnachtsfeiern, Geburtstage und Taufen: Das ging alles flöten“, sagt Rummer. Und auch Stammtische oder Vereinsversammlungen: „Alles tot.“ Gerade auf die Veranstaltungen, die gut planbar waren, muss er nun verzichten. „Jetzt weiß ich vorher nie, was der Tag bringt.“

Erst am Dienstag hat die Staatsregierung beschlossen, dass in Gaststätten weiterhin die 2G-Regel gilt: Geimpfte und Genesene dürfen kommen. Es gibt aber ein Problem, hat Rummer beobachtet: Das Verhalten der Gäste hat sich geändert. „Die Menschen gehen nicht mehr so fort wie früher. Sie haben Angst.“

Christoph Rummer betreibt den „Frankenhof am Altmühlsee“ in Streudorf. 2G ist besser als 2G-plus, sagt er zur gestrigen Entscheidung der bayerischen Staatsregierung. Einfach hat es seine Branche derzeit dennoch nicht.

Christoph Rummer betreibt den „Frankenhof am Altmühlsee“ in Streudorf. 2G ist besser als 2G-plus, sagt er zur gestrigen Entscheidung der bayerischen Staatsregierung. Einfach hat es seine Branche derzeit dennoch nicht. © Judith Horn, NN

Er überlegt nun, wie es weitergeht im „Frankenhof“. Sein Personal will er halten. Gute Erfahrungen hat er im Winter mit einem zweiten Ruhetag gemacht, „das will ich beibehalten“.

Bei den Gästezimmern seien die Stornierungen extrem: „Wenn die Corona-Zahlen im Landkreis hochgehen, merken wir das sofort“, sagt Rummer. „Dann sagt die Hälfte der Urlauber ab.“ Das sei natürlich schlecht, denn sein Betrieb lebe vor allem vom Tourismus. Gerade der Langzeiturlauber lasse Geld in der Region. „Davon profitieren aber nicht nur wir, sondern auch der Bäcker vor Ort, der Einzelhandel – und auch die Handwerker. Denn wenn es der Gastro- und Hotelbranche gutgeht, investiert die auch wieder in ihre Betriebe.“

Eingedampfte Tourismus-Saison

In den nächsten Jahren, vermutet Rummer, werden noch einige Häuser zusperren. Er selbst habe aber nichts davon, wenn der Gasthof im Nachbardorf schließt: „Wir können nicht mehr Menschen bewirten. Dafür bräuchten wir mehr Personal, mehr Platz und mehr Zimmer.“ Und auch die Zeiten blieben die gleichen: Mittagessen gibt es nun mal von circa 11 bis 14 Uhr. Das könne man schwer erweitern, um mehr Gäste zu bedienen, weil die Menschen das gar nicht annehmen würden.

Corona hat die Tourismus-Saison kräftig eingedampft: Normalerweise sind Rummers Zimmer von Mai bis September oder Oktober, je nach Wetter, belegt. Durch das Virus ist die Saison auf drei Monate geschrumpft. „Und in dem kurzen Zeitraum das Geld für ein ganzes Jahr zu verdienen, ist schwer“, sagt Rummer. Immerhin: Der vergangene Sommer war gut in der kurzen Saison. „Wenn wir mehr Personal gehabt hätten, hätten wir auch mehr Gäste bedienen können.“ Er erwartet, dass 2022 noch kein „normales“ Jahr wird. „Ich rechne erst 2025 oder 2026 damit.“

Ein paar Kilometer entfernt, in Unterwurmbach, betreibt Sandra Hetzner den Gasthof „Schwarzer Adler“. Wegen Corona ist sie zurück in ihren alten Job, den sie nach der Übernahme des „Seßler“ an den Nagel gehängt hatte. An vier Vormittagen die Woche arbeitet sie nun wieder als Erzieherin. „Damit habe ich nach dem zweiten langen Lockdown angefangen, weil die Einnahmen aus der Gaststätte gefehlt haben.“

Leichtrunke fallen weg

Auch die Öffnungszeiten hat sie eingedampft. Zum einen, weil es sich nicht rentiert, zum anderen, weil sie für ihren Erzieherjob früh aufstehen muss und nicht am Abend vorher bis in die Nacht Bier zapfen kann. Montag und Dienstag ist nun Ruhetag, auch Mittwoch-, Samstag- und Sonntagabend ist die Wirtschaft geschlossen. Durchgängig geöffnet ist nur noch donnerstags und freitags. Mittagessen gibt es aber auch dienstags, mittwochs und am Wochenende.

Die Feste und Feiern sind beinahe alle abgesagt. „Für den Januar habe ich noch einen Geburtstag im Kalender stehen. Mal schauen, ob der stattfinden kann“, sagt Hetzner. Denn ständig ändern sich die Regeln, wer mit wie vielen Gästen wo und in welcher Form feiern darf. Für die Wirtin bedeutet das Ungewissheit und Stress, schließlich kann sie oft nur kurzfristig Lebensmittel einkaufen und weiß dann nicht, ob sie auch alles bekommt, was sie braucht.

Auch die Leichtrunke, die planbar Geld gebracht haben, fallen momentan weg. „Wir hatten in Unterwurmbach immer große Veranstaltungen, da kamen auch mal 60 oder 80 Mann.“ Nun machen das die Trauergäste daheim im kleinen Kreis. Die Wandergesellen, zum Teil nicht geimpft, wie Hetzner sagt, kommen nicht mehr zur „Herbergsmutter“, sondern bleiben unter sich. Und der „Seßler“-Stammtisch hat sich ins Private verlagert – das Bier ist billiger und die Regeln werden nicht kontrolliert wie im Gasthof. Auch die Sperrstunde um 22 Uhr störe die Gäste.

Hoffnung auf Normalität

„Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Natürlich hoffe ich auf Normalität.“ Solange sich die Lage aber nicht entspannt, will die Gastwirtin weiter nebenbei als Erzieherin arbeiten, das sei eine feste Einnahme, auf die sie derzeit nicht verzichten könne.

Sandra Hetzner gehört das Gasthaus

Sandra Hetzner gehört das Gasthaus "Schwarzer Adler" in Unterwurmbach. Wenigstens das Mitnehm-Geschäft läuft gut, sagt sie. © Gerald Ellinger, NN

Was Hetzner angenehm überrascht hat: das Mitnehm-Geschäft, das sehr gut läuft. „Ich habe mir damals gedacht: Wer kauft denn beim Deutschen sein Essen to go?“ Zumindest beim „Seßler“ machen das so viele Gäste, dass die Schlange schon mal bis zum alten Schlachthaus reicht.

Anfangs haben Hetzner und ihr Team Lehrgeld gezahlt: „Wir mussten erst überlegen, was sich gut transportieren lässt und lange warm bleibt. Die Steaks habe ich von der Karte runter, die sind durch und kalt, bis der Gast daheim ist.“ Wovon Hetzner auch profitiert, ist die Nähe zu Gunzenhausen und zum Gewerbegebiet Scheupeleinsmühle. Viele Firmen von dort holen regelmäßig Mittagessen bei ihr, auch von den umliegenden Dörfern ist Unterwurmbach gut zu erreichen.

Große Sprünge kann Hetzner momentan dennoch nicht machen. „Ich wollte die Fenster in der Wirtschaft erneuern. Das habe ich aber zurückgestellt.“ Immerhin konnte sie ihre drei Angestellten und den Aushilfskellner halten. „Ich hänge an der Gastwirtschaft und will nicht hinschmeißen.“ Die Arbeit mache auch weiterhin Spaß, wenn die Menschen ihr Essen holen und es ihnen schmeckt. „Aber es ist momentan ein großer Spagat.“