Medizinische Versorgung

Warum die Kinderärzte im Landkreis Neumarkt wahre Stoßzeiten erleben

Datum:040417.. Dr. Wolf-Dietrich Nahr. Foto: altrofoto.de..
Wolf-Dietrich Nahr

Neumarkter Nachrichten, stellvertretender Redaktionsleiter

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15.1.2022, 12:26 Uhr
Dr. Johannes Weichsel hat sich in Neumarkt als Kinderarzt niedergelassen. Der Kardiologe geht nach Gesprächen mit Kollegen davon aus, dass er etwas zur Entspannung der medizinischen Versorgungslage beitragen kann.

Dr. Johannes Weichsel hat sich in Neumarkt als Kinderarzt niedergelassen. Der Kardiologe geht nach Gesprächen mit Kollegen davon aus, dass er etwas zur Entspannung der medizinischen Versorgungslage beitragen kann. © Peter Roggenthin, NNZ

Kinder und Jugendliche unter 18 treffen im Landkreis Neumarkt auf eine vergleichsweise gute fachärztliche Versorgung mit Kinder- und Jugendmedizinern - wobei die Perspektiven der maßgeblichen Kassenärztlichen Vereinigung in Bayern (KV) und der Ärzte vor Ort etwas auseinanderklaffen.

Statistisch eher gut aufgestellt

Rein statistisch betrachtet geht es erkrankten Kindern im Landkreis Neumarkt gar nicht so schlecht: Die Selbstverwaltung der Ärzte und Krankenkassen gibt bundesweit vor, dass ein Kinderarzt 2862 Menschen unter 18 versorgen soll. Der Wert liegt im Landkreis Neumarkt mit 2877 leicht darüber. Dieser sei damit "in der Regelversorgung", erklärte Dr. Axel Heise von der KV Bayern auf Anfrage der Neumarkter Nachrichten. Der kompliziert errechnete Versorgungsgrad liegt bei knapp 78 Prozent. Erst bei einer Quote von 50 Prozent spreche man von einer Unterversorgung.

Derzeit sind im Landkreis laut KV-Vorgaben zwei Kinderarzt-Sitze unbesetzt. Dem stehen 7,25 statistische Kinderärzte gegenüber, fünf niedergelassene Ärzte mit vollen Sitzen und 2,25 Medizinerkapazitäten im Angestelltenverhältnis. Bei den Zahlen ist ein neuer Kinderarzt bereits eingerechnet: Am Montag kommender Woche eröffnet Dr. Johannes Weichsel in Neumarkt eine neue Kinderarztpraxis mit dem Schwerpunkt Kardiologie.

Andere Sicht der Dinge

Weichsel sieht die Versorgungssituation etwas anders als die Kassenärztliche Vereinigung, weshalb er sich auch zur Niederlassung in Neumarkt entschlossen hat. Nach der Schließung einer Kinderarzt-Praxis in Beilngries sieht er die Kollegen im Neumarkter Raum "eher überlastet". Nach Treffen mit anderen Fachärzten weiß Weichsel, dass diese über einen großen Patientenandrang berichten. Zeitweise werden die Bedingungen in den Praxen durch Eigenheiten der Kinderheilkunde noch verschärft: Je nach Jahreszeit können bei Kindern und Jugendlichen regelrechte Wellen von Infektionserkrankungen auftreten. Dr. Weichsel über seine Niederlassung und weitere Arzt-"Ansiedlungen": "Alle sind froh, wenn neue Leute dazukommen."

Der neue Neumarkter Kinder-Kardiologe spricht im Gegensatz zur Kassenärztlichen Vereinigung deshalb sehr wohl von einer "Versorgungslücke". Dies sei auch daran abzulesen, dass sich wenige Kinderärzte in der Region über einen längeren Zeitraum vergleichweise viele Not- und Wochenenddienste teilen müssten. Diese Situation würde entspannt, wenn es gelingen könnte, die freien Arztsitze im Landkreis Neumarkt zu besetzen.

Viele weibliche Kollegen im Einsatz

Dr. Johannes Weichsel versucht zu verstehen, warum Arztsitze vakant sind: Gerade in der Kinderheilkunde seien viele weibliche Kolleginnen in Teilzeit tätig. "Vielleicht trauen sich manche den Sprung in die Selbstständigkeit nicht zu", vermutet der Kinderarzt.

Tatsächlich ist die Kindermedizin im Landkreis Neumarkt schon jetzt sehr von Frauen geprägt: Von den zehn tätigen Medizinern sind acht weiblichen Geschlechts. Positiv fällt beim Landkreis Neumarkt auf, dass die Kinderärzte vergleichsweise jung sind: Kein Mediziner ist über 60. Das Durchschnittsalter liegt bei 46,5, während die Kollegen im bayernweiten Vergleich im Mittel 52,6 Jahre alt sind.

Dr. Johannes Weichsel drückt den Altersdurchschnitt weiter: Er ist 1980 im Erzgebirge geboren und hat nach dem Medizinstudium in Magdeburg und Dresden mit einem kardiologischen Thema promoviert. Das Praktische Jahr absolvierte er unter anderem an einer Kinderklinik in Sydney/Australien und an der Universität in Genf. Nach der Facharztausbildung zum Kinderarzt am Universitätsklinikum Dresden war er in einer Kinderarztpraxis und an der Klinik für Kinderkardiologie an der Uni Erlangen tätig.

Der Mediziner ist mit einer niedergelassenen Ärztin verheiratet und hat eine Tochter (6) und zwei Söhne im Alter von drei und acht Jahren.

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