Mit Anfang 20: "Ich bin mehrmals fast gestorben"

Nach Drogenrausch und Gefängnis: Wie sich Dominik Forster ins Leben zurückgekämpft hat

Lea-Verena Meingast
Lea-Verena Meingast

Redakteurin Verlag Nürnberger Presse

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16.12.2021, 10:58 Uhr
Dominik Forster setzt sich seit Jahren in der Suchtprävention ein.

© privat Dominik Forster setzt sich seit Jahren in der Suchtprävention ein.

Als er neun Jahre alt war, hat sich sein Leben vom einen auf den anderen Tag verändert: "Ich hatte einen Unfall. Ich bin aus sechs Metern Höhe vom Dach gefallen: Dreifacher Schädelbasisbruch, Innenohrabriss", erzählt der 33-jährige Nürnberger im Podcast Mit.Menschen. Die Ärzte sagten seinen Eltern damals, im besten Fall würde er schwerbehindert bleiben.

Doch er kam glimpflich davon: "Alle hielten es für ein Wunder." Er musste wieder neu lernen zu sprechen, zu laufen, aber schaffte es und konnte sogar wieder Fußball spielen. Er war in der Nürnberger Südstadt aufgewachsen, mit liebevollen Eltern, die aber "an den Umständen ihres Lebens zerbrochen waren", wie er sagt: Der Vater Alkoholiker, die Mutter manisch-depressiv und medikamentenabhängig. "Wenn Menschen hören 'süchtige Eltern', denken sie oft an eine Messi-Bude oder Misshandlungen. Das war bei mir null der Fall, ich hatte ein liebevolles Zuhause. Das finde ich wichtig zu vermitteln."

Jahrelang Mobbing ertragen, dann Partynächte und Drogen

Da seine Eltern selbst zu kämpfen hatten, erzählte ihnen Dominik Forster auch nicht, als er als Jugendlicher in der Schule Mobbing erfuhr. "Ich wollte nicht der Grund sein, dass es ihnen noch schlechter geht." Er war neu auf die Schule gekommen und wohl wegen des Unfalls nicht so weit entwickelt wie seine Klassenkameraden: "Im Alter von 13 bis 16 Jahren sah ich eher aus wie 10 bis 13 Jahre alt. Und ich war klein, dünn, ängstlich, hässlich. Ich war die perfekte Zielscheibe für alle."

Vier Jahre lang ertrug er Mobbing an der Schule. Mit 16 Jahren kamen die ersten Partynächte, mit 17 nahm er das erste Mal Drogen - und dachte: "Jetzt werde ich cool." Er nahm immer mehr Drogen und wurde zum Dealer. "Ich fühlte mich wie der King." Heute denkt er rückblickend anders: "Ich habe am Schluss 45 Kilogramm gewogen, hatte eine Nebenhöhlenverätzung, hab mir Schleim-Fäden aus dem Rachen gezogen und mir im Paranoia-Wahn mit einer glühenden Rasierklinge imaginäre Käfer aus der Haut gepuhlt."

SEK stürmt Wohnung, Hochsicherheits-Jugendhaft folgt

Mit nur 21 Jahren saß er dann in Hochsicherheits-Jugendhaft, nachdem ein Sondereinsatzkommando seine Wohnung gestürmt hatte. Er wurde verurteilt zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft wegen des Besitzes von 1,5 Kilo Speed.

"Gefängnis ist keine Resozialisierung. Wenn du noch nicht kriminell warst, wirst du es dort auf jeden Fall", sagt er. Fünf verschiedene Haftanstalten, 18 verschiedene Gänge und 30 Zellen hat er gesehen. "Jugendhaft ist schlimmer als Erwachsenenhaft. Du bist da zusammen mit ganz schlimmen Psychopathen. Nach einem Jahr war ich kaputt", sagt er.

Nach der Hälfte seiner Haftstrafe kam er aus der Haftanstalt zur Therapie. Am Ende folgte eine Adaption in einer WG, in der man auch wieder den Alltag lernt. "Zum Beispiel wie ist es einkaufen zu gehen, am Schnapsregal vorbei." Bis dahin war es ein langer Weg. "Ich lag in meinem eigenen Erbrochenen und bin mehrmals fast gestorben."

Seit 12 Jahren clean und seine Erfüllung in der Suchtprävention gefunden

Was er in der Therapie gelernt habe, sei alles richtig und wichtig gewesen. "Ich war aber damals noch nicht bereit dafür. Später habe ich das verstanden." Heute ist er seit 12 Jahren clean.

Bei der Suchtberatung mudra in Nürnberg hatte er Norbert Wittmann kennengelernt. Sie überquerten gemeinsam die Alpen. "Er hat mir das Leben gerettet." Er nahm Dominik Forster eines Tages mit in eine Schulklasse - das war der Auftakt seiner langjährigen Arbeit in der Suchtprävention, mit der er sich inzwischen selbständig machen konnte.

"Darin habe ich meine Erfüllung gefunden." Inzwischen hat er ein Programm entwickelt, mit dem er nachhaltig junge Menschen davor bewahren will, in die Sucht zu rutschen. Neben dem Live-Auftritt in Schulen umfasst es ein Online-Programm, dessen Ziel es ist, Fokus im Leben zu bewahren. "Nürnberg ist im Ranking der jährlichen Drogentoten ja immer vorne mit dabei. Das will ich unbedingt ändern."

Er hat zwei Bücher über sein Leben geschrieben:"Crystal.klar - Mein Leben als Junkie, Dealer, Häftling" und "Klar.kommen - Nach Crystal & Knast gibt dir keiner eine Chance". Er plant ein drittes und startet im Januar einen Podcast mit dem Titel "Natürlich high". Und er gibt weiterhin Schülern seine Erfahrungswerte mit. "Der Lebensentwurf von Heranwachsenden ist heute oft: Dealer werden, HipHop-Star oder beides. Ich hab das ja auch versucht. Ich kann ihnen sagen: Das funktioniert nicht."

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