Die Impfgeschichte des Nürnberger Lands

Ein Piks, der den Unterschied machen kann

13.1.2022, 18:24 Uhr
Über 135  000 Impfdosen sind mittlerweile im Röthenbacher Impfzentrum, seinen beiden Außenstellen in Altdorf und Hersbruck sowie durch mobile Impfteams verabreicht worden.

Über 135  000 Impfdosen sind mittlerweile im Röthenbacher Impfzentrum, seinen beiden Außenstellen in Altdorf und Hersbruck sowie durch mobile Impfteams verabreicht worden. © Brinek

Die genaue Zahl lasse sich schwer sagen, so Martin Seitz, es gebe ja keinen Landkreis, in dem nicht geimpft wurde. Aber „mindestens dreimal so viele Todesfälle“ wären es nach Schätzungen von Experten wohl gewesen, sagt er. Zudem habe die Impfung der Bevölkerung „viel einschneidendere Maßnahmen erspart“. 

Dabei stand der Beginn der Impfkampagne im Landkreis unter keinem gutem Stern. Denn eigentlich hätte die Tür der umfunktionierten Fertigungshalle an der Röthenbacher Stadtgrenze bereits am 27. Dezember 2020 für Impfwillige geöffnet werden sollen. Das Personal stand bereit, die Termine – zunächst nur für die über 80-Jährigen – waren hundertfach gebucht. Doch was fehlte, war der Impfstoff: Die geplante Lieferung kam nicht.

So erfuhren etliche Landkreisbewohner erst kurzfristig, dass ihr Termin ausfällt – einer davon war Alfred Unfried. Der Röthenbacher und seine Frau wären in der ersten Januarwoche an der Reihe gewesen, zwei Tage vor dem Termin hatten sie noch eine Erinnerung vom Impfzentrum per E-Mail bekommen.

Tags darauf folgte die Absage. Und nicht nur das: Statt unbürokratisch einen baldigen Ersatztermin zu erhalten, mussten sich die Unfrieds und alle anderen Betroffenen erneut online bemühen. Das hieß also: sich ganz hinten anstellen. „Wir sind rausgeschmissen worden“, drückt es der Röthenbacher aus. Der Ärger war entsprechend groß. Zu ihren neuen Impfterminen kamen die Unfrieds schließlich erst Ende März. 

Eine Herausforderung für das Team

Seitz sagt, dass die Situation auch für das Team des Impfzentrums sehr herausfordernd war. Bis heute gebe es Lieferprobleme nur beim Impfstoff von Biontech. Auch die Anmeldung über Callcenter und online sorgte zunächst für viel Frust in der Bevölkerung. Die ersten Dosen wurden im Impfzentrum erst am 10. Januar verimpft. Die mobilen Teams waren da schon seit zwei Wochen in den Altenheimen im Einsatz.

Den Betrieb des Impfzentrums hatten sich die Malteser aus Nürnberg gesichert. Über die Verhandlungen hielt sich das Landratsamt damals bedeckt. Nun sagt Dr. Seitz, das Impfzentrum sei auch den Hilfsorganisationen im Landkreis angeboten worden. BRK-Kreisgeschäftsführer Markus Deyhle bestätigt das. Man sei angesprochen worden, habe aber nicht die nötigen Kapazitäten gehabt. Der BRK stieg aber bald bei den mobilen Impfteams ein.

Die Nachfrage nach Impfungen war monatelang hoch. Im Mai öffneten in Altdorf und Hersbruck zwei Außenstellen, letztere wurde durch den BRK betrieben. „Das war die richtige Lösung“, sagt Seitz – nicht nur aufgrund der kürzeren Fahrtwege für Bürger aus dem südlichen und nordöstlichen Landkreis, auch politisch. „Die Altlandkreise sind noch nicht so sehr zusammen gewachsen“, sagt der FW-Kreisrat offen. Eine Aussage, die angesichts des anstehenden Jubiläums aufhorchen lässt. Im Juli 2022 jährt sich die Gebietsreform in Bayern zum 50. Mal. Im Sommer und Herbst ging die Nachfrage stark zurück, die Impfquote stagnierte. Röthenbach fuhr seine Kapazitäten drastisch herunter, die beiden Außenstellen wurden Ende August geschlossen.

Die Booster-Impfung, ab September erhältlich, war zunächst nicht nachgefragt. Erst als die Infektionszahlen stark anstiegen, folgte ein erneuter Ansturm auf Impftermine. Seit Dezember sind deshalb auch die beiden Außenstellen wieder geöffnet – mittlerweile in vertauschten Rollen: Denn in Hersbruck impfen nun die Malteser, in Altdorf das BRK. Auch durch die Freigabe des Biontech-Impfstoffs erst für Jugendliche ab zwölf Jahren, dann, in anderer Dosierung, für Kinder ab fünf Jahren stieg die Nachfrage wieder an.

Kaum mehr Erstimpfungen

40 bis 45 Prozent der Impfungen im Landkreis gehen auf das Konto des Impfzentrums, sagt Seitz. Er impft auch in seiner Heuchlinger Praxis – und wünscht sich ein Umdenken von Impfskeptikern. „Die Leute, die sich nicht impfen lassen wollen, haben eine so vorgefertigte Meinung, dass man da nicht rankommt“, sagt er. Im Impfzentrum, aber auch in den Praxen entfalle mittlerweile nicht mehr als eine von zehn Spritzen auf eine Erstimpfung. Durch die relativ hohe Zahl der Ungeimpften müsse man aber mit weiteren Corona-Wellen rechnen. Seitz wirbt auch für die Booster-Impfung, die die Immunabwehr deutlich steigere.

Bis Mitte des Jahres soll das Impfzentrum mindestens noch geöffnet sein, bis dahin läuft der Vertrag. Alles andere hängt von Entscheidungen aus München ab, sagt Seitz. 

Die Krankenhäuser in Lauf und Altdorf hatten zum Jahreswechsel 2020/2021 mit dem Impfen ihres Personals begonnen. Dr. Thomas Grüneberg, Geschäftsführer der Krankenhäuser Nürnberger Land, macht sich weiterhin für das Impfen stark. „Wir sind sehr froh, dass sich bereits so viele Menschen im Landkreis Nürnberger Land für eine Impfung gegen Covid-19 entschieden haben“, sagt Grüneberg.„Sie schützen sich damit vor schweren Verläufen der Krankheit, wie wir sie leider immer noch auf den Intensivstationen in Lauf als auch in Altdorf erleben.“