"Sie verwechseln Fakten mit Meinung"

Winkelhaider Intensivpfleger kritisiert Corona-Spaziergänger

14.1.2022, 14:50 Uhr
Stephan Plentinger weiß nur zu gut, wie es auf den Intensivstationen seit Beginn der Pandemie zugeht.

Stephan Plentinger weiß nur zu gut, wie es auf den Intensivstationen seit Beginn der Pandemie zugeht. © Kiryl Lis/stock.adobe.com

Seit Wochen gehen Menschen auf die Straße, um bei Spaziergängen gegen die Corona-Maßnahmen der Staats- und Bundesregierung zu demonstrieren - auch in Feucht und Altdorf (wir berichteten). Von spontanen Treffen kann dabei freilich nicht die Rede sein, dafür sind die Teilnehmerzahlen schlicht zu hoch. Viele derer, die Woche für Woche mitlaufen, bestreiten auch gar nicht, damit ihren Protest gegen die geltenden Maßnahmen zum Ausdruck bringen zu wollen. Selbstverständlich ist das ihr gutes Recht und von der Gesellschaft grundsätzlich auch hinzunehmen - vorausgesetzt, die Spaziergänge verlaufen friedlich und werden nicht von rechtsextremen Gruppierungen unterwandert.

Und dennoch stoßen diese Spaziergänge vielen Menschen sauer auf - auch denen, die seit rund zwei Jahren an vorderster Front gegen das Virus kämpfen. Einer von ihnen ist Stephan Plentinger, Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin aus Winkelhaid. In einem Schreiben an die Redaktion appelliert er an die Teilnehmer dieser Spaziergänge:

Mit Befremden muss ich feststellen, dass die „Spaziergänge“ gegen Corona, gegen die Corona-Maßnahmen, gegen Wissenschaftler, gegen die demokratisch gewählten Instanzen auch in unserer Region endgültig angekommen sind. Namhafte Soziologen, Psychologen und auch unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier haben sich nicht geirrt, als sie in der ersten Phase der Pandemie davon sprachen „Die Welt wird nach der Pandemie eine andere sein“.

Was allerdings als Vorstellung einer solidarischen, verantwortungsvollen, achtsamen und vorausschauenden Gesellschaft gedacht war, hat sich nach zwei Jahren eher ins Gegenteil verkehrt: Der Ton ist rauer geworden, die Ellbogen spitzer, der Egoismus größer.

Der Applaus ist verhallt

Anfangs standen Menschen auf Balkonen und haben für die Pflegekräfte in den Krankenhäusern Applaus gespendet. Doch was kam danach für die Menschen, die an vorderster Front an den infizierten Menschen arbeiten? Da geht es um die beatmeten Patienten auf den Intensivstationen, aber auch um den alltäglichen Umgang mit Covid 19-Patienten, die mit einem Knochenbruch, mit akutem Blinddarm, zur Entbindung oder aus sonstigen nicht aufschiebbaren Gründen ins Krankenhaus kommen, um dort adäquat versorgt zu werden.

Ich lade alle Spaziergänger ein, mal darüber nachzudenken, welcher logistische, materielle, aber vor allem personelle Einsatz da notwendig ist, um Patienten zu helfen und zu schützen. Allen, die Corona für einen harmlosen Schnupfen halten, rate ich, sich mal mit Intensivpflegekräften zu unterhalten. Und wer immer noch glaubt, dass bei der Impfung irgendwelche Chips implantiert werden, sollte sich selbst mal fragen, was er/sie tut, um seine Eltern, seine Nachbarn und Freunde zu schützen.

Die Diskussion um eine mögliche Impfpflicht ist sicher eine schwierige und auch vielschichtige. In Portugal kennt man diese Diskussion überhaupt nicht, weil da die Quote der vollständig Geimpften bei fast 90 Prozent liegt. In Deutschland sind wir bei 72 Prozent! Mehr braucht man dazu nicht zu sagen! Hätten wir in Deutschland diese Quote erreicht, bräuchten wir weder über Impfpflicht, noch über die Fünf- bis Elfjährigen, noch über eine Überlastung des Gesundheitswesens nachdenken.

Zynismus hilft niemandem und schon gar nicht den Kranken. Ich arbeite seit fast 35 Jahren im Krankenhaus und habe dabei viele Entwicklungen und Veränderungen erlebt, aber es macht mir ehrlich Sorge, wie viel Achtlosigkeit und Respektlosigkeit unserer Arbeit entgegengebracht wird durch Menschen, die den Solidaritätsgedanken auf den Kopf stellen und Fakten mit Meinungen verwechseln.

Ein Drittel weniger Pflegende?

Nach einer Umfrage des Deutschen Berufsverbandes für Krankenpflege erwägt ein Drittel der Pflegenden, nach der Pandemie aus dem Beruf auszusteigen. Die psychischen und körperlichen Belastungen sind immens gestiegen, die Vergütungen sind angesichts der 7/24-Arbeitszeiten und der hohen Verantwortung weiter unzureichend.

Vielleicht denken die Teilnehmer des nächsten Spaziergangs mal über den eigenen Tellerrand hinaus und besprechen, wie sie sich die Zukunft in unserem Land vorstellen. Entgegen anders lautender Parolen leben wir nämlich in einer Demokratie, die darauf angewiesen ist, dass sich Menschen gestaltend und verantwortungsvoll handelnd einbringen.Vielleicht kommt nach dem Applaus eine andere, menschlichere Welt und wir schaffen es gemeinsam, wieder zur ersehnten „Normalität“ zurückzukehren.