Proteste gegen Corona-Maßnahmen

Wohin führt dieser Weg?

12.1.2022, 14:13 Uhr
In einer langen Schlange drehen die sogenannten Spaziergänger in Altdorf ihre Runden.

In einer langen Schlange drehen die sogenannten Spaziergänger in Altdorf ihre Runden. © Antonia Kourtides

 Vor der Laurentiuskirche steht eine Menschentraube, es wird geredet, kurz gesungen, und dann gehen sie los. Runter zum Unteren Tor und wieder hoch. Immer wieder im Kreis. Unter ihnen Bürger aus verschiedenen Altersgruppen, allein, zu zweit oder mit mehreren Personen, manche mit Kinderwagen, laufen im Gänsemarsch durch Altdorf. Einige von ihnen halten Kerzen in der Hand. 82 Personen zählt die Polizei bei der ersten Runde. Der ein oder andere regt sich über die Coronapolitik auf, viele unterhalten sich über ganz andere Themen. Bereit zu reden und auch den eigenen Namen zu nennen, ist hier fast keiner. Das dürfe dann eh nicht veröffentlicht werden, ist die einhellige Meinung. Eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Nur ein Ehepaar sieht meine Kamera und möchte direkt mit mir sprechen. Sabine und Marco Pensel, der, wie meine Recherche am Tag darauf ergibt, 2015 Redner bei einer Pegida-Demo in Altdorf war. Sie beide sind am Montag zum ersten Mal in Altdorf dabei. Davor nahmen sie aber schon bei Versammlungen in Nürnberg und Neumarkt teil. Sie sind gegen eine Impfpflicht und stehen der Corona-Impfung skeptisch gegenüber. Sabine Pensel gibt zu, dass der Impfstoff zwar eine gewisse Wirkung habe, da fällt ihr ihr Mann prompt ins Wort, sie  ignoriert ihn jedoch und fügt an, dass es dennoch jeder für sich selbst entscheiden sollte.

Spaziergänge seit einem Jahr

Auch in Feucht gehen sie auf die Straße. Hier zählt die Polizei, die langsam im Bus neben dem Menschenzug herfährt, 46 Personen. Birgit Ruder, Gemeinderätin der Freien Wähler, führt die Gruppe in Feucht an. Auf die erste Frage, was sie hier denn mache, antwortet sie: „Wir gehen einfach nur spazieren. Herr Söder hat gesagt, wir sollen spazieren gehen. Also tun wir das.“ Aber natürlich gehen sie nicht nur einfach spazieren, das ergibt sich im weiteren Verlauf des Gesprächs. Auch wenn Ruder angibt, schon seit über einem Jahr mit einer kleinen Gruppe Menschen spazieren zu gehen, um vorrangig soziale Kontakte zu pflegen, hat es sich auch ihrer Meinung nach inzwischen zu einem stillen Protest entwickelt. 

Da kommt die Frage auf: Warum die Ansammlung nicht gleich als das bezeichnen, was sie ist, nämlich eine Demonstration? Eine Versammlung von mehreren Personen in der Öffentlichkeit, die dem Zweck der freien Meinungsäußerung dient. Laut dem Dienststellenleiter der Polizei Altdorf, Reimund Mihatsch, umschiffen die Beteiligten mit dem Begriff „Spaziergang“ die Notwendigkeit der Anmeldung, die in Feucht und Altdorf nicht vorlag. Außerdem verzichten die Anwesenden auf Kundgebungsmittel. Wegen des Versammlungsgrundrechtsschutzes sei die Polizei dennoch anwesend, um zum Beispiel bei der Querung von Straßen für Sicherheit zu sorgen. Das ist auch der eigentliche Sinn der Anmeldung einer Demonstration, genehmigungspflichtig ist sie nämlich nicht. Die Versammlungen seien bisher „absolut friedlich“ verlaufen mit einem „normalen bürgerlichen Klientel“, so Mihatsch.

Rechtsextreme mischen mit

Die Proteste in Feucht und Altdorf, wie die im ganzen Bundesgebiet, wurden im Vorhinein auf der Internetseite der rechtsextremen Partei „Der Dritte Weg“ angekündigt. In den sozialen Medien schlägt das Wellen. Unter einem Facebook-Foto von Ernst Klier, ehemaligem SPD-Marktgemeinderatsmitglied, das besagt, „man spaziert nicht mit Nazis. Niemals“, beginnt eine Diskussion mehrerer Marktgemeinderäte von SPD, CSU und Grüne. Auch in der Facebookgruppe Bürgerforum Feucht polarisiert die Versammlung am Montag, beziehungsweise die Nennung des Protests auf der Seite des Dritten Wegs. Auf Nachfrage gibt Ruder an, damit „überfallen worden“ zu sein, und sie sei „stinksauer“, jetzt in die rechte Ecke gedrängt zu werden. Mit dem dritten Weg habe sie sich bisher noch nicht befasst. Jedoch würden sie in Feucht bereits seit November 2020 gemeinsam spazieren gehen. Der soziale Kontakt sei dabei zu Beginn vorrangig gewesen. Inzwischen hätte es sich zu einem stummen Protest entwickelt. Gegen die Impfpflicht und Corona-Maßnahmen.

Wie die Partei „Der Dritte Weg“, die neonazistische Ideologien vertritt, von der Versammlung in der Marktgemeinde erfahren hat, kann Ruder nicht beantworten. Es kämen immer mehr Menschen, sie kenne nicht alle und könne nicht ausschließen, dass einer von ihnen die Infos über den Treffpunkt weitergegeben habe. Von offenkundig Rechtsextremen gibt es an diesem Abend in Feucht und in Altdorf keine Spur. Sollten doch mal welche auftauchen, wolle Ruder sich gegen sie positionieren. „Extremismus ist für mich immer tabu“, sagt sie und distanziert sich klar von der Partei "der Dritten Weg". Wie das genau aussehen würde, kann sie aber noch nicht beantworten. Sie könne sie nur auffordern, sich zu entfernen. „Ich bin ja keine Polizei, dass ich sie des Platzes verweisen kann“, erklärt sie.