Christine Wehrer

Schwabachs neue Amtsgerichts-Direktorin: Eine mitten aus dem Leben

8.1.2022, 06:00 Uhr
Passt das so? – Bereits zwischen den Feiertagen ist Christine Wehrer in ihr Büro an der Weißenburger Straße eingezogen.

Passt das so? – Bereits zwischen den Feiertagen ist Christine Wehrer in ihr Büro an der Weißenburger Straße eingezogen. © Arno Heider, NN

"Jura? - Das ist das pure Leben", sagt Christine Wehrer. Die 57-Jährige muss es wissen. Denn seit Beendigung ihres Studiums an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen hat sie ab 1992 als Staatsanwältin, Oberstaatsanwältin und Richterin an mehreren Amtsgerichten und Landgerichten in Bayern "das Leben pur" kennengelernt.

Immer an den Menschen mit allen möglichen Problemen dran zu sein, das fasziniert sie. Und sie widerspricht allen, die Jura für eine "trockene" Angelegenheit halten: "Ist es nicht", sagt sie. "Vielleicht nur während des Studiums. "Das ist Pauken pur", räumt sie ein.

Christine Wehrer ist offiziell seit 1. Januar als Nachfolgerin von Sabine Schwarz die neue Direktorin am Amtsgericht Schwabach. Am 3. Januar begann für sie ein neuer Lebensabschnitt im Dienst am Menschen. Zuständig für die Stadt Schwabach und den Landkreis Roth.

Zwischen den Jahren hat Christine Wehrer, die in Schwabach wohnt, ihr neues zweites Zuhause eingerichtet. Da wurden Bilder aufgehängt, Akten gesichtet und Bücherregale eingeräumt. Sie freut sich auf die neue Herausforderung und will erst einmal alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Amt persönlich kennenlernen: Von den Wachtmeisterinnen und Wachtmeistern bis zu den Servicekräften, Rechtspflegerinnen und Rechtspflegern, den Richterinnen und Richtern und den Gerichtsvollziehern. "Alle Kolleginnen und Kollegen sollen wissen, dass ich gesprächsbereit bin, dass man mit jedem Anliegen zu mir kommen kann", sagt die neue Chefin: "Mein Büro ist ein Büro der offenen Tür."

Tour durch Schwabach und den Landkreis Roth

Danach, so plant Wehrer, wird eine Tour de Stadt Schwabach und Landkreis Roth stattfinden. Gespräche mit dem Oberbürgermeister und dem Landrat. Vor allem auch Gespräche, mit den Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern in Sozial- oder Jugendämtern, mit denen das Gericht oft zu tun hat. "Überall vorstellen, wo es Berührungspunkte gibt", sagt die 57-Jährige. Natürlich auch bei den Polizeidienststellen in Schwabach, Roth und Hilpoltstein. Volles Programm also.

Wehrer wird nicht nur administrative Aufgaben in ihrer neuen Funktion als Direktorin zu erledigen haben. Sie wird auch Richterin bleiben. 40 Prozent ist Verwaltung, 60 Prozent bleiben richterliche Aufgaben. Davon 50 Prozent Familiensachen und zehn Prozent Ordnungswidrigkeiten. "Da knöpfe ich an das an, was ich schon in früheren Zeiten gemacht habe, als ich in Schwabach tätig war", freut sich die Juristin, die vor ihrer Beförderung zuletzt als Jugendrichterin in Nürnberg tätig war und dabei auch Leiterin der Jugendarrestanstalt. Dabei ging es unter anderem um die Ausgestaltung eines Arrestes (Tagesablauf, Freigang).

Jede Woche Gespräche mit den jungen Straftätern zu führen, das "ist ganz spannend", sagt Christine Wehrer. Sie habe es geliebt, sich mit den Jugendlichen auszutauschen. Viele hätten gesagt, dass sie nie mehr weggesperrt werden wollen.

Freilich habe es auch da Rückschläge gegeben, hoffnungslose Fälle, gesteht die 57-Jährige. Und wenn sie nach besonders gravierenden oder belastenden Fällen gefragt wird oder gar, ob sie schon einmal in ihrer Zeit bei der Justiz bedroht wurde, dann antwortet Wehrer salomonisch: Ereignisse, die einen beschäftigen, gebe es viele. Sie seien aber eher die negativen "und die möchte ich nicht unbedingt ausbreiten."

Verurteilter erleichtert: Bewährung hat geklappt

Da sei ihr vielmehr der Fall eines 18-Jährigen in Erinnerung, den sie zu zwei Jahren Jugendstrafe verurteilt und gerade noch einmal Bewährung zugestanden habe. Er habe ihr erst vor Kurzem ein Abschlusszeugnis zugeschickt, weil er so stolz war auf das Erreichte, und er ihr sagen wollte, dass es mit der Bewährung geklappt hat.

Dann fällt Wehrer noch etwas ein: Sie war am Amtsgericht Schwabach auch als Güterichterin tätig mit der Intention, außergerichtliche Einigungen herbeizuführen, zum Beispiel bei Ehe- oder Nachbarschaftsauseinandersetzungen. Da seien ihr mehrere Fälle präsent, die sich allesamt haben regeln lassen. Das sei für alle Beteiligten – Nachbarn, Ehepartner und auch für sie als Güterichterin – außerordentlich befriedigend gewesen sei. In dieser Funktion wird die neue Amtsgerichtsdirektorin ebenfalls wieder tätig sein.

Im Auge des Betrachters

Und wenn die Öffentlichkeit sagt, dass sich Gerichte oft mit Pipifax befassen müssen, mit Dingen, die gar nicht vor Gericht gehören, weil viel zu aufwändig und teuer? – Christine Wehrer hat eine sehr schlüssige Antwort parat: "Jeder hat in einem Rechtsstaat bei einem Eingriff – sei es durch Bußgeldbescheid, einen Nachbarn, eine ungerechtfertigte und wenn auch noch so geringe Rechnung – das Recht, die Justiz in Anspruch zu nehmen. Und die Frage, die sich immer anschließt: Wo wollte man die Grenze ziehen zwischen Bagatelle und dem Wert, ab dem die Justiz verhältnismäßig ist? – Und beurteilt diese Grenze nicht jeder Mensch unterschiedlich?" – Eine Antwort der Juristin im Juristendeutsch. Aber trotzdem klar.

So klar, wie sich Christine Wehrer zu ihrer Heimatstadt und den Landkreis Roth mit all den kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen äußert. Sie lacht auf die Frage, wie sie überhaupt immer wieder gerne lacht und eine positive Lebenseinstellung vermittelt. Abitur hat sie am Wolfram-von-Eschenbach-Gymnasium 1983 in Schwabach gemacht. Danach wollte sie weg. Sie zog nach Erlangen um zu studieren und um das Studentenleben zu genießen: In Kneipen, bei Feten mit Kommilitoninnen und Kommilitonen. Sie hat die Zeit genossen und findet es auch gut, dass ihre beiden Töchter den Weg gegangen sind in die Unabhängigkeit.

Eine, 27, hat Jura in Würzburg studiert und ist gerade Rechtsreferendarin; die jüngere, 25, hat Sportökonomie studiert und arbeitet in München, schreibt ihre Masterarbeit. Ihrem Mann, ebenfalls Jurist, rechnet sie hoch an, dass er ihr in den 1990er Jahren den Rücken frei gehalten hat. "Er ist für eineinhalb Jahre in den Erziehungsurlaub gegangen", sagt Christine Wehrer: "Das war ja damals noch nicht so üblich."

Stammtisch für Juristen

Mit ihrem Ehemann pflegt Christine Wehrer Geselligkeit. "Ich koche gerne für meine Familie" sagt sie. Und sie ist gerne unterwegs: Mit dem Fahrrad oder zu Fuß in der Umgebung. Freunde treffen. Im Seenland gibt es eine Tante in Enderndorf. Wehrer liebt diese Treffen, denkt gar über einen Juristenstammtisch nach, bei dem sich eben Juristen, Rechtsanwälte und Staatsbedienstete treffen, um sich auszutauschen.

Es sei so wichtig, sagt sie, "denn wir alle ziehen an einem Strang zum Wohl der Menschen, die bei Gericht anklopfen müssen. Sei es wegen einer Straftat oder wegen eines Todesfalles, sei es wegen Betreuung oder wegen eines Nachbarschaftsstreites. Jura, Justiz? – "Das ist Leben pur", sagt Christine Wehrer.