Leseraktion von RHV und ST

Wirkt die Impfung? Birgt sie Gefahren? Leser fragen, Ärzte antworten

Foto: RHV, gesp.11/2020  Motiv: Mitarbeiterportrait - Claudia Weinig Schwabacher Tagblatt Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung Hilpoltsteiner Zeitung Wochenanzeiger Roth-Schwabach
Claudia Weinig

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15.1.2022, 13:46 Uhr
Was ist „Fakt“ und was ist „Fake“? Im Interview antworten die beiden Ärzte Dr. Volker Rösch und Dr. Albert Götz auf Leserfragen rund um das Thema „Corona“, um so aus medizinischer Sicht für mehr Klarheit zu sorgen, was Ängste, Sorgen und Bedenken zu Impfung und anderen Aspekten der Pandemie angeht.
 

Was ist „Fakt“ und was ist „Fake“? Im Interview antworten die beiden Ärzte Dr. Volker Rösch und Dr. Albert Götz auf Leserfragen rund um das Thema „Corona“, um so aus medizinischer Sicht für mehr Klarheit zu sorgen, was Ängste, Sorgen und Bedenken zu Impfung und anderen Aspekten der Pandemie angeht.   © via www.imago-images.de, NN

Immer wieder erreicht uns die Kritik, dass skeptische Stimmen zur Corona-Politik und -Impfung oder Menschen, denen bange vor eventuell noch unbekannten Aspekten der Impfung ist, in den Medien zu wenig Gehör finden würden. Substanzlose Gerüchte und abstruse Verschwörungsmythen, wie sie die „Querdenker“ (im Sinne der gleichnamigen Bewegung) verbreiten, sind die eine Seite, der wir bewusst keine Plattform bieten. Aber es gibt auch begründbare Bedenken und eine nachvollziehbare Verunsicherung.

Kürzlich haben wir unsere Leserinnen und Leser deshalb aufgerufen, uns ihre Fragen rund um „Corona“ zu schicken. Rede und Antwort stehen nun Dr. Albert Götz, Chefarzt der Kreisklinik Roth, und Dr. Volker Rösch, niedergelassener Arzt mit Praxen in Schwabach und Wassermungenau sowie Leiter des Schwabacher Impfzentrums.

In der Kreisklinik gibt es unter der Leitung von Dr. Götz neben der Intensivstation auch eine eigene Station für Patienten, die nicht intensivmedizinisch betreut werden müssen, aber an Covid-19 erkrankt sind. Dr. Rösch hat seit April 2021 mit seinem Team in seinen Praxen insgesamt 10.000 Impfungen gesetzt, dazu weitere im Schwabacher Impfzentrum. Die Fragen, die unsere Redaktion erreicht haben, haben wir zusammengefasst und an die beiden Ärzte weitergegeben, um sowohl die Sicht eines Klinik-Arztes als auch die eines niedergelassenen Kollegen abzubilden.

Welche Nebenwirkungen von Impfungen wurden in Ihrer Praxis beziehungweise im Krankenhaus registriert?

Volker Rösch: Insgesamt wurden wenige Nebenwirkungen beobachtet. Besonders bei der Zweitimpfung von Erwachsenen wurden Fieber, Gliederschmerzen, Abgeschlagenheit bis zu einer Woche angegeben. Jugendliche und Kinder, aber auch Erwachsene über 55 Jahren haben nur sehr selten über Nebenwirkungen geklagt.

Albert Götz: Vereinzelt mussten Patienten mit verstärkten grippalen Symptomen, Fieber, Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit kurzfristig stationär behandelt werden. Von gravierenden Impfkomplikationen, die wir in der Kreisklinik hätten behandeln müssen, ist mir nichts bekannt.

In diesem Zusammenhang ein konkreter Fall eines Lesers: „Nach der zweiten Impfung (nach 17 Tagen) bekam ich eine Lungenentzündung; nach der dritten Impfung (nach zehn Tagen) bekam ich eine Infektion im Bein (keine Thrombose).“ Sehen Sie da einen Zusammenhang mit der Impfung, oder ist das für Sie Zufall?

Volker Rösch: Retrospektiv eine schwierige Frage, die so konkret nicht ehrlich beantwortet werden kann. Generell kann eine Impfung immer das Immunsystem schwächen, da dieses arbeitet und Antikörper bilden muss. Der zeitliche Verlauf spricht aber eher gegen einen Zusammenhang mit der Impfung.

Albert Götz: Auch ohne Kenntnis des verwendeten Impfstoffs erscheint ein Zusammenhang mit der Impfung nicht wahrscheinlich. Im Regelfall handelt es sich sowohl bei einer Lungenentzündung als auch bei einer Phlegmone am Bein um bakterielle Infektionen. Ich gehe darum von einem zufälligen Zusammentreffen aus.

Chefarzt Dr. Albert Götz ist in der Rother Kreisklinik der verantwortliche Arzt für die Corona-Station.
 

Chefarzt Dr. Albert Götz ist in der Rother Kreisklinik der verantwortliche Arzt für die Corona-Station.   © Guntram Rudolph, NN

Wie viele Patienten sind an oder mit Covid in der Klinik verstorben, welches Durchschnittsalter hatten sie und wie war der Anteil der Geimpften im Vergleich zu den Ungeimpften?

Albert Götz: Die Zahl der an oder mit Corona im Lauf der Pandemie in der Kreisklinik verstorbenen Patienten liegt im hohen zweistelligen Bereich. Die meisten Todesfälle waren dabei während der zweiten Corona-Welle im Winter 2020/21 zu beklagen, als noch keine Impfstoffe vorhanden waren. Die Gruppe der über 80-Jährigen macht mit über drei Vierteln der Patienten dabei den größten Anteil aus. Da bei Einführung der Impfstoffe zunächst der ältere Bevölkerungsanteil bevorzugt geimpft wurde, ist im zeitlichen Verlauf eine deutliche Abnahme des Durchschnittsalters der Intensivpatienten und auch der Verstorbenen zu beobachten. Allerdings ist auch eine geringe Anzahl geimpfter Patienten mit schwerwiegenden Begleiterkrankungen, zum Beispiel Leukämie, an einer Corona-Infektion verstorben.

Nimmt das Immunsystem durch die mRNA-Impfstoffe Schaden?

Volker Rösch: Nein. Die mRNA (Boten-Ribonukleinsäure) wird schnell im Körper abgebaut. Es ist lediglich eine „Technik“, ein Protein des Antigens in die menschliche Zelle zu bekommen. Unser Immunsystem bildet dann Antikörper dagegen.

Albert Götz: Zweck der Impfung ist es ja gerade, das körpereigene Immunsystem zur spezifischen Abwehr gegen die Coronaviren zu ertüchtigen. Die Impfung regt das körpereigene Immunsystem dazu an, spezielle, gegen Coronaviren gerichtete Antikörper und Abwehrzellen zu produzieren.

Dr. Volker Rösch (rechts) ist Leiter des Schwabacher Impfzentrums und niedergelassener Arzt mit zwei Praxen in Schwabach und Wassermungenau.
 

Dr. Volker Rösch (rechts) ist Leiter des Schwabacher Impfzentrums und niedergelassener Arzt mit zwei Praxen in Schwabach und Wassermungenau.   © Gerner, NN

Warum wird nur auf das Impfen gesetzt, wenn doch eigentlich bekannt sein dürfte, dass die Abwehrkräfte und das Immunsystem eine große Rolle spielen?

Volker Rösch: Es gibt Menschen, die nicht schwer an Covid oder auch an anderen viralen Erkrankungen erkranken. Jedoch mussten bei Covid überdurchschnittlich viele Menschen intensivmedizinisch behandelt werden beziehungsweise leiden an Post-Covid-Folgen. Ohne eine Impfung wäre daher die Letalität (Fallsterblichkeitsrate) noch deutlich höher.

Albert Götz: Ich beziehe mich auf meine Antwort auf die vorhergehende Frage: Das Immunsystem wird durch die Impfstoffe nicht geschädigt, sondern im Gegenteil gestärkt und trainiert.

Warum sind die Inzidenzen derzeit höher als in der Zeit, in der niemand geimpft war?

Volker Rösch: Die Inzidenzen sind deshalb so hoch, weil das Virus sich verändert hat. Es ist ansteckender geworden, es werden vermehrt Impfdurchbrüche gesehen. Die Delta-Variante und Omikron sind deutlich infektiöser als der ursprüngliche Virustyp.

Albert Götz: Während der ersten und zweiten Corona-Welle war das öffentliche Leben durch die Lockdown-Maßnahmen deutlich stärker eingeschränkt als aktuell bei offenen Geschäften, Restaurants und Freizeiteinrichtungen. Die dadurch vielfach vermehrten Kontakte bieten natürlich auch dem Virus bessere Ausbreitungsmöglichkeiten. Die Impfung reduziert das Infektionsrisiko erheblich, verhindert eine Infektion jedoch nicht immer hundertprozentig. Selbst wenn dies der Fall wäre, sind in Deutschland bedauerlicherweise immer noch aktuell 25 Prozent der Bevölkerung nicht geimpft. Zudem hat sich die Infektiosität, also die Übertragbarkeit des Coronavirus, im Vergleich zum ursprünglichen Ausgangsvirus von Variante zu Variante gesteigert.

Sind in der kälteren Jahreszeit nicht immer die Infektionszahlen höher, unabhängig vom Virus?

Volker Rösch: Normalerweise ja. In der kalten Jahreszeit (zirka zehn Grad und feucht) haben Viren gute Vermehrungsbedingungen. Gleichzeitig wird unser Immunsystem durch die dunkle Jahreszeit schwächer. Stichworte hier: Vitamin-D-Mangel, weniger Bewegung, andere Ernährung, Menschen halten sich vermehrt in Räumen auf.

Albert Götz: Alle respiratorischen, also durch die Atemwege übertragenen Viren, die Atemwegserkrankungen verursachen, weisen eine saisonal unterschiedliche Aktivität auf. Die kalte Jahreszeit ist die Hochsaison der Erkältungs- und Grippeviren. Ähnliche Einflüsse finden sich natürlich auch beim Coronavirus. Während der Wintermonate ist die Übertragung durch Aerosole (Gemisch aus festen oder/und flüssigen Schwebeteilchen und Luft) begünstigt, da diese in Innenräumen länger in der Luft verbleiben und wir uns weniger im Freien aufhalten. Auch ein Einfluss von Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Sonneneinstrahlung wird diskutiert, wenn es um die Übertragungsbedingungen geht.

Ein weiterer konkreter Fall: „Wegen verschiedener Allergien versuche ich, die genaue Zusammensetzung der Lipide in den mRNA-Impfstoffen herauszufinden. Mehr als die chemischen Formeln und den Hinweis, bei Allergien auf Biontech zu verzichten, konnte ich bisher nicht finden. Moderna hat mir immerhin eine Antwort innerhalb von zwei Monaten in Aussicht gestellt. Mir blieb als Impfstoff bisher nur Johnson & Johnson. Vielleicht können Sie weiterhelfen? Bestimmt gibt es noch andere Allergiker, die Näheres wissen möchten.“

Volker Rösch: Eine echte Kontraindikation (Gegenanzeige) bezüglich einer mRNA-Impfung gibt es eigentlich nicht – außer einer laufenden Chemotherapie und Fieber oder einer nachgewiesenen Allergie auf einen Inhaltsstoff. Allergiker mit den üblichen Allergien können sich aus meiner Sicht bedenkenlos impfen lassen.

Albert Götz: Impfungen – auch mit mRNA-Impfstoffen – sind bei Nahrungsmittel-, Pollen-, Wespengift- und Medikamentenallergien in der Regel unproblematisch. Bei bekannter Überempfindlichkeit auf einen Inhaltsstoff der Covid-19-mRNA-Impfstoffe oder gegen PEG (Polyethylenglycol), PEG-haltige Medikamente (Laxantien, Darmspüllösungen) oder bei einer unbekannten schweren Allergie empfiehlt das RKI die persönliche Vorstellung in einem allergologischen Zentrum. Allergologische Zentren in Deutschland, die im Hinblick auf diese Fragestellung besonders vorbereitet sind, finden sich online unter dgaki.de/cac oder aeda.de/covid-19-zentren.

Warum werden bei den Zahlen der „Immunisierten“ immer nur die Geimpften gezählt und nicht die Genesenen dazugerechnet. Dadurch würde sich der Anteil der „Geschützten“ doch beträchtlich erhöhen. Ich gehe davon aus, dass eine durchgemachte Infektion mindestens genauso viel schützt wie die gängigen Impfstoffe. Richtig oder falsch?

Volker Rösch: Eine Antwort auf diese berechtigte Frage habe ich nicht. Leider ist die Pandemie doch sehr von der Politik abhängig.

Albert Götz: Auch die überstandene Infektion hinterlässt einen Immunschutz, wobei allerdings insbesondere die Zahl der Antikörper mit der Zeit wieder abnimmt. Im Rahmen der 2G-Regel werden daher auch Genesene nach einer Corona-Infektion in einem begrenzten Zeitraum Geimpften gleichgestellt. Wichtig ist jedoch gerade im Hinblick auf die neue Omikron-Variante des Coronavirus, den Schutz durch eine Booster-Impfung aufzufrischen und zu verstärken. Dies ist aktuell bereits drei Monate nach der Grundimmunisierung beziehungsweise Infektion möglich und sinnvoll.

Warum wird nach den beiden ersten Impfungen nicht per Bluttest der Antikörperstatus des Probanden gemessen? Es gibt Menschen, die überhaupt keine Antikörper bilden, was dann bei einer Infektion als „Impfdurchbruch“ bezeichnet wird. Es geht mir darum, dass man keinen „Freifahrtschein für Geimpfte“ ausstellen darf, wenn nicht gesichert ist, dass die Impfung Wirkung gezeigt hat. Wie sehen Sie als Ärzte das?

Volker Rösch: Es gibt aktuell noch keine wissenschaftlich festgestellten Antikörper-Titer (Maß für die Anzahl bestimmter Antikörper im Blut), die eine Immunität garantieren. Impfdurchbrüche haben nichts mit einer geringen Antikörper-Anzahl zu tun.
Eine Impfung kann auch nur die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf einer Erkrankung reduzieren. Dabei gibt es nie eine Sicherheit von 100 Prozent. Andere Impfungen wie Influenza haben nur eine 50-prozentige Erfolgsquote.

Albert Götz: Als Impfdurchbruch bezeichnet man eine Infektion mit dem Coronavirus nach einer Impfung. Dies ist auch nach ursprünglich ausreichender Bildung von Antikörpern möglich, da der Antikörperspiegel mit der Zeit wieder abnimmt. Eine generelle Bestimmung des Antikörperstatus halte ich daher nicht für sinnvoll, zumal es keine gesicherten Erkenntnisse gibt über Schwellenwerte für Antikörper, ab denen ein definierter Schutz vorliegt – oder eben auch nicht mehr. Die Bestimmung des Antikörperstatus kann bei Patienten mit bestimmten Immunerkrankungen oder bei Patienten mit laufender Chemotherapie sinnvoll sein, um bei vollständig fehlender Immunreaktion gegebenenfalls eine Auffrischimpfung vorzuziehen.

Gibt es bei den verschiedenen Blutgruppen einen Unterschied für die Risiken einer Ansteckung?

Volker Rösch: Dies ist nicht erwiesen. Es gibt Hinweise, dass die Blutgruppe „Null“ wohl einen milderen Verlauf begünstigen könnte.

Albert Götz: Es gibt widersprüchliche Forschungsergebnisse dazu, ob die Blutgruppe eines Menschen die Empfänglichkeit gegenüber SARS-CoV-2 beeinflusst. Einzelne Studien vermuten bei Menschen mit Blutgruppe Null ein etwas reduziertes Infektionsrisiko.

Jeder kann doch jeden anstecken, egal ob ungeimpft oder geboostert. Richtig oder falsch? Und ist ein Ungeimpfter – im Fall einer unwissentlichen Infektion – infektiöser als ein Geboosterter.

Volker Rösch: Jeder kann jeden anstecken – richtig. Aber bei geimpften Personen sind die Wahrscheinlichkeit der Übertragung deutlich geringer und auch die Viruslast reduzierter – sogar noch nach Monaten.

Albert Götz: Die Impfung schützt nicht vollständig, also nicht zu 100 Prozent vor einer Corona-Infektion. Sie reduziert das Risiko aber erheblich. Im Fall einer unbemerkten Infektion weisen geimpfte Personen nach den meisten Studien eine geringere Viruslast auf, sind damit also auch weniger und für einen kürzeren Zeitraum infektiös. Die Impfung ist und bleibt neben der Kontaktreduktion damit die einzige Möglichkeit, die Virusverbreitung zu reduzieren und das Pandemiegeschehen zu beeinflussen.

Noch ein konkreter Fall: „In unserer Familie sind alle seit Juni 2021 zweifach geimpft. Kurz vor dem jeweiligen Boostertermin im Dezember haben sich einige Familienmitglieder mit Corona infiziert. Nach unserem Kenntnisstand gelten die Impfdurchbrüchler nicht als geboostert. Warum ist das so? Und ab wann kann sich eine Person mit Impfdurchbruch boostern lassen? Außerdem würde ich gern wissen: Macht es Sinn, in dieser Konstellation auf den an Omikron angepassten Impfstoff zu warten?“

Volker Rösch: Warum dies so ist? Das legt die Politik wohl gemeinsam mit dem RKI fest – auch wenn es manchmal nicht ganz nachvollziehbar ist. Eine Boosterung ist – auch nach einer Ansteckung – in jedem Fall nach drei Monaten bereits sinnvoll. Ob und wann ein Omikron-Impfstoff zur Verfügung stehen wird, ist noch absolut unklar.

Albert Götz: Eine Corona-Infektion wirkt für das Immunsystem ähnlich wie eine Auffrischimpfung. Aus diesem Grund sieht die ständige Impfkommission beim Robert-Koch-Institut bei einer SARS-CoV-2 Infektion mit mehr als vier Wochen Abstand nach der Erstimpfung auch keine Notwendigkeit zur Durchführung der zweiten Impfung im Rahmen der Grundimmunisierung. Für die Auffrischimpfung ist dies analog zu sehen. In der Begründung der aktuellen Bayerischen Infektionsschutzmaßnahmenverordnung werden Personen, die nach vollständiger Immunisierung eine Infektion mit SARS-CoV überstanden haben, ebenso behandelt wie Personen, die nach vollständiger Immunisierung eine Auffrischimpfung erhalten haben. Sie gelten also formal als geboostert.

Wenn man sich ansteckt, dann vergehen doch zwischen der Ansteckung und den ersten offensichtlichen Symptomen mehrere Tage. Sind wir in dieser Zwischenzeit ansteckend und wenn ja, können wir das Virus weitertragen?

Volker Rösch: Ja, auch in der Zeit, bevor Symptome entstehen, ist man ansteckend für andere Personen.

Albert Götz: Zwischen der Ansteckung und dem Ausbruch der Erkrankung vergehen mehrere Tage, die sogenannte Inkubationszeit. Erkrankte sind bereits bis zu 48 Stunden vor dem Auftreten von Symptomen infektiös und können das Virus in dieser Zeit auch weitergeben. Daher verfolgen die Gesundheitsämter die Kontakte auch bereits ab zwei Tagen vor Symptombeginn nach.

Wann kommt ein Impfstoff, der nicht als Spritze verabreicht wird?

Volker Rösch: Aktuell ist hier kein Impfstoff in Sicht.

Albert Götz: Derzeit wird beispielsweise auch an Schluckimpfungen gegen Corona geforscht. Aktuell es ist es jedoch noch nicht absehbar, ob und wann es einen zulassungsreifen Impfstoff geben wird, der nicht mit der Spritze verabreicht werden muss.

Was ist genau der Unterschied zwischen Lebendimpfstoffen, Totimpfstoffen und einem mRNA- oder Vektorimpfstoff? Wie sind die jeweiligen Risiken und Erfahrungen einzuschätzen?

Volker Rösch: Totimpfstoffe enthalten nur abgetötete Erreger, die sich nicht mehr vermehren können. Lebendimpfstoffe haben vermehrungsfähige Erreger, die die Erkrankung aber nicht mehr auslösen können. Ein Vektorimpfstoff hat ein Virus (zum Beispiel Adenoviren) als Trägersubstanz, um ein Protein – etwa das des Covid-Erregers – in den Körper zu bringen. Bei mRNA-Impfstoffen wird dieses Protein über die nicht krankmachende mRNA in die Zelle eingeschleust. Die Risiken sind mittlerweile sehr gut einschätzbar, da weltweit Millionen von Dosen verabreicht worden sind.

Albert Götz: In der Europäischen Union gibt es aktuell fünf zugelassene Covid-19-Impfstoffe. Allen Impfstoffen ist gemeinsam, dass sie den Körper zur Bildung von Antikörpern und Abwehrzellen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 anregen. Bei den mRNA-Impfstoffen (Biontech/Pfizer „Comirnaty“, Moderna „Moderna“) und den Vektorimpfstoffen (AstraZeneca „Vaxzevria“, Johnson & Johnson „Janssen“) geschieht dies, indem Baupläne für bestimmte Eiweißbestandteile des Virus, die sogenannten Spike-Proteine, in die menschliche Zelle eingeschleust werden. Die Zelle wird damit dazu angeregt, diese Antigen-Bestandteile zu produzieren. Diese werden von der Immunabwehr als fremd erkannt, sodass der Körper mit der Produktion von Antikörpern und Immunzellen gegen diese Oberflächenbestandteile des Virus beginnt. Im Fall einer wirklichen Infektion mit Corona kann der Körper also schneller reagieren.

Bei den mRNA-Impfstoffen wird mit Hilfe kleiner Fettteilchen (Liposomen) Boten-RNA (mRNA) in die Zelle eingeschleust. Die Boten-RNA funktioniert dann in der Zelle als Bauanleitung für das Spike-Protein. Bei den Vektorimpfstoffen wird die Information mit Hilfe eines unschädlich gemachten Erkältungsvirus, eines sogenannten Trägervirus, in den Körper eingebracht. Die genetisch veränderten Viren enthalten ebenfalls das Erbgut für die Herstellung der Oberflächen-Eiweiße des Corona-Erregers. Die Vektorviren sind im Körper nicht vermehrungsfähig. Sowohl die Viren als auch die Boten-RNA werden im Körper rasch abgebaut. Anders funktioniert der auf Protein basierende Impfstoff der Firma Novavax „Nuvaxovit“. Er enthält bereits Bestandteile des Oberflächen-Spike-Proteins des Coronavirus. Der Körper muss diese also nicht selbst produzieren. Ein wirklicher Totimpfstoff enthält inaktivierte, abgetötete SARS-CoV-2-Viren, die die Krankheit nicht auslösen können. Als einziger Kandidat ist aktuell ein Totimpfstoff der Firma Valneva bei der europäischen Arzneimittelbehörde in Vorprüfung. Er ist aber bisher noch nicht zugelassen. Lebendimpfstoffe würden lebende abgeschwächte Coronaviren enthalten. Solche Impfstoffe spielen keine Rolle.

Ein letzter konkreter Fall: „Im Dezember 2020 bin ich an Covid-19 erkrankt und genesen. Im Juni 2021 habe ich eine Impfung mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson erhalten. Nun habe ich mich Mitte Dezember 2021 boostern lassen. In der Apotheke wird mir leider ein Impfstatus von 2/2 erstellt – und ich gelte damit nicht als geboostert. Meine Frau dagegen, die ebenfalls zur gleichen Zeit an Covid erkrankt war, im August 2021 geimpft und im Dezember geboostert wurde (aber nicht mit Johnston & Johnston), hat dagegen mit Genesung den Status 3/3. Wie kann ich die Situation lösen, damit auch mein Impfstatus angepasst wird?“

Volker Rösch: Da Johnson & Johnson keine gute Wirkung im Hinblick auf die Delta-Variante hat, wurde von der Stiko eine rasche Impfung mit einem mRNA-Impfstoff empfohlen (Herbst 2021). Johnson wurde deshalb nur als eine Impfung und nicht als zwei Impfungen gezählt. Sie müssen sich nach drei Monaten erneut impfen lassen.

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