Einwohner in Not

Volle Notaufnahmen wegen Hitze: Bayerns Kommunen schützen ihre Bürger nicht genug

4.8.2022, 11:58 Uhr
Die Sonne scheint und spiegelt sich im Glas des JenTower.

© Martin Schutt/dpa Die Sonne scheint und spiegelt sich im Glas des JenTower.

Hitze wird auch in Bayern immer mehr zu einem Gesundheitsrisiko. Dagegen helfen könnten aus Sicht von Politik und Wissenschaft sogenannte Hitzeaktionspläne, mit denen Städte und Gemeinden für sich festlegen können, wie ihre Bürger gut durch die heißen Tage kommen.

"Sie werden nicht nur Leben retten, sondern auch die Lebensqualität verbessern und die Krankheitslast senken", sagt die Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann von der Universität Augsburg. Das Problem: Während die Hitze längst da ist, ist in ganz Bayern keine Kommune mit einem bereits umgesetzten Aktionsplan bekannt.

Mittlerweile gibt es mehrere Städte im Freistaat, die einen Hitzeaktionsplan zumindest angekündigt haben. Nürnberg zum Beispiel: "Das Ziel des Hitzeaktionsplans ist es, vor allem die gesundheitlichen Folgen von extremer Hitze wie auch den Umgang mit Hitze effizient und hilfreich zu kommunizieren", hieß es vor wenigen Tagen.

"Um mit der zunehmenden Hitze zurecht zu kommen, müssen wir unsere Stadt in den nächsten Jahren umbauen. Das ist ein Mega-Projekt."

Der Plan soll ab Herbst umgesetzt werden, aktuell gibt es zumindest schon eine Karte mit Trinkwasserbrunnen. Auch die Veröffentlichung eines Stadtplans mit kühlen Orten plant die Verwaltung. Hierfür sollen Bürger befragt werden.

Verschiedene Maßnahmen

Allgemein kann ein Hitzeaktionsplan ganz verschiedene Maßnahmen enthalten. Von Informationsmaterial für die Menschen, bis hin zu aufwendigen Infrastrukturmaßnahmen wie einer Entsiegelung von Straßen und die Schaffung neuer Grünflächen.

Auch zahlreiche andere Städte arbeiten an einem Hitzeaktionsplan, so treiben beispielsweise Regensburg und Würzburg das Thema voran, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. In München muss zunächst der Stadtrat noch beschließen, dass ein Plan entwickelt wird. Das könnte noch in diesem Jahr erfolgen.

Städte sind stärker von Hitze betroffen als kleinere Kommunen, sagt Traidl-Hoffmann von der Uni Augsburg. Zum einen sei es heißer, zum anderen die Schadstoffbelastung höher.

Aber auch in kleinen Dörfern müsse ein Bürgermeister eigentlich wissen, wo Rentner zum Beispiel in Dachgeschosswohnungen leben - damit man im Ernstfall helfen könne.

Keine zentrale Erfassung

Es wird nicht zentral erfasst, ob es bereits eine Kommune mit einem aktiven Aktionsplan gibt. "Nach Auskunft des Gesundheitsministeriums hat bis heute noch keine Kommune in Bayern einen Hitzeaktionsplan fertiggestellt", berichtet der Grünen-Experte für Klimaanpassung im Bayerischen Landtag, Patrick Friedl.

Er bezieht sich dabei nach eigenen Angaben auf eine Umfrage des Gesundheitsministeriums in bayerischen Kommunen, die in einer Ausschusssitzung vorgestellt wurde. Rund 12,5 Prozent der Kommunen hätten teilgenommen.

Gute Hinweise

"Es fehlt die Aufmerksamkeit", sagt Traidl-Hoffmann, wenn man sie nach der Umsetzung der Pläne im Freistaat fragt. "Städte wie Köln und Worms haben zum Beispiel auf ihrer Homepage gute Hinweise für Gefahr, die von Hitze ausgeht." Vielleicht nehme man es in Bayern nicht ganz so ernst, weil es gute Rückzugsorte in der Natur gebe.

Man stehe den Gemeinden, Städten und Landkreisen beim Thema Hitzeschutz schon jetzt unterstützend zur Seite, sagt eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums.

Man stelle den Kommunen beispielsweise gemeinsam mit dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) Informationen zur Verfügung, zum Beispiel über eine online frei zugängliche Toolbox. "Zudem treiben wir die Vernetzung der Kommunen in Bayern voran, zum Beispiel über die Durchführung von Hitzeworkshops."

Es geht ums Geld

Patrick Friedl von den Grünen ist das nicht genug. Bäume pflanzen und Flächen entsiegeln seien für viele Kommunen immense Investitionen. Weil sie diese fürchten, trauen sich viele Kommunen gar nicht erst an einen Hitzeaktionsplan heran, sagt der Landtagsabgeordnete und kommt zu dem Schluss: "Für Klimaanpassung braucht es eine Förderung."

In einer Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) heißt es: "Zahlreiche Studien zeigen nicht nur, dass hohe Temperaturen zu einer erhöhten Belastung des Gesundheitssystems führen, sondern können auch einen systematischen Zusammenhang zwischen Hitzeereignissen und einem erhöhten Mortalitätsgeschehen belegen."

Demnach gab es in Deutschland etwa 8700 hitzebedingte Sterbefälle im Jahr 2018, etwa 6900 im Jahr 2019 und etwa 3700 im Jahr 2020.

Belastete Notaufnahmen

Immer wieder berichten zudem Notaufnahmen von einer höheren Belastung an heißen Tagen. Traidl-Hoffmann kann das für das Augsburger Uni-Klinikum bestätigen: "Wir sehen nach mehreren Hitzetagen mehr ältere Menschen mit Nierenerkrankungen, Herz-Kreislauferkrankungen.

Außerdem oft Demenzerkrankte, die ohnehin das Trinken vergessen und dann noch stärker dehydriert sind." Für sie steht fest: "Es gibt einen sehr, sehr hohen Handlungsbedarf."

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