Halbzeitbilanz

Die Ice Tigers als Top-4-Team? Ja, warum denn nicht?

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

E-Mail zur Autorenseite

28.12.2021, 14:04 Uhr
Und, was ist noch drin? Patrick Reimer führt die Ice Tigers auch in der Scorerliste wieder an. 

Und, was ist noch drin? Patrick Reimer führt die Ice Tigers auch in der Scorerliste wieder an.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, NNZ

DER TRAINER: Nürnberg ist Neunter. Aufregend klingt das nicht. Die Ice Tigers hatten im vergangenen Jahrzehnt dreimal das Halbfinale erreicht, galten zwischendurch als Herausforderer für die koffeinlimonadenfinanzierten Münchner. Und doch ist Euphorie zu spüren, rund um die Arena Nürnberger Versicherungen, oder zumindest so viel Euphorie, wie rund um eine Arena nachzuweisen ist, die zwangsweise leer bleiben muss. Der Grund dafür heißt Tom Rowe und ist 65 Jahre alt.

Als Frank Fischöder von seinen Aufgaben als Cheftrainer der Ice Tigers entbunden war Nürnberg 15. von 15 Mannschaften der Deutschen Eishockey Liga. Ein Sieg war zu wenig, um einen Trainer zu retten, den der Sportdirektor nicht in die Stadt geholt hatte. Stefan Ustorf ließ sich angemessen Zeit für die Suche nach dem Nachfolger. Tom Rowe stand erstmals beim 2:3 nach Penaltyschießen gegen Krefeld hinter der Bande – zwei Tage, nachdem er im Knoblauchsland gelandet war. Es folgten: Corona-Fälle beim Gegner, Corona-Fälle in der eigenen Mannschaft, drei Zwangspausen ohne Spiele. In einer Tabelle aber, die sich auf den Zeitraum zwischen dem 15. Oktober und heute bezieht, belegen die Ice Tigers Rang drei, in allen maßgeblichen Statistiken haben sie sich gesteigert. Und auch wenn es eine bittere Erkenntnis ist, dass so mancher nordamerikanischer Profi erst unter der Führung eines nordamerikanischen Trainers zu seiner Form findet: Die Entwicklung der Ice Tigers von einer irgendwie talentierten, aber oftmals überforderten Mannschaft zu einem meist souveränen Team, das nicht nur erfolgreich, sondern auch ansehnlich spielt, ist erstaunlich.

Der "Star" muss nicht herausragen 

DIE SPIELER: Tom Rowe hat kürzlich sogar laut die Frage gestellt, warum diese Ice Tigers nicht auch einen Platz unter den ersten vier anstreben könnte. Das Spiel danach verlor seine Mannschaft prompt – beim Aufsteiger und Tabellenletzten in Bietigheim. Vielleicht sollte man diese Sammlung unterschiedlicher Profis also nicht zu früh loben. Gründe fände man dafür durchaus: Patrick Reimer ist früher als erwartet zum Rekordscorer Liga geworden, weil er seine Tore wieder nonchalant erzielt. Gregor MacLeod, Tyler Sheehy und Nick Welsh interpretieren Eishockey modern und aufregend. Tim Bender, Daniel Schmölz, Marko Friedrich, Tim Fleischer, Marcus Weber, Charly Jahnke geben den Ice Tigers einen deutschen Kern, der Manager außerhalb von München, Berlin und Mannheim neidvoll nach Nürnberg blicken lässt. Dass Ryan Stoa, im Sommer prominentester Zugang, nicht herausragen muss, ist ein Luxus, den kaum zu erwarten war. Es gibt keinen Grund, warum diese Ice Tigers nicht noch besser werden könnten.

Längst nicht mehr nur der Sohn des Sportdirektors: Jake Ustorf.

Längst nicht mehr nur der Sohn des Sportdirektors: Jake Ustorf. © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

DER SPORTDIREKTOR: Jake Ustorf hat sein erstes Tor geschossen und bewegt sich inzwischen so souverän in der DEL, dass nicht zwangsläufig erwähnt wird, wessen Sohn er ist. Und auch Alex Dubeau, der zuvor wenig gespielt und wenn doch viele Tore kassiert hatte. In Nürnberg überzeugt er als Nothelfer im Tor. Wie eigentlich alle Verpflichtungen von Stefan Ustorf. In einem dreiviertel Jahr hat der einstige Serienmeisterspieler den Ice Tigers eine neue Identität gegeben, seine Identität.

DER GESCHÄFTSFÜHRER: Wolfgang Gastner nervt – vor allem jene Funktionäre, deren Plan es ist, möglichst unbemerkt durch diese Pandemie zu gleiten. Wenn also das Corona-Managment der Politik oder der Liga kritisiert wird, dann kommt diese Kritik mit großer Wahrscheinlichkeit aus Nürnberg. Dabei scheinen gerade die Ice Tigers zumindest solide durch die Krise zu kommen – wirtschaftlich und inzwischen auch sportlich.

DER PLAN: Rowe soll alsbald verlängern, MacLeod hat verlängert, Stefan Ustorf hat sich wohl bis 2024 an die Ice Tigers gebunden. Der Plan, mit einem deutschen Trainer und einer jungen Mannschaft in der Klasse zu verbleiben, ist gescheitert. Der Plan, mit einem US-amerikanischen Trainer und einer weiterhin jungen Mannschaft anzugreifen, könnte erfolgreicher sein.