Die Identität der Ice Tigers

Wenn Nürnberger die Namen von Nürnbergern schreien

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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21.4.2022, 07:58 Uhr
Lebenslang rot-blauer Torjäger? Zumindest sein erstes DEL-Tor hat Lukas Ribarik schon einmal in den richtigen Farben geschossen. 

© Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa Lebenslang rot-blauer Torjäger? Zumindest sein erstes DEL-Tor hat Lukas Ribarik schon einmal in den richtigen Farben geschossen. 

Wenn die Spieler einzeln aufs Eis gerufen werden, wurde es einst im Lindestadion und seit 2001 in der Arena Nürnberger Versicherung besonders wenn: auf Daryl "COLDWELL" folgte, auf Paul "GEDDES", auf Roman "TUREK", auf Sergio "MOMESSO" und auf Patrick "REIMER". Die Stars des EHC 80 und der Ice Tigers stammten aus Victoria (Coldwell), aus Prince Georgia (Geddes), aus Strakonice (Turek), aus Montréal (Momesso) und aus Mindelheim.

Bei der Vorstellung von Reimer scheint es nach zwei Pandemie-Jahren mit Eishockeyspielen vor wenigen oder gar keinen Zuschauern zuletzt noch lauter geworden zu sein – vielleicht schon allein aus Dankbarkeit, dass einer der besten Spieler in der Geschichte des deutschen Eishockeys ausgerechnet Nürnberg gewählt hat, um auch in einem elften Jahr noch sein außergewöhnliches Talent vorzuführen. Eine bessere Identifikationsfigur hätten sich die Ice Tigers nicht wünschen können. Reimer ist ein Allgäuer im besten Sinne, bescheiden, selbstlos, naturverbunden, robust. Reimer scheint kein Problem damit zu haben, als Nürnberger vereinnahmt zu werden, und offenkundig auch nicht damit, dass sich im Eishockey, vielleicht auch nur am Standort Nürnberg, etwas Grundsätzliches zu verschieben scheint.

Eishockey ist Kanadas Sport, daran lässt man vor allem in Kanada keinen Zweifel. Die Eishockey-Sprache ist Englisch. Natürlich kann man empört "unerlaubter Weitschuss" brüllen, wenn die Schiedsrichter einen Befreiungsschlag des Gegners ignorieren, macht aber keiner. "Icing" ist kürzer – und cooler. Und natürlich waren das auch Steve Sertich, selbst wenn der aus Minnesota kam, also nur fast aus Kanada, oder eben später Coldwell, Geddes und Momesso.

Herzig, Hussenether, Ribarik

Nur wurde der Sport irgendwann zu cool. Aus zwei wurden drei wurden vier Importspieler – bis das Bosman-Urteil den Profisport für immer veränderte. Die Abschaffung des sehr deutschen Worts "Ausländerregel" spülte zunächst Griechen aus Toronto und Italiener aus Richmond Hill in die Liga, irgendwann wurde nicht mehr unterschieden zwischen EU-Ausländern und richtigen Ausländern. Der Kanadier war nichts mehr Besonderes, es gab zu viele davon.

Wenn jetzt auf Grrrrrrrrregor besonders laut "MacLeod" folgt, dann liegt das natürlich an der mitunter spektakulären Spielweise des jungen Mannes aus Halifax, aber auch daran, dass Arena-Sprecher Christian Rupp das erste "r" gar so schön und ausdauernd rollt. Außerdem schreien die Fans neuerdings Namen von Spielern, die sie nicht nur vom Eis oder von Instagram kennen, sondern mit denen sie schon selbst gespielt haben, mit denen sie schon gesprochen haben und das nicht nur von Fan zu Star, sondern von Freund zu Freund. Nachdem Lukas Ribarik im März sein erstes Tor in der DEL geschossen hatte, schien er sich danach bei jedem Fan einzeln bedanken wollen, vor allem schien er jeden persönlich zu kennen.

Ribarik ist das beste Beispiel, dass man sich das "ausgerechnet Nürnberg" im zweiten Absatz eigentlich hätte sparen können. Aus irgendeinem selbst auf den zweiten Blick kaum ersichtlichen Grund bringt Nürnberg schon immer gute Eishockeyspieler hervor: Sonne Bingold, Bernd Herzig, Bubi Böhm, Reinhard Hussenether, Martin Müller, später Niklas Treutle, der es als Torhüter sogar in die NHL geschafft hat. Auch Ribarik ist in Nürnberg geboren, hat für den EHC 80 gespielt und für die Ice Tigers geklatscht. Er ist der achte Nürnberger, der in der DEL ein Tor geschossen hat.

Doch ein kleiner Umbruch

Marius Möchel hat sein erstes DEL-Tor für die Hamburg Freezers geschossen, Sven Ziegler für die Eisbären Berlin. Um es in die DEL zu schaffen, mussten sie Nürnberg verlassen. Das war auch bei Ribarik noch so, der bei seinem Debüt in der Profiliga noch das Trikot der Adler Mannheim getragen hatte. Aber in Nürnberg haben die Verantwortlichen ein Gespür dafür entwickelt, diese Spieler zurück nach Nürnberg zu holen, erst der Berliner André Dietzsch und der Dortmunder Frank Fischöder, jetzt der Weltbürger Stefan Ustorf und Tom Rowe aus North Carolina.

In der abgelaufenen Saison spielten drei Nürnberger für Nürnberg, das einmalig in der Geschichte der Ice Tigers. Und tatsächlich führend in einer Liga, in der Fluktuation eben kein Fremdwort ist. Bei den Eisbären Berlin spielen ebenfalls drei Berliner, in Augsburg drei Augsburger. Mehr lokale Identifikation als in Nürnberg aber gibt es nirgends. Dazu kommen Oliver Mebus, Marcus Weber und Reimer, die alle den Großteil ihrer Karriere in Nürnberg verbringen.

Nachhaltig?

Mit diesen Herzens-Nürnbergern, echten Franken und Importspielern, die länger als eine Saison bleiben, soll etwas Nachhaltiges entstehen. Wobei nachhaltig im Eishockey durchaus ein Fremdwort ist. Einen kleinen Umbruch wird es trotzdem geben. Der Hoffnung, die Mannschaft stärker zu machen, müssen Spieler weichen, die sich mit den Ice Tigers identifizieren konnten. Das führte zu berührenden Szenen nach dem 1:3 gegen die Düsseldorfer EG im letzten Saisonspiel. "Das hat es auch noch nicht gegeben, dass Spieler Tränen in den Augen hatten, weil sie vielleicht nicht mehr zu dieser Mannschaft gehören", stellte Geschäftsführer Wolfgang Gastner verwundert fest.

Dafür soll ein Spieler zurückkommen, dessen R im Vornamen, sich ganz hervorragend rollen lässt.

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