Livestreams

Ja, wo laufen sie denn? Wie Falcons, Grizzlys & Co auf die Bildschirme drängen

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 28.09.16..FOTO: Michael Matejka MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait - Sportredakteur Sebastian Gloser ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Sebastian Gloser

Sportredakteur

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12.1.2022, 15:02 Uhr
Für unser Bild hat Reinhard Wörlein sogar noch die Kameraführung übernommen, normalerweise darf er sich bei den Nürnberg Falcons aufs Kommentieren konzentrieren.

Für unser Bild hat Reinhard Wörlein sogar noch die Kameraführung übernommen, normalerweise darf er sich bei den Nürnberg Falcons aufs Kommentieren konzentrieren. © Sportfoto Zink / Alexander Schlirf, NN

Reinhard Wörlein hatte wieder gegen die viel zu laute Sirene in der Kia Metropol Arena angeschrien. Er hat die Partie zwischen den Nürnberg Falcons und den Panthers Schwenningen so objektiv wie möglich kommentiert (und sich am Ende trotzdem über den 83:76-Sieg gefreut). Er hat Spielzüge erklärt und Leistungen eingeordnet und natürlich hat er das Kommentatoren-Team aus Schwenningen für deren Übertragungen gelobt.

Seit 2018 ist Wörlein die Stimme der Falcons – zumindest für diejenigen, die sich die Heimspiele zu Hause auf dem Tablet anschauen oder unterwegs auf ihrem Smartphone. Zwei Jahre zuvor hatte der Klub mit Hilfe von Studenten einen Stream installiert, inzwischen ist die Live-Übertragung bei allen Klubs in der zweiten Basketball-Bundesliga auf Sportdeutschland.tv Standard.

Dann übernehmen die Profis

Wörlein, der jenseits der Halle zwei Apotheken führt, hat sich schon im Berufsbildungszentrum das Headset aufgesetzt, er hat den sensationellen Bundesligaaufstieg der Falcons im Eventpalast am Flughafen begleitet, ohne dabei durchzudrehen, und seit dieser Saison kommentiert er natürlich auch die Heimspiele in der neuen Arena unter dem Fernmeldeturm. „Früher habe ich Günther Koch bei ,Heute im Stadion‘ zugehört“, sagt Wörlein über sein Engagement und lacht: „Eine bescheinigte Kompetenz habe ich dafür aber nicht.“

Und er hätte auch nichts dagegen, wenn er in seiner Funktion auf absehbare Zeit überflüssig würde. Sollte das mit dem Aufstieg in die BBL beim nächsten Anlauf klappen, würden die Profis, würden die Kollegen von MagentaSport übernehmen.

Das Portal Sportdeutschland.tv versteht sich, wie es der Name erahnen lässt, als zentrale Anlaufstelle für alle Sportarten, die nicht im linearen Fernsehen übertragen werden. Die zweiten Ligen im Basketball, Handball oder Volleyball zum Beispiel, erste Liga Tischtennis und Badminton, zuletzt wurde die Handball-WM der Frauen gezeigt. Die Übertragungen sind kostenlos, dafür muss man als Zuschauer zu Beginn einen umfangreichen Werbeblock erdulden – und die Tatsache, dass es immer wieder technische Probleme gibt.

Weil es kleine Vereine überfordert

Die Zweitliga-Volleyballer des SV Schwaig sind ebenfalls auf der Plattform vertreten, wie Hans-Peter Ehrbar das findet, kann er allerdings noch nicht abschließend sagen. Seit Jahren ist der Abteilungsleiter damit beschäftigt, den Wünschen der Liga nach mehr Professionalisierung zu entsprechen, nicht alles hält er für zielführend. Weil es kleine Vereine wie den SV Schwaig überfordert – vor allem personell. „Finanziell“, sagt er, sei der Livestream, den sie seit der vergangenen Saison anbieten, „kein Mehraufwand, aber organisatorisch wird es jedes Jahr mehr“.

Natürlich ist er froh, dass der SV Schwaig in Zeiten der ausgesperrten Zuschauer überhaupt irgendwo sichtbar wird, das sind sie alle, die da ihr Produkt versenden, trotzdem hält sich der Nutzen in Grenzen.

Der Metzger um die Ecke

In der Theorie können die Vereine die Übertragung vermarkten, allerdings sind potenzielle Sponsoren ohnehin überschaubar. Dazu kommt, dass – zumindest in Zeiten ohne Geisterspiele – vor allem die Anhänger der Gäste den Stream verfolgen, die auswärts nicht dabei sein können. „Macht es Sinn, wenn hier der Metzger um die Ecke auf Bildschirmen in Karlsruhe eingeblendet wird?“, fragt Ehrbar – eher rhetorisch.

Die kleineren Bundesligisten haben selten überregionale Partner, die „Einschaltquoten“ sind überschaubar – und werden je nach Format sogar noch überschaubarer. Die Volleyballerinnen des TV Altdorf spielen in der zweiten Bundesliga Süd in dieser Saison ganz oben mit, während letztes Jahr aber oft bis zu 1000 Menschen den Stream nutzten, waren es zuletzt gerade einmal noch 100.

Der Grund: Vergangene Spielzeit waren die Übertragungen frei empfangbar, im Sommer entschied sich die Mehrheit der Vereine aber „leider“, wie Teammanagerin Annemarie Böhm betont, für den Verkauf der Rechte an Sport1+. Seitdem müssen Fans pro Partie drei Euro bezahlen. Das ist keine große Summe, viele scheuen aber offenbar den Aufwand, den eine Bezahlschranke mit sich bringt. Bei den Nürnberg Grizzlys haben sie auch deshalb einen anderen Weg gewählt und es in dieser Saison sogar ins klassische Fernsehprogramm geschafft. Entsprechend stolz sind sie darauf. Das Franken Fernsehen überträgt die Heimkämpfe von Nürnbergs Bundesliga-Ringern live, das hat es vorher in Deutschland in diesem Sport noch nie gegeben.

„Krank darf niemand werden“

Eigentlich liegen die Rechte hier ebenfalls bei Sportdeutschland.tv, „aber das war nicht das Gelbe vom Ei“, sagt Sportdirektor Mario Besold. Deshalb haben sie die Rechte zurückgekauft und vermarkten sich nun vor allem regional. „Es ist eine Investition, bei der man noch nicht weiß, ob sie sich lohnen wird“, sagt Besold, aber natürlich hoffen sie wie alle darauf, durch die Präsenz auf den Bildschirmen die eigene Bekanntheit zu steigern, neue Partner auf sich aufmerksam zu machen. Seit 2017 produziert der Verein eine immer anspruchsvollere Übertragung, als sich das die Profis vom Fernsehen anschauten, gab es gar nicht mehr so viele Verbesserungsvorschläge.

Sporttotal, Airtango, Youtube – die Ausspielmöglichkeiten sind zahlreich geworden, eine Kamera reicht oft aus, die Technik ist bezahlbar, die Hürden sind dank des Internets niederschwellig. Auf dem Weg zur Professionalisierung sind Streamingangebote „unverzichtbar“, findet auch Ralph Junge, Geschäftsführer der Falcons, allerdings sind die Klubs auch hier oft abhängig von ehrenamtlichen Helfern. Oder von Menschen, die nicht so genau auf die Uhr schauen oder sich auch hauptberuflich mit der Technik auseinandersetzen.

„Krank“, fasst es Hans-Peter Ehrbar vom SV Schwaig zusammen, „darf da niemand werden.“