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Wegwerfklamotten und geklaute Designs: Das steckt hinter dem Billig-Modehändler Shein

Volontärin Hicran Songur
Hicran Songur

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22.1.2022, 16:04 Uhr
Mindestens drei Angebote ploppen beim Öffnen der Website "Shein" auf - mit den Codes wird die Billigmode noch einmal günstiger. 

© imago images/Hans Lucas/Antoine Wdo, Mindestens drei Angebote ploppen beim Öffnen der Website "Shein" auf - mit den Codes wird die Billigmode noch einmal günstiger. 

Ein Klick auf die Website des chinesischen Modekonzerns Shein (Aussprache zweisilbig wie im englischen "She" und "In") genügt, um für Stunden, vielleicht sogar Tage, in eine andere Welt unterzutauchen. Auf der Website werden die Besucherinnen und Besucher mit einer gewaltigen Ladung an Inhalten überschüttet: Der Shein Wintersale hat begonnen. Bis zu 75 Prozent Rabatt. Für nur 4,99 Euro wird die Kundin oder der Kunde mit einem Sondergeschenk belohnt und drei Euro Ermäßigung gibt es durch die Anmeldung für den Newsletter. Und das ist gar nicht mal so wenig - auf Shein finden sich in dieser Preisklasse eine Vielzahl an Kleidungsstücken. Den Preis für die Wegwerfmode zahlen wir am Ende alle: Shein verkörpert nichts anderes als katastrophale Arbeitsbedingungen, geklaute Designs und Umweltverschmutzung.

12-Stunden-Schicht am Tag

"Wir stehen immer für faire Arbeit", heißt es auf der Website des Mega-Konzerns. Doch ist eine Massenproduktion von mehreren Tausend neuen Designs am Tag mit fairen Arbeitsbedingungen kompatibel? So sehr Shein mit seinen Auftritten auf verschiedenen Social-Media-Plattformen und seinen extravaganten Designs auffällt, so undurchsichtig bleibt das Geschäft dahinter. Dennoch schaffte es die Organisation "Public Eye" durch anonyme Rechercheurinnen und Rechercheure einige Nähereien in der chinesischen Millionenstadt Guangzhou zu lokalisieren und mit den Näherinnen und Nähern vor Ort zu sprechen.

Die Organisation setzt sich laut eigenen Angaben für faire Arbeitsbedingungen und die Einhaltung der Menschenrechte und Umweltstandards ein. "Public Eye deckt seit über 50 Jahren Menschenrechtsverletzungen auf, die von Schweizer Unternehmen im Ausland verursacht werden", so die Informationen auf der Website "publiceye.ch". Shein betrifft nicht nur die Schweiz, sondern die ganze Welt. Bereits 2020 nimmt "Public Eye" Kontakt mit einer Organisation auf, die sich im Süden Chinas für die Rechte von Arbeiterinnen und Arbeitern einsetzt. Der Name der Organisation wird aus Sicherheitsgründen nicht bekannt gegeben. Die gesammelten Informationen sind erwartbar und dennoch erschreckend: Die Näherinnen und Näher arbeiten in drei Schichten, 7 Tage die Woche, bis zu 12 Stunden am Tag. Nur einen Tag im Monat bekommen sie frei. Diese Arbeitsbedingungen sind nicht nur unmenschlich, sondern in China illegal. Menschen aus ärmeren Verhältnissen nehmen die Bedingungen aber in Kauf und produzieren die Billig-Mode wie am Laufband. Damit die Kleidung für nur wenige Euro verkauft werden kann, muss die Produktion so günstig wie möglich ausfallen. Die Näherinnen und Näher arbeiten sich kaputt und das für Cent-Beträge pro hergestelltem Kleidungsstück.

Werbung durch Influencer-Marketing

Shein spart nicht nur durch die illegalen Arbeitsbedingungen Geld - der Mega-Konzern hat auch kaum Werbekosten. Das Hashtag #sheinhaul hat auf der Video-Plattform TikTok 4,2 Billionen Aufrufe. Influencerinnen und Influencer mit Hunderttausenden Abonnenten veröffentlichen YouTube-Videos, in denen sie von den Designs schwärmen, Kleidung verschenken und ihre Zuschauerinnen und Zuschauer mit Rabatt-Codes zum Bestellen animieren. Vor allem für Teenager haben die bekannten Gesichter oft eine Vorbildfunktion - und die Kleidung des chinesischen Billig-Konzerns liegt genau in ihrem Taschengeld-Budget. Der Online-Shop fällt jedoch nicht nur mit seinen grellen Designs auf - Shein fokussiert sich auf gesellschaftlich relevante Themen. Die Models weichen von den in Europa und den USA geltenden Normen ab: Die Kleidung wird von Schwarzen, dicken und kleinen Menschen getragen. Damit schafft sich das Unternehmen ein positives Image. Bei Shein ist jede und jeder willkommen - die Hautfarbe, das Gewicht, die Größe und auch die finanziellen Mittel sind dabei egal. Das dreckige Geschäft hinter dem Mode-Discounter rückt in den Hintergrund.

Tägliche neue Designs durch geklaute Ideen

In den vergangenen Tagen hat Shein täglich etwa 3500 neue Designs veröffentlicht. Zum Vergleich: Das Fast-Fashion-Unternehmen H&M präsentiert 500 Neuheiten - und das über einen deutlich längeren Zeitraum. Im Video "Shein Exposed: Der schlimmste Fashion-Konzern der Welt" werden die Informationen von "Public Eye" und der "Clean Clothes Campaign Germany", einer Organisation, die sich für die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter in den Lieferketten der internationalen Modeindustrie einsetzt, zusammengefasst.

Die Inhalte werden von dem YouTube Kanal "simplicissmus" veröffentlicht. Dieser gehört zu funk, einem deutschen Online-Content-Netzwerk der ARD und des ZDF. Das Video zeigt, dass Shein, so wie viele andere Fast-Fashion-Konzerne auch, Designs kopiert. Doch während H&M und Co. von High-Fashion und internationalen Marken Gebrauch machen, geht Shein einen Schritt weiter und klaut die Entwürfe kleinerer Künstler. Ein Beispiel dafür ist Bailey Prado. Die Kleidung der jungen Designerin ist bunt, auffällig und kommt vor allem bei jungen Menschen gut an - jedoch haben die handgemachten Kleidungsstücke auch ihren Preis. Die Strick-Hosen und Oberteile sind auch an dem Mega-Konzern nicht vorbeigezogen - 45 Designs von Bailey Prado soll Shein geklaut haben. Die Kundinnen und Kunden können die Billig-Kopien für wenig Geld über den Online-Shop bestellen. Den preislichen Unterschied machen die Produktion und das Material der Kleidungsstücke aus.

Die Kleidung von Shein besteht größtenteils aus Kunstfasern: 865.000 Artikel werden unter dem Suchbegriff Polyester angezeigt. Ein günstiges Material, das aus Erdöl hergestellt wird. Dadurch erfordert die Anfertigung von Polyester laut Greenpeace deutlich mehr Energie als die Baumwollproduktion. Zudem lösen sich beim Waschen Mikrofasern aus der Kleidung - diese sind nichts anderes als Mikroplastik, das am Ende in den Meeren landet. Das T-Shirt für drei und die Schuhe für acht Euro kosten uns am Ende mehr als gedacht.

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