Buch- und Zeitungsverlage unter Druck

Rohstoffmangel: Auch Papier wird knapp und teurer

Stefanie Banner
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Politik und Wirtschaft

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9.11.2021, 05:55 Uhr
Die Papierpreise steigen und setzen Buch- sowie Zeitungsverlage unter Druck.

© Christian Charisius, dpa Die Papierpreise steigen und setzen Buch- sowie Zeitungsverlage unter Druck.

Ein ungewöhnliches Bild vor kurzem bei Aldi in Lauf: Es liegt am Samstag kein einziges Werbeprospekt für die kommende Woche aus - "wir haben nur wenige bekommen", sagt eine Mitarbeiterin. Auch in der Wochenendausgabe der Zeitung, die regelmäßig ein Aldi-Prospekt enthält, liegt kein Wochenangebot des Discounters bei. Ob das mit dem Papiermangel zu tun hat, der seit einiger Zeit die Hersteller gedruckter Medien beschäftigt?

"Es ist richtig, dass sich der Papiermarkt aktuell weltweit in einer angespannten Situation befindet. Dies betrifft nicht nur Aldi Süd, sondern die gesamte Branche. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Verknappung der Rohstoffe zur Papierherstellung auch auf die Produktion unseres Werbeprospekts auswirkt", erklärt eine Sprecherin des Discounters auf Nachfrage.

Verlag Nürnberger Presse spürt die Entwicklung

Vor allem sogenanntes graphisches Papier, auf das Zeitungen, Bücher und Prospekte gedruckt werden, ist knapp und dementsprechend teurer. Auch der Verlag Nürnberger Presse (VNP), in dem die beiden großen Regionalzeitungen Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung mit ihren Lokalausgaben erscheinen, spüre diese Entwicklung, sagt VNP-Geschäftsführerin Erika Gassner. Nach Angaben des Unternehmens werden in der Nürnberger Druckerei pro Nacht mehr als 210.000 Exemplare gedruckt, darunter auch diese Zeitung - entsprechend hoch sei der Papierbedarf.

Die Preise auf dem Papiermarkt sind massiv gestiegen: Großhandelsverkaufspreise seit 2020.

Die Preise auf dem Papiermarkt sind massiv gestiegen: Großhandelsverkaufspreise seit 2020. © a-afp-20211103_143900-2.jpg, AFP

"Während andere Verlage in unserer Branche schon mit Lieferengpässen kämpfen, sind wir von der Papierknappheit bislang kaum betroffen", erklärt Gassner. "Das liegt vor allem daran, dass wir unsere Papiereinkäufe in den vergangenen Jahren sehr vorausschauend getätigt haben."

Auf Dauer verschont bleibe man jedoch nicht: Für den VNP stehen laut Gassner in den nächsten Wochen Preisverhandlungen mit den Papierlieferanten an. Die Geschäftsführung stelle sich auf harte Gespräche ein. "Wir werden versuchen, die besten Konditionen herauszuholen, auch im Interesse unserer Kundinnen und Kunden", so die Geschäftsführerin. "Dennoch werden aller Voraussicht nach erhebliche jährliche Mehrkosten auf uns zukommen, die sich bis in den Millionenbereich summieren könnten."

Vorlaufzeit bei Buchverlagen ist gestiegen

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der für die Buchverlage spricht, verweist darauf, dass die Vorlaufzeit - also die Zeit für den Druckauftrag inklusive Papierbestellung - bei Büchern um das Vier- bis Sechsfache gestiegen sei. "Insbesondere die kurzfristige Nachauflagenproduktion ist kaum möglich", so ein Sprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Verlage müssten also gleich höhere Auflagen einplanen, was die Kalkulation erschwere.

Seit der Euro-Umstellung vor zwei Jahrzehnten hätten sich die Buchpreise nur „sehr moderat nach oben entwickelt“. Die Gewinnspannen seien niedrig. Steigende Produktionskosten könnten Verlage auf lange Sicht nicht ausgleichen, die Preise müssten angepasst werden, „um nicht in wirtschaftliche Schieflage zu geraten“, so der Börsenverein. Der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger sieht das genauso: „Wir rechnen damit, dass eine erhebliche Kostensteigerung bei den Rohstoffen, die zu erwarten ist, sich längerfristig auch im Preis des Produkts niederschlagen wird.“

Hohe Nachfrage nach Print-Werbung

Die Ursachen für die momentane Knappheit auf dem Markt für Druckpapiere liegen laut Thorsten Arl in der kurzfristig erhöhten Nachfrage nach Print-Werbung am Ende des Lockdowns. Dem stünden keine ausreichenden Kapazitäten gegenüber, da die Papierhersteller seit Jahren wegen der sinkenden Nachfrage Anlagen ab- oder in Teilen für die Produktion von Verpackungspapieren umgebaut hätten. Arl ist Geschäftsführer des Verbandes Bayerischer Papierfabriken in Bayern. Im Freistaat gibt es 22 Papierfabriken mit sehr spezialisierten Produktionsportfolios. Corona habe den Strukturwandel in der Papierindustrie weiter vorangetrieben. Während immer mehr Verpackungspapier auch für den Versandhandel nachgefragt werde, sei der Anteil der graphischen Papiere von früher 50 auf nunmehr 28 Prozent zurückgegangen, erklärt Arl.

"Verpackungspapier herzustellen, ist eine langfristige Entscheidung, weil dahinter ein komplexer technischer Prozess mit Millioneninvestitionen steht. Ein Wechsel in der Produktion von graphischen Papieren zu Verpackungspapieren und zurück ist nicht möglich", so der Verbands-Geschäftsführer. Der Trend, online zu bestellen oder digital zu kommunizieren, werde nicht umzukehren sein, weshalb sich die Anteile noch weiter in den Verpackungsbereich verschieben werden, ist sich Arl sicher.

Dass es beim Papier derzeit zu Preissprüngen komme, liege am hohen Kostendruck bei Energie und Rohstoffen wie Altpapier und Zellstoff. "Die Preise von Altpapier haben sich zum Teil mehr als verdoppelt", sagt Arl.