Stunde der Gartenvögel

Beunruhigend: Es wurden so wenige Vögel gezählt wie noch nie

Redaktion Fürth

1.6.2023, 19:00 Uhr
Spitzenplatz für den Spatz: Ein junges Exemplar sitzt auf einem Geländer. Im städtischen Raum finden Vögel heute zusehends weniger Nistmöglichkeiten.

© Foto: imago images/Hanke Spitzenplatz für den Spatz: Ein junges Exemplar sitzt auf einem Geländer. Im städtischen Raum finden Vögel heute zusehends weniger Nistmöglichkeiten.

Schon nach der "Stunde der Wintervögel" meldete der Landesbund für Vogelschutz (LBV) einen historischen Tiefststand. Das gleiche Bild zeigt sich nun bei der Frühjahrs-Zählaktion "Stunde der Gartenvögel": In bayerischen Gärten wurden so wenige Vögel gezählt wie noch nie.

Rund 12.000 Naturfreundinnen und Naturfreunde haben sich für die Aktion Mitte Mai eine Stunde lang auf die Lauer gelegt und eifrig notiert, welche gefiederten Gäste sie beobachten konnten. In Stadt und Landkreis Fürth beteiligten sich 250 Menschen. Aufgerufen hatte dazu der LBV zusammen mit dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu).

Gemeldet wurden bayernweit 258.000 Vögel aus etwa 9000 Gärten, Balkonen und Parkanlagen. LBV-Biologin Angelika Nelson ist begeistert, dass trotz des durchwachsenen Wetters so viele Menschen mitgemacht haben. Diese "wichtigen Daten über die Vogelwelt im Siedlungsraum" helfen ihr zufolge, langfristige Trends im Bestand der bayerischen Gartenvögel besser zu erkennen. In der Stadt Fürth nahmen 92 Menschen teil, die 2130 Vögel zählten. Star und Kohlmeise landen hier auf dem dritten und zweiten Platz, wobei die Kohlmeise in den meisten Gärten (rund 93 Prozent) zu finden ist. Spitzenreiter ist in Fürth – wie in ganz Bayern – erneut der Haussperling mit 554 Sichtungen. Auch im Landkreis (726) gab er Rang eins nicht her.

Dramatische Abnahme

Dort nahmen sich 158 Menschen Zeit und sichteten 3161 Vögel. Nach dem Spatz trafen sie am häufigsten auf Star (379) und Amsel (308), die hier in 94 Prozent der Gärten vorkommt. Und bayernweit? Da landete die Amsel auf Rang zwei, den dritten Platz auf dem Siegertreppchen sicherte sich der Star.

Mit durchschnittlich nur etwa 28 Exemplaren beobachteten die Menschen in ihren Gärten dieses Jahr so wenige Vögel wie noch nie seit Beginn der Aktion im Jahr 2006. Es wurden acht Vögel weniger pro Zählort gemeldet als noch vor zehn Jahren. Den Naturschützerinnen und Naturschützern des LBV stellt sich die Frage, ob sich die wissenschaftlich belegte, drastische Abnahme vieler Arten auf Wiesen und Feldern nun bei denen in Bayerns Städten und Dörfern fortsetzt.

Die Gründe dafür können vielfältig sein: "Ökologisch wertvolle Lebensräume im Übergangsbereich zwischen Siedlung und Kulturland werden zunehmend bebaut", erklärt Angelika Nelson. "Dort verschwinden Vogelarten wie Wendehals, Gartenrotschwanz und Grauschnäpper. Einst häufige Arten, wie Haussperling oder Mehlschwalbe, finden an glatten Hausfassaden zu wenig Nistmöglichkeiten."

Im Siedlungsraum gehen naturnahe, unversiegelte Grünflächen mit alten Baumbeständen und Hecken verloren. Das Nahrungsangebot, vor allem an Insekten, wird knapp für Bachstelze, Bluthänfling und Gartengrasmücke. Hinzu kommt die Klimakrise, deren konkrete Auswirkungen noch nicht absehbar sind. "Manche Standvögel, wie Zaunkönig und Türkentaube, mögen von den wärmeren Wintern profitieren. Auch Kurzstreckenzieher, wie Hausrotschwanz und Mönchsgrasmücke können sich vielleicht ein längeres Frühjahr und damit eine verlängerte Brutzeit zunutze machen", so die LBV-Ornithologin. Doch Starkwetter-Ereignisse und Trockenperioden, wie sie auch in Bayern immer häufiger vorkommen, werden sich wohl überwiegend negativ auf die Vogelwelt auswirken.

Wilde Gärten können helfen

Um dem sich andeutenden beunruhigenden Wandel im Siedlungsraum entgegenzuwirken, kann jede und jeder etwas beitragen. Von strukturreichen Gärten mit samentragenden Wildblumen, Beerensträuchern, Hecken und Totholz profitieren viele Arten, so auch zum Beispiel der Stieglitz.

Er wurde diesmal in 16 Prozent der Gärten gesichtet und damit weitaus häufiger als im vergangenen Jahr. "Eine ähnliche Entwicklung fiel uns bereits bei der ,Stunde der Wintervögel‘ im Januar auf", sagt Nelson. "Es könnte ein Indiz dafür sein, dass mehr Menschen den Mut zur kleinen Wildnis vor der Haustür finden und dem Stieglitz als Samenfresser somit ein passendes Buffet bieten."

Keine Kommentare