Bevölkerungsprognose

Immer mehr Bewohner: Muss Fürth Angst vor dem Wachstum haben?

Wolfgang Händel
Wolfgang Händel

Leiter Lokalredaktion Fürth

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11.1.2022, 11:10 Uhr
Hunderte von Wohnungen entstanden in den Blöcken auf dem ESW-Gelände im Westen von Fürth, hier der zuletzt vollendete Riegel an der Würzburger Straße. Ähnliches ist in der Stadt nicht mehr zu erwarten, heißt es aus dem Rathaus.

Hunderte von Wohnungen entstanden in den Blöcken auf dem ESW-Gelände im Westen von Fürth, hier der zuletzt vollendete Riegel an der Würzburger Straße. Ähnliches ist in der Stadt nicht mehr zu erwarten, heißt es aus dem Rathaus. © Foto: Wolfgang Händel

Die Überschrift im Regionalteil unserer Zeitung vom Samstag wäre dazu angetan gewesen, im Fürther Rathaus Alarm auszulösen: "Mittelfranken wächst besonders in Fürth", war da zu lesen – und das völlig zu Recht: Die jüngsten Prognosen des Landesamts für Statistik, das seinen Sitz passenderweise in Fürth hat, lassen dies erwarten. Die Kleeblattstadt wird demnach zwischen 2020 und 2040 einen, verglichen mit anderen hiesigen Kommunen, besonders hohen Bevölkerungszuwachs von etwa sechs Prozent verbuchen können.

Nun hat die Fürther Stadtspitze seit geraumer Zeit ihre Probleme mit dem einstmals freudig begrüßten, immer weiteren Wachstum – denn es mangelt schlichtweg am Platz. Wo sollen all die Menschen leben, wo soll der Wohnraum entstehen? Und Autofahrer werden aufstöhnen: Wo sollen die Fahrzeuge parken, wenn schon jetzt in den immer dichter besiedelten Gegenden, wie etwa der Südstadt, die Suche nach einer Lücke sehr zeitraubend und nervenzehrend ausfallen kann.

Der genauere Blick in die Statistik aber trägt zur Beruhigung bei: Zwar liegt Fürth mit dem prognostizierten Anstieg deutlich in Front, doch in absoluten Zahlen heißt das: 2040 werden hier rund 136 000 statt derzeit laut Landesamt knapp 129 000 Menschen leben. Nur 136 000, wie man hinzufügen darf. Denn zwischen 2010 und 2020 hat es auch schon satte jährliche Zuwächse im Tausender-Bereich gegeben – mit der Spitze von 2700 im Lauf des Jahres 2014.

Damals, das zeigten die Erhebungen, kamen besonders viele Menschen aus den ärmeren osteuropäischen Ländern nach Fürth – ein Phänomen, das, wie Oberbürgermeister Thomas Jung auf Nachfrage der FN sagt, stark zurückging; seit der Corona-Pandemie sei diese "europäische Binnenwanderung fast zum Erliegen gekommen".

Mit den nun vorhergesagten etwa 400 Menschen mehr im Schnitt pro Jahr könnte Jung gut leben, wie er betont. Das sei ein durchaus gesundes und verkraftbares Wachstum, und es belege ja auch "die hohe Attraktivität von Fürth" als Wohnort. Anstiege wie in den Rekordjahren indes könne man sich nicht mehr leisten, es fehlten die Flächen, um in großem Stil Wohnraum zu schaffen. Vergleichbar Opulentes wie zuletzt auf dem früheren Norma-Gelände im Westen oder demnächst im Reichsbodenfeld habe die Kommune nicht mehr zu bieten – höchstens "mal 50 Wohnungen da oder dort".

OB: Prognose ist "sehr gewagt"

Der Rathauschef macht freilich kein Hehl daraus, dass er selbst die moderaten Prognosen des Landesamts für "sehr gewagt hält", fußen sie doch seiner Ansicht nach "viel zu sehr in der Vergangenheit". Er verweist darauf, dass schon im Verlauf des Jahres 2020 erstmals seit sehr langer Zeit ein Minus von einigen hundert Menschen in der Fürther Bevölkerungsbilanz registriert wurde. Prompt hatte Jung im März 2021 gegenüber unserer Redaktion die Besorgnis geäußert, der Trend könne sich dauerhaft ins Negative verkehren – was man sich ja nun auch keinesfalls wünsche.

Davon geht man zwar nicht mehr aus, denn 2021 kamen wieder 700 hinzu. Aber das Plus werde sich "weiter verflachen", glaubt Jung, auf lediglich etwa drei Prozent im Jahr. Auch, weil man den im Sinne einer gesunden Stadtentwicklung besonders begehrten jungen Familien mit Kindern keine adäquaten Angebote mehr machen könne. "Mit Baugebieten für Einfamilienhäuser tun wir uns sehr schwer", bedauert der OB.

Die Statistiker im Landesamt kommen in puncto Alterspyramide unterdessen zu klaren Ergebnissen: Bis 2040, sagen sie vorher, wird die Zahl der Fürtherinnen und Fürther im Alter jenseits der 60 Jahre stark überproportional auf 41 000 steigen.

Man dürfe vor diesem Hintergrund die jungen Familien in Fürth "nicht aus dem Blickfeld verlieren", appelliert Jung an sich selbst und die Kommunalpolitik. Doch realistische Perspektiven sieht auch der OB in dieser Hinsicht kaum – zumal er zum wiederholten Male bekräftigt: Die ökologisch wertvollen Flussauen, die Parks und die Kleingartenanlagen bleiben als Baugrund in Fürth absolut tabu. Misstrauische werden das gern vernehmen.

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