Artenschutz

In Oberasbach stehen die Tiger im Stall

9.3.2019, 14:00 Uhr
Wenn der Bauer so nett krault, schließt auch ein „Tiger“ genüsslich die Augen: Wolfgang Kleinlein und Emily.

© Foto: Marion André Wenn der Bauer so nett krault, schließt auch ein „Tiger“ genüsslich die Augen: Wolfgang Kleinlein und Emily.

Zwischen Stall und Misthaufen lauscht eine Besuchergruppe den Ausführungen des Oberasbacher Biobauern und der geladenen Experten – Konrad Wagner, Zuchtleiter des Fleischrinderzuchtverbandes und Ursula Pfäfflin-Nefian vom "Verein zur Erhaltung des Ansbach-Triesdorfer Rindes". Mit der Hofführung, einem gemeinsamen Projekt von Slowfood Nürnberg und dem Regionalbuffet, möchte man den Tiger unter den Rindern einem größeren Publikum vorstellen.

Am Ende des Rundgangs trifft die Gruppe bei den Milchkühen auch auf Emily. "Sie ist eine nette Kuh, recht unauffällig für die sonst ziemlich temperamentvollen Tiger", findet Wolfgang Kleinlein. Emilys Mutter Ente war eine von zwei Tieren, die 2011 den Startschuss für die Arterhaltungsmaßnahmen auf dem Hof der Kleinleins gaben. Zusammen mit dem bereits erwähnten "Tigerverein" und der "Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen" arbeiten jetzt mehrere Landwirte und engagierte Freunde der alten Rasse daran, den Fortbestand zu sichern.

Ihr Stammbaum lässt sich fast 300 Jahre zurückverfolgen. Erste Aufzeichnungen über die Bemühungen der Franken, ein Rind explizit auf Leistung zu züchten, wurden bereits 1740 gemacht. Damals versuchte der "wilde" Ansbacher Markgraf Carl Wilhelm Friedrich, weibliche Rinder aus Holland in die einheimischen Rassen seiner Triesdorfer Hofhaltung einzukreuzen.

Unersetzliche Arbeitskraft

Aber erst seinem Sohn Alexander gelang es, durch die Einbeziehung von Simmertaler Vieh, die Milch- und Fleischleistung dauerhaft zu steigern. Das "neue" Rind lieferte beides erfreulich reichlich — aber nicht nur das: es war auch beeindruckend groß und stark, kam wegen seiner harten Klauen ohne Hufbeschlag zurecht und wurde so zur unersetzlichen Arbeitskraft auf fränkischen Höfen und Zierde zahlreicher zeitgenössischer Gemälde.

Weil die Menschen im 18. Jahrhundert wahrscheinlich noch nie einen Tiger gesehen, aber schon von einer großen, gescheckten Raubkatze gehört hatten, konnte sich der "Rufname" Tiger widerspruchslos einbürgern. Geschecktes bis lebhaft gepunktetes Fell, gelb bis rostrot, dunkle Klauen, dunkles Flotzmaul, dunkle Hornspitzen, Genügsamkeit und Robustheit wurden durch gezielte Zucht zu den Rassemerkmalen, die ihre Liebhaber auch heute noch schätzen. Dass ihre "Leichtkalbigkeit" ebenfalls von Vorteil ist, versteht sich von selbst.

Emily ist übrigens auch im Schwangerschaftsurlaub. Die Vierjährige erwartet Mitte April ihr drittes Kälbchen. Wenn es ein Mädchen, oder besser, ein weibliches Tier wird, kann sie vermutlich zu Hause bei Kleinleins eine vielversprechende Karriere als Milchkuh anstreben. Die männliche Nachkommenschaft wird normalerweise verkauft.

Zu Wolfgang Kleinleins großem Bedauern werden sie aber "oft erst nach Nord- oder Westdeutschland gefahren und dann zum Schlachten wieder nach Bayern". Das möchte er in Zukunft immer mehr vermeiden. Seit drei Jahren gibt es eine Erzeuger-und Vermarktergemeinschaft des Ansbach-Triesdorfer Rindes, die nach der Devise "Erhalten durch Aufessen" das Tiger-Fleisch auch regional vermarktet. Sechs Restaurants, vier Metzgereien und eine Biomarktkette sind bereits daran beteiligt.

Auch die Besuchergruppe der Hofführung ist auf den Geschmack gekommen: Beim anschließenden "Tigeressen" im Gasthaus Schwarzes Kreuz konnten sich die Freunde des entschleunigten Essens von der Qualität des Fleisches überzeugen. Das von René Thonius und Robert Zeitinger zusammengestellte Menü aus Roastbeef an Feldsalat mit Honig-Senf-Dressing, Tiger-Burger und Roulade auf Rotkohl erntete allgemeinen Beifall. "Die Resonanz war durchweg sehr positiv", so René Thonius. Der Koch selbst ist schwer beeindruckt: "Das Fleisch ist sehr, sehr außergewöhnlich. Es hat einen kräftigeren Geschmack und eine dunklere Färbung. Es ist mager, aber trotzdem saftig, und der Bratverlust ist mit etwa acht Prozent deutlich niedriger." Er hat seine Vorliebe für den Tiger entdeckt.

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