Bürgermeister im Interview

Wilhermsdorf nach dem Hochwasser 2021: "Ich lasse nicht locker"

Harald Ehm
Harald Ehm

Fürther Nachrichten

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14.1.2022, 06:00 Uhr
An der Dorfmühle hat die Gemeinde bereits vor einiger Zeit einen Damm bauen lassen, in dessen Verlängerung führt eine Brücke, auf der Bürgermeister Uwe Emmert hier steht, in den Ort.

An der Dorfmühle hat die Gemeinde bereits vor einiger Zeit einen Damm bauen lassen, in dessen Verlängerung führt eine Brücke, auf der Bürgermeister Uwe Emmert hier steht, in den Ort. © Foto: Hans-Joachim Winckler

Werden Sie eigentlich nervös, wenn es, wie kürzlich, durchgehend zwei Tage lang regnet, Herr Emmert?

Uwe Emmert: Mit Blick auf die vergangene Woche ganz klar: nein. Da kamen vielleicht 30 Liter auf den Quadratmeter zusammen. Und auch wenn die Böden weitgehend gesättigt waren und Wasser in den Äckern oder im Zenngrund stehen blieb, bereitete mir das kein Kopfzerbrechen. Da kann sogar noch ein halber Meter Schnee dazukommen und wegschmelzen.

Es gab aber immerhin eine Hochwasserwarnung, auch für den Landkreis Fürth.

Emmert: Ich habe seit den Ereignissen vom vergangenen Jahr drei Apps auf meinem Handy, erhalte unter anderem Warnungen von Wetter online oder der Nina-App, und manchmal meine ich schon, das schaukelt sich gegenseitig hoch. Über die Wasserwirtschaftsämter bekommt man die Pegelstände der verschiedenen Flüsse. Für Wilhermsdorf ist dabei an der Zenn die Messstelle Stöckach wichtig. Sie liegt zwischen Neuhof und Trautskirchen. Sie habe ich im Blick. Bis das Wasser dann bei uns ankommt, dauert es normalerweise drei bis vier Stunden.

Hat jetzt also Regen generell den Schrecken für Sie verloren?

Emmert: Das bestimmt nicht, es kommt darauf an, über welche Art von Niederschlag wir reden. Der gleichmäßige Landregen, über den sich jeder Landwirt freut, ist kein Thema. Und wenn bei uns im Ort die Zenn die Straße an der Hub zweimal im Jahr überschwemmt – daran sind wir gewöhnt. Aber im vergangenen Jahr hat es großräumig teilweise mehr als 70 Liter in vier Stunden auf den Quadratmeter geregnet, das ist eine andere Dimension.

Der Fokus beim Hochwasserschutz lag in der Vergangenheit im Gemeindegebiet nicht im Süden und Westen auf der Zenn, sondern im Norden auf dem Ulsenbach bzw. Stelzenbach. Warum?

Emmert: Das Wassereinzugsgebiet erstreckt sich dort von Siedelbach, Neidhardswinden, Kappersberg und den nördlichen Teil von Markt Erlbach über Eschenbach und ist mit 27 Quadratkilometern fast so groß wie unsere gesamte Gemeindefläche. Viele Gewitter kommen zwar von Westen her, machen dann aber vor Wilhermsdorf einen Schwenk nach Norden und regnen hier ab. Am Ulsenbach gibt es außerdem steile Hänge, über die das Wasser kommt. Deshalb haben wir unsere Anstrengungen stärker darauf konzentriert.

Die Gemeinde hat 2020 einen gewaltigen Damm durch das Ulsenbachtal ziehen lassen. Wie hat er sich bei der Flutwelle im vergangenen Jahr bewährt?

Emmert: Es war ein weiterer Schritt. Im Ort haben wir zuvor bereits die Ufermauern erhöht und an der Dorfmühle einen Damm gebaut. Dann kam das Vorhaben in Unterulsenbach. Als nächstes müssen wir den Erlenbach angreifen, da gibt es aus der Landwirtschaft einige kleinere Becken mit insgesamt fast 4000 Kubikmetern. Wir planen aber eine Rückhaltung mit über 20 000 Kubik. Zum Vergleich: Mit dem Damm im Ulsenbachtal haben wir einen Stauraum von 27 000 Kubikmetern geschaffen. Aber im vergangenen Jahr hat das für den Zenngrund keine Entlastung gebracht, ganz im Gegenteil.

Weshalb?

Emmert: Weil es im Einzugsgebiet des Ulsenbachs nicht so viel geregnet hat, ist das Wasser einfach durch den Durchlass geflossen, während sich die Zenn auch noch Richtung Ulsenbach staute, das hat im Ort für Probleme gesorgt. Es bräuchte am Durchlass eine Steuerungsklappe, die man in solchen Fällen schließt. Das würde den Zenngrund entlasten, anstatt ihn noch zu füttern.

Emmert: Warum wurde eine solche Vorrichtung nicht gleich eingebaut?

Weil viel zu berücksichtigen ist: Wer steuert die Klappe und legt fest, wann sie geschlossen wird? Wer wartet die Anlage? Wer trägt die Verantwortung für alles? Ich habe mich deswegen schon an das Wasserwirtschaftsamt Nürnberg gewandt.

Die Probleme im Zenngrund sind nur landkreisübergreifend in den Griff zu bekommen. Das wollte der von Landrat Matthias Dießl initiierte "Runde Tisch Zenn" anstoßen. Was hat sich seitdem getan?

Emmert: Wir haben einmal getagt und Verschiedenes besprochen, etwa wie den betroffenen Bürgerinnen und Bürgern schnell geholfen werden kann, ich erinnere hier an die zweitägige Sperrmüllsonderaktion des Landkreises. Gezielt wurde auch die Zenn entlandet, also zwischen Wilhermsdorf und Veitsbronn Äste, Bäume und anderes Treibgut aus dem Flussbett entfernt, damit das Wasser besser fließen kann. Es ging auch darum, Meldeketten sowie Warnsysteme zu verbessern und natürlich auch um Projekte, um vorzubeugen.

Zeichnet sich für den Zenngrund etwas konkret ab?

Emmert: Es ist eine etwas schwierige Situation, weil die Landkreisgrenze gleichzeitig auch die Zuständigkeitsbereiche der Wasserwirtschaftsämter Nürnberg und Ansbach teilt. Im westlichen Zenngrund müsste aber etwas passieren, denn die Rückhaltung Obernzenn ist eine Einrichtung für den dortigen Badesee und hat lediglich eine bedingte Pufferwirkung. Die Zenn ist dort nur ein Bach, hat aber auf den folgenden 20 Kilometern bis Wilhermsdorf Zuflüsse, die breiter sind als sie selbst. Auf dieser Strecke baut sich einiges auf.

Also braucht es einen Damm, aber wo?

Emmert: Zwischen Neuhof und Wilhermsdorf. Die Staatsstraße, also unsere Umgehung, bildet beim Abzweig nach Adelsdorf bereits eine Art Damm, weil sie mit Blick auf den Talgrund zwei bis zweieinhalb Meter höher liegt. Vielleicht könnte man da etwas machen und eine Drosselung hinkriegen. Ideen dieser Art gibt es bereits seit Mitte der 90er Jahre. Ich lasse aber da jetzt auch nicht locker und hake beim Wasserwirtschaftsamt nach.

Am Abzweig der Wilhermsdorfer Umgehung ins Zenntal Richtung Adelsdorf könnte sich Wilhermsdorfs Bürgermeister entweder links oder rechts der Straße eine Regenrückhaltung vorstellen. Die Staatsstraße würde dabei eine Art Damm bilden.

Am Abzweig der Wilhermsdorfer Umgehung ins Zenntal Richtung Adelsdorf könnte sich Wilhermsdorfs Bürgermeister entweder links oder rechts der Straße eine Regenrückhaltung vorstellen. Die Staatsstraße würde dabei eine Art Damm bilden. © Markt Wilhermsdorf /LDBV, NN

Klingt so, als gäbe es beim Thema Gefahrenabwehr noch großen Nachholbedarf.

Emmert: Da geht es um Zuständigkeiten, Planungen und nicht zuletzt die Grundstücke. Das sind eher mittel- bis langfristig angelegte Prozesse. Aber am Runden Tisch hat jeder seine Hausaufgaben bekommen, um etwa seine Warnsysteme zu verbessern.

Was ist in Wilhermsdorf passiert?

Emmert: Wir haben ein Krisenteam gebildet, samt Stab, das Feuerwehrhaus, das autark in Sachen Stromversorgung ist, wird zum Katastrophenzentrum und im Fall der Fälle zur Anlaufstelle für die Bürgerinnen und Bürger. Wir haben eine mobile Sirene angeschafft, die auf einem Auto montiert ist, so können wir durch die Straßen fahren und die Menschen mit Durchsagen warnen. Wir haben für die Feuerwehr weitere Schmutzwasserpumpen und Notstromaggregate angeschafft. Und unter anderem hat der Gemeinderat die Durchführung eines Sturzflut-Risikomanagements für das gesamte Ortsgebiet beschlossen, damit wir genau wissen, wo wir Probleme bekommen könnten.

Weil das Trafohäuschen an der Zenn überschwemmt wurde, war Wilhermsdorf bei der Flut 24 Stunden ohne Strom. Was wurde hier unternommen?

Emmert: Die N-Ergie hat die Schotts an den Türen der Übergabestation von 60 auf 110 Zentimeter erhöht, auch über die neuen Lüftungsrohre sollte kein Wasser mehr hineinkommen. Und es gibt Überlegungen, die Einrichtung komplett zu verlagern.

Was ist eigentlich an Hilfsgeldern im Ort angekommen?

Emmert: Knapp 100 000 Euro konnten den unversicherten Betroffenen zur Verfügung gestellt werden – das waren die Soforthilfen des Freistaats, dazu 50 000 Euro über eine Spendenaktion unserer Bürgerstiftung und rund 40 000 Euro Spenden über den Landkreis, die auf Wilhermsdorf, Langenzenn, Veitsbronn und Roßtal aufgeteilt wurden.

An Weihnachten gab es wieder Bilder aus dem 2021 von einer Flut massiv verwüsteten Ahrtal in den Medien. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Emmert: Wir hatten im Zenngrund zum Glück keine Menschenleben, nicht einmal größere Personenschäden zu beklagen. Trotzdem wird aber sofort immer nach einem Schuldigen gesucht. Als mich im Sommer jemand angerufen hat und wissen wollte, wer denn den Schaden für die verdorbenen Lebensmittel übernimmt, weil wegen des Stromausfalls seine Gefriertruhe nicht mehr gegangen ist, habe ich ihm gesagt: Im Ahrtal haben viele Menschen überhaupt keine Gefriertruhe mehr, weil die mitsamt dem Haus davongeschwommen ist.

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