Kommkino

Horror, Trash, Erotik: Das kleine Kommkino hat Nordbayerns größtes Filmarchiv aufgebaut

5.6.2021, 06:00 Uhr
Blick ins Archiv vom Kommkino Nürnberg: Die analogen Filmdosen lagern in langen hohen Regalreihen.

© Stefan Gnad Blick ins Archiv vom Kommkino Nürnberg: Die analogen Filmdosen lagern in langen hohen Regalreihen.

Seit 1974 wird im Nürnberger Künstlerhaus Kino gemacht, über die Jahrzehnte hat man sich auf Mitternachtsfilme spezialisiert: Horror, Science Fiction, Erotik, Trash – klassisches Bahnhofskino, dazwischen aber immer auch ausgewähltes Arthouse. Heute bespielt der kleine, ehrenamtlich geführte Verein einen mit orangefarbenen Sesseln bestückten Kinosaal im ersten Stock des riesigen Kulturzentrums in der Königstraße. Doch das ist nur das, was man als Gast sieht. Hinter dem Kino steckt unter anderem ein Archiv für analoge Filmkopien, das beständig wächst.

Am Anfang, erzählt Kommkino-Mitarbeiter Konni, stand eine einfache Rechnung: "Wenn eine Kopie, die wir gerne zeigen möchten, 80 Euro Leihgebühr kostet, für dieselbe Summe aber auch gekauft werden kann, dann ist es doch sinnvoller, diese gleich zu kaufen – weil man sie dann jederzeit auch ein zweites oder drittes Mal spielen kann." So kam das Nürnberger Nischenkino dazu, Filmkopien zu sammeln und zu archivieren. Einmal im Geschäft, wurden es immer mehr. Heute hat der Verein 700 Filme im Bestand, mit denen er befreundeten Kinos aushilft. Weitere 800 lagern ungesichtet in einem geräumigen Lagerraum, den das Kommkino seit fünf Jahren in einem Gewerbegebiet vor den Toren der Stadt gemietet hat.

Die Lagerbedingungen sind gut: Nicht über 20 Grad Raumtemperatur, nicht mehr als 40 Prozent Luftfeuchtigkeit. Trotzdem liegen die wertvollsten Stücke buchstäblich auf Eis: in einem Kühllager, aus dem man die Filmrollen erst langsam wieder auftauen muss, wenn man sie zeigen will …

Für sein Archiv ist das Kommkino nicht nur an alten analogen Filmrollen interessiert, sondern auch an der entsprechenden Hardware: Alles an Geräten, was man zum Abspielen benötigt.

Für sein Archiv ist das Kommkino nicht nur an alten analogen Filmrollen interessiert, sondern auch an der entsprechenden Hardware: Alles an Geräten, was man zum Abspielen benötigt. © Stefan Gnad

Wie in allen Archiven dieser Welt, so ticken auch hier die Uhren langsam. Was schon katalogisiert wurde, findet sich in langen hohen Regalreihen. 50 Anfragen für Ausleihen erreichen das Kommkino pro Jahr, was gerade so viel Geld einspielt, dass es für die Miete der Archivräume reicht.

Archivarbeit ist nicht nur ein ständiges Dazulernen, sondern steckt voller Überraschungen. So wurden dem Kommkino-Team irgendwann Filmrollen aus den Niederlanden angeboten, die zwar holländische Titel trugen, jedoch über eine deutsche Tonspur verfügten. Bei "Der dunkle Cristal" konnte man noch leicht erraten, welcher Film gemeint war – doch was versteckte sich hinter "De kleene Bunker"? Eine öffentliche Sichtung ergab: Der deutsche Zeichentrickfilm "Der kleene Punker"!

Das nennen wir mal einen Klassiker: Blick in die Regale des Nürnberger Kommkinos, wo manch eine Perle des Mitternachtskinos schlummert - auf analogen Filmrollen, so, wie es früher in der Lichtspielkunst üblich war.

Das nennen wir mal einen Klassiker: Blick in die Regale des Nürnberger Kommkinos, wo manch eine Perle des Mitternachtskinos schlummert - auf analogen Filmrollen, so, wie es früher in der Lichtspielkunst üblich war. © Stefan Gnad, NNZ

Mit "Super Mario Brothers", "Highlander 2" oder Paul Verhoevens Edeltrash-Revue "Showgirls" finden sich auch Mainstream-Produktionen im Archiv, die die fränkischen Filmenthusiasten kaum in ihrem eigenen Kino zeigen werden. Doch andere Kinos freuen sich.

Spätestens als die mächtige Friedrich-Wilhelm-Murnau-Gesellschaft Kontakt mit den Nürnbergern aufnahm, ahnte man: Das Kommkino wird ernst genommen. Kein Wunder: Ist es schon heute das größte Filmarchiv in Nordbayern, in Bayern die Nummer 3 und in Deutschland unter den 30 größten. Und das alles ohne jede finanzielle Unterstützung durch Stadt oder Staat.

Aus einen aufgelassenen Kino in Karlsruhe gerettet, geht dieser Projektor für 70 Millimeter demnächst aus dem Archiv des Nürnberger Kommkinos weiter nach Frankfurt. In Deutschland gibt es noch vier Kinos, die dieses seltene Format spielen - darunter eine Spielstätte der „Berlinale“.

Aus einen aufgelassenen Kino in Karlsruhe gerettet, geht dieser Projektor für 70 Millimeter demnächst aus dem Archiv des Nürnberger Kommkinos weiter nach Frankfurt. In Deutschland gibt es noch vier Kinos, die dieses seltene Format spielen - darunter eine Spielstätte der „Berlinale“. © Stefan Gnad

"Das Verhältnis zum Material ändert sich", sagt Konni. "Analoge Filmrollen sind kein Gebrauchsgegenstand mehr, viele Archive arbeiten inzwischen rein museal und verleihen gar nichts mehr." Das Kommkino fährt da einen komplett anderen Ansatz. Seine Philosophie: Filme wurden gemacht, um gezeigt zu werden, die Rollen wollen rattern. Und das tut man in Nürnberg: In seinem Kinosaal hat der Verein zwei analoge 35-Millimeter-Projektoren sowie Abspielgeräte für 16 Millimeter und Super 8 stehen, die regelmäßig im Einsatz sind.

Eher früher als später wird das kleine Kino in der Königstraße 93 eine der letzten Adressen in der Region sein, bei der analoge Filme überhaupt noch abgespielt werden können.

www.kommkino.de

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