Schülermedientage: Kritisch sein wie Journalisten

Glaubst du alles, was gepostet wird?

22.4.2022, 09:45 Uhr
Das Bild zeigt symbolisch: Je effektheischender eine Nachricht aufbereitet ist, desto harmloser ist oft ihr Inhalt. 

© Wachiraphorn, NNZ Das Bild zeigt symbolisch: Je effektheischender eine Nachricht aufbereitet ist, desto harmloser ist oft ihr Inhalt. 

Die Recherche gehört zum Handwerk des Journalismus. Doch eigentlich müssten sie alle anwenden, die sich im digitalen Nachrichtendschungel bewegen. Gerade für junge Leute, die sich fast ausschließlich über Social-Media-Kanäle informieren, sollte kritisches Hinterfragen selbstverständlich sein.

Deshalb sind die Schülermedientage, veranstaltet von der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, so wichtig. Sie finden bewusst um den Tag der Pressefreiheit (3. Mai) vom 2. bis 5. Mai statt. Journalistinnen und Journalisten aus bekannten bayerischen Medienhäusern stellen sich per Livestream den Fragen der Schülerinnen und Schüler. Die Volontärinnen Nina Dworschak (27) und Jana Vogel (28) vertreten den Verlag Nürnberger Presse. Ihr Beitrag ist am Montag, 2. Mai, 13.45 bis 14.30 Uhr, zu sehen. Warum Lehrkräfte ihre Klassen unbedingt noch für die Schülermedientage anmelden sollten, erklären die beiden im folgenden Interview.

Habt ihr an eurer Schule die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten kennengelernt?

Nina Dworschak: Ich erinnere mich nur an die Textanalysen im Deutschunterricht, dabei wurden die verschiedenen Textsorten wie Bericht, Kommentar und Reportage besprochen. Aber mit Recherchearbeit haben wir uns wenig beschäftigt.

Nina Dworschak

Nina Dworschak © Günter Distler, NNZ

Jana Vogel: Leider so gut wie überhaupt nicht. Der Unterricht hing bei uns noch sehr stark an Büchern und Arbeitsblättern. Dadurch, dass ich damals in der Schülerzeitung mitgearbeitet habe, hatte ich ein bisschen mehr mit Journalismus zu tun. Aber für die meisten Schülerinnen und Schüer war das Foto einer Schulveranstaltung in der Lokalzeitung der einzige Berührungspunkt.

Ist es überhaupt wichtig zu wissen, wie Journalisten und Journalistinnen arbeiten?

Nina Dworschak: Absolut! Beim Konsum von Nachrichten, egal ob man sie liest, hört oder sieht, sollte immer hinterfragt werden, wer die Nachricht verbreitet und wie die Geschichte erzählt wird. Nur mit diesem Hintergrundwissen ist es möglich, den Inhalt der Nachricht richtig einzuschätzen, Meinung zu erkennen und zu entscheiden, ob man die Nachricht in der gleichen Form weiterverbreiten möchte. Übrigens: Fehler wie Rechtschreibfehler in einem Bericht sind keine Fake News und kein Anzeichen dafür, dass ein Text schlecht recherchiert wurde, der Inhalt ist entscheidend.

Was gehört zum Handwerk von Journalist:innen?

Jana Vogel: Das allerwichtigste ist sicher das Fragen: Was ist passiert und warum? Wer kann mehr dazu erzählen? Wenn wir auf die Weise ein Bild der Lage gewonnen haben, liegt das Handwerk darin, die Geschichte richtig zu erzählen. Wir müssen entscheiden, welche Informationen unsere Leserinnen und Leser brauchen, um die Vorgänge zu verstehen. Berichten wir beispielsweise über einen Konflikt in einem Stadtrat, ist es für die Einordnung wichtig zu wissen, wenn in einem halben Jahr dort Wahlen anstehen.

Braucht man Journalist:innen im digitalen Zeitalter überhaupt noch? Jeder kann alles veröffentlichen und sich über alles informieren – demokratischer geht es doch gar nicht?

Jana Vogel

Jana Vogel © Günter Distler, ARC

Jana Vogel: Wenn jeder alles veröffentlichen kann, ist leider meist auch viel Unrichtiges dabei. Das kann harmlos sein, aber auch viel Schaden anrichten, wenn beispielsweise falsche Gerüchte verbreitet werden. Deshalb braucht es Journalisten und Journalistinnen, die recherchieren, welche Informationen stimmen und diese transparent in einen größeren Zusammenhang einordnen. Eine echte demokratische Wahl kann man nämlich nur dann treffen, wenn die Informationen stimmen, auf deren Basis man entscheidet.

Und was können Kinder und Jugendliche – und genau genommen auch Erwachsene – von Journalist:innen lernen?

Nina Dworschak: Sorgfältig und kritisch zu sein. Das heißt zum einen, Informationen und Quellen zu hinterfragen. Ein Beispiel: Bauer Hans steht im Verdacht, seine Kartoffeln mit giftigen Substanzen zu düngen. Die erste Frage lautet: Wer behauptet das? Mehrere Angestellte, die sich der Presse offenbaren, oder ein Konkurrent von Bauer Hans? Allein diese Information entscheidet, wie viel Wahrheitsgehalt in der Geschichte steckt. Daran knüpft die Folgefrage an: Welche Konsequenzen hat die Veröffentlichung? Wem könnte damit geschadet werden? Um das Beispiel wieder aufzugreifen: Stellt sich heraus, dass der Konkurrent von Bauer Hans das Gerücht mit dem giftigen Dünger in die Welt gesetzt hat, und lassen sich keine stichhaltigen Beweise für den Wahrheitsgehalt finden, wäre das für Bauer Hans eine Rufschädigung und für den Gerüchte verbreitenden Konkurrenten eine Plattform, um auf sich aufmerksam zu machen. Jeder, der etwas veröffentlicht oder weiterverbreitet, trägt dafür auch die Verantwortung.

Warum ist Pressefreiheit nicht selbstverständlich?

Jana Vogel: Wir beobachten in vielen Ländern, dass Regierungen die Pressefreiheit einschränken. Auch in Europa, beispielsweise in Ungarn, gibt es leider solche Bestrebungen. Für Regierungen ist es einfacher, an der Macht zu bleiben, wenn sie die Meinungshoheit im Land haben und etwa über die Unzufriedenheit der Menschen nichts bekannt wird. In Russland haben die Menschen zum Beispiel seit Jahren keinen Zugang zu freien Medien, weil die Presse dort mit Zensurgesetzen unterdrückt oder aber vom Staat, also von Putin, finanziert wird. Putin hätte in seinem Land nicht so viele Befürworter, wenn Journalisten und Journalistinnen ihre Arbeit dort frei ausüben könnten.

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