Bulli mit Diesel

Fahrbericht: VW T7 Multivan 2.0 TDI

Ulla Ellmer

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9.1.2023, 14:59 Uhr
Die schicke Zweifarblackierung kostet extra.

© Hersteller Die schicke Zweifarblackierung kostet extra.

Wie er aussieht: Sehr vertraut. Multivan-Kenner – und von ihnen gibt es viele - registrieren zwar aufmerksam und mitunter missbilligend die lange „Schnauze“, die sich in Gestalt einer nunmehr weiter nach vorn gezogenen Motorhaube dem Fahrtwind entgegenreckt. Auch die insgesamt stromlinienförmigere Karosserie und die Chromleiste, die sich entlang der Seitenlinie zieht, werden vom kundigen Auge sofort detektiert. In seinen Grundzügen ist der Multivan T7 aber ganz Bulli geblieben.

Dabei steckt unter dem klassischen Kleid ein komplett neues Fahrzeug. Denn der T7 ist von der Nutzfahrzeug-Basis des Vorgängers T6.1 - den es übrigens noch gibt, unter anderem als Caravelle, California oder Transporter - auf den Modularen Querbaukasten (MQB) umgestiegen, jene Pkw-Plattform also, aus der heraus auch der VW Golf, der Skoda Octavia oder der Audi A3 konstruiert sind.

Im Zuge der Neuaufstellung sind auch ein paar Höhenzentimeter verlorengegangen, was aber als Vorteil zu werten ist, denn das auf 1,91 Meter reduzierte Maß macht es möglich, problemlos in Parkhäuser oder Tiefgaragen zu gelangen. Der T7 streckt sich auf eine Länge von 4,97 Metern, das muss es aber nicht gewesen sein, denn alternativ steht eine Langversion zur Verfügung, die es bei identischem Radstand auf 5,18 Meter bringt. Diese Variante mit „langem Überhang“ – so die offizielle Bezeichnung – ist auch Gegenstand unseres Fahrberichts.

Das digitale Fahrerinstrumentarium mit den animierten Instrumenten gehört zur Serienausstattung.

Das digitale Fahrerinstrumentarium mit den animierten Instrumenten gehört zur Serienausstattung. © Hersteller

Wie er eingerichtet ist: Nicht nur, was die Plattform betrifft, hat der Multivan einen Pkw-artigeren Charakter gewonnen, sondern auch, was das Umfeld der Passagiere und da vor allem das Cockpit betrifft. Eine gewisse Portion strapazierfähigen Kunststoffs ist zwar nicht zu übersehen, der fügt sich aber erstens in die insgesamt tadellose Verarbeitungsqualität ein und wird zweitens durch diverse Deko-Einlagen aufgewertet. Optional flutet ein riesiges, zweigeteiltes Panoramadach (ohne Rollo) den Innenraum mit Licht.

Einen sperrigen Schalt- beziehungsweise Fahrstufen-Wählhebel braucht es nicht mehr, das serienmäßige DSG-Doppelkupplungsgetriebe wird über einen kleinen Shifter angesteuert, der aufrecht und gut erreichbar am Armaturenträger sitzt. Dadurch fällt auch die Mittelkonsole weg, es herrscht somit luftige Barrierefreiheit zwischen den Vordersitzen.

Dass in multimedialer Hinsicht der Modulare Infotainment-Baukasten (MIB) Einzug gehalten hat in den Multivan, ist einerseits eine gute Nachricht, denn die digitale Bildschirmlandschaft aus (serienmäßigem) Fahrerdisplay und scharf auflösendem, mit schöner Grafik versehenem Zentral-Touchscreen ist eine feine, da moderne Sache. Auch ein Head-up-Display lässt sich dazu konfigurieren, zudem erlaubt die Technik die kabellose Einbindung des Smartphones via Apple Carplay beziehungsweise Android Auto.

Doch ohne „Aber“ geht es nicht: Zum MIB gehören leider auch die unkomfortablen Slider für Temperatur- und Lautstärkeregelung, die nicht durchweg logisch aufgebaute Menüstruktur, die Abwesenheit sinnvoller Direkttaster, etwa für Sitzheizung und Klimatisierung, sowie die mitunter etwas begriffsstutzige Sprachassistenz. Immerhin: Ausgestiegen ist uns das System nie.

Den Multivan gibt es in fünf-, sechs oder (Foto) siebensitziger Konfiguration.

Den Multivan gibt es in fünf-, sechs oder (Foto) siebensitziger Konfiguration. © ule

Viel Bequemlichkeit bieten die mit Armlehnen ausgestatteten Sitze, die vorderen sind optional elektrisch verstellbar, mit Massage-, und Belüftungsfunktion versehen sowie von der Aktion Gesunder Rücken (AGR) abgesegnet. Je nach gewähltem Sitzpaket stehen fünf, sechs oder sieben Einzelsitze bereit, das durchgehende Dreier-Sofa in dritter Reihe ist Geschichte. Sehr zum Vorteil gereicht der Umstand, dass die Sessel auf 23 bis 29 Kilogramm abgespeckt haben. Damit muss zwar immer noch ordentlich Masse bewegt werden, dennoch wird der Ausbau und damit auch die Flexibilität spürbar erleichtert, denn die Hemmschwelle, mal eben Platz für Bikes oder sonstiges Sperrgut zu schaffen, ist jetzt spürbar gesunken. Das Schienensystem hat VW bestromt, damit lassen sich alle Fond-Fauteuils beheizen. Drehbar sind die Sitze allerdings nicht, zumindest sehen zwei Vis-a-Vis-Sitzpakete eine Installation der Plätze in zweiter Reihe entgegen der Fahrtrichtung vor.

Auf den erwähnten Schienen läuft auch der höhenverstellbare und ausklappbare Multifunktionstisch, der je nach Bedarf als Mittelkonsole zwischen den Vordersitzen genutzt oder nach hinten verschoben werden kann. Eine eher fragile Angelegenheit sind die in die Rückenlehnen integrierten Klapptischchen.

Wie viel Platz er hat: In Hülle und Fülle. Der Zustieg erfolgt über Schiebetüren, serienmäßig beidseitig, gegen Aufpreis öffnen und schließen sie ebenso wie die Heckklappe elektrisch. Selbst bei voller Bestuhlung bleiben in der Langversion noch 763 Liter an dachhohem Stauraum, hinter der zweiten Sitzreihe tun sich 2171 Liter auf, und kann der Multivan bis zu den beiden Vordersitzen beladen werden, schluckt er 4005 Liter weg. Auch als kräftiges Zugpferd kann sich der Raum-Riese betätigen, gebremst nimmt er zwei Tonnen auf den Haken, ungebremst sind es 750 Kilogramm. Und auf der Hannoveraner Nutzfahrzeug-IAA im vergangenen September hat VW ein „Gute-Nacht-Paket“ samt faltbarer Matratze und Verdunkelungsmöglichkeit vorgestellt, das den Multivan zum „Camper Light“ macht. Käuflich zu erwerben soll es ab Frühjahr 2023 sein.

Praktisch: Der ausklappbare und auf Schienen verschiebbare Multifunktionstisch.

Praktisch: Der ausklappbare und auf Schienen verschiebbare Multifunktionstisch. © ule

Was ihn antreibt: Ein Zweiliter-Vierzylinder-Diesel mit 110 kW/150 PS, Dieselpartikelfilter und SCR-Kat. Die Antriebskräfte richten sich auf die Vorderachse, ein 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe übernimmt die Schaltarbeit. Der 150-PS-TDI ist der einzige Selbstzünder, den VW für den Multivan anbietet. Andere Optionen sind der 1,5-l-TSI-Vierzylinder-Benziner mit 100 kW/136 PS beziehungsweise 150 kW/204 PS, ebenfalls mit Frontantrieb, aber 6-G-DSG, sowie der Plug-in-Hybrid namens 1,4-l-eHybrid.

Die Langversion bringt es auf ein Maß von 5,17 Metern. Das sind 19 Zentimeter Plus gegenüber der "kurzen" Variante.

Die Langversion bringt es auf ein Maß von 5,17 Metern. Das sind 19 Zentimeter Plus gegenüber der "kurzen" Variante. © Hersteller

Wie er sich fährt: Überraschend handlich für ein 5,18 Meter langes Raumschiff. Hätte man die Dimensionen nicht im Hinterkopf und beim Rückspiegel-Blick auf die weit entfernte dritte Sitzreihe auch im Auge, würden sie angesichts des Pkw-artigen Fahrgefühls kaum glaublich erscheinen. Gleichzeitig vermittelt die hohe Sitzposition den bus-konformen Weit- und Ausblick über das Verkehrsgeschehen, das passt ebenso gut zur Charakteristik eines entspannten Cruisers wie das komfortabel abgestimmte Fahrwerk, das Nickligkeiten im Asphalt rücksichtsvoll ausbügelt. Die Lenkung spricht direkt an, und der Diesel harmoniert, wie wir finden, sehr gut mit dem großen Wagen. Akustisch ist er prima gedämmt, und den Argwohn, dass 150 Pferdestärken zu wenig für zwei Tonnen Lebendgewicht sind, kann der souverän anschiebende Selbstzünder lässig ausräumen. Einen Aufschlag an Power haben wir nicht vermisst.

Beim Fahren unterstützen zahlreiche Assistenten, auch darin zieht der Multivan mit dem Pkw-Universum gleich, auf einen Abbiege- und Ausstiegsassistenten kann er ebenso zurückgreifen wie auf den Travel-Assist für teilautomatisiertes Reisen oder den Trailer-Assist, der den Anhängerbetrieb entkompliziert sowie, natürlich, eine Parkautomatik, die den langen Lulatsch selbstständig in detektierte Lücken manövriert.

Was er verbraucht: Wir konsultieren das Datenblatt und lesen einen Wert von 6,7 bis 6,4 l/100 km nach. Das lässt sich sogar unterbieten, unsere Sparfahrt hat der TDI-Multivan mit 4,8 l/100 km bewältigt. 5,9 l waren auch im Alltag machbar, und auf der Langstrecke bei Autobahn-Richtgeschwindigkeit notierten wir eine 8 vor dem Komma. Im Schnitt haben wir 7,3 l/100 km bilanziert.

Was er bietet: Das Basismodell nennt VW schlicht „Multivan“ und stattet es unter anderem mit beidseitigen Schiebetüren, drei Einzelsitzen in der zweiten Sitzreihe, elektrisch einstell-, beheiz- und anklappbaren Außenspiegeln, Digitalcockpit, Klimaanlage, Mobiltelefon-Schnittstelle, Müdigkeitserkennung, Verkehrszeichenerkennung, Tempomat und Spurhalteassistent aus.

Selbst der lange Multivan lässt sich erstaunlich spielerisch dirigieren.

Selbst der lange Multivan lässt sich erstaunlich spielerisch dirigieren. © Hersteller

Das ist freilich nur der Anfang, darüber angesiedelt sind die Varianten „Life“, „Edition“ sowie das Topmodell „Style“, die Liste aufpreisträchtiger Extras ist lang und reicht vom „Top-Paket“ mit Panoramaglasdach, Matrix-Scheinwerfern und Dreizonen-Klimaautomatik über den erwähnten „Travel Assist“ und die adaptive Fahrwerksregelung bis hin zum Top-Infotainment „Discover Pro“ oder die Harman-Kardon-Soundanlage.

Was er kostet: Ab 51.206 Euro. Wenn die Kurzversion reicht, spart das 1880 Euro.

Was wir meinen: Als Raumschiff dürfte der Multivan für viele Kunden noch immer das Traumschiff schlechthin bleiben, und das zu Recht. Ein überreichliches Platzangebot kombiniert der „VW-Bus“ mit Pkw-ähnlichen Fahreigenschaften, einer Vielzahl von Fahrassistenten und einem modernen Infotainment, das sich in mancherlei Hinsicht allerdings Kritik gefallen lassen muss. Preislich ist der T7-Bulli kein Schnäppchen. Darüber hinwegtrösten mag die Aussicht auf hohe Erlöse beim Wiederverkauf, denn auf dem Gebrauchtwagenmarkt zählt der Multivan seit jeher zu den teuer gehandelten Stars.


Die Daten des VW Multivan 2.0 TDI SCR, langer Überhang

Antrieb Diesel, 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, Frontantrieb

Hubraum 1968 ccm

Zylinder 4

Leistung 110 kW/150 PS bei 3000/min

max. Drehmoment 360 Nm bei 1600 - 2750/min

Höchstgeschwindigkeit 190 km/h

Beschleunigung 0 - 100 km/h 11,6 sec

Normverbrauch WLTP 6,4 l/100 km

Testverbrauch 7,3 l/100 km

CO2-Emission 168 g/km

Schadstoffnorm Euro 6d-ISC-FCM

Energie-Effizienzklasse A+

Länge 5,17 m

Breite 1,94 m ohne, 2,25 mit Außenspiegeln

Höhe 1,91 m

Sitzplätze 5 bis 7

Gepäckraum 763 bis 4005 l

Kraftstoff-Tank 60 l

Leergewicht 2063 kg

zulässiges Gesamtgewicht 2850 kg

Zuladung 787 – 591 kg

Anhängelast 2000 kg (gebremst), 750 kg (ungebremst)

Versicherungs-Typklassen 18 (KH), 23 (TK), 24 (VK)

Preis ab 51.206 Euro

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