Der Lorenzer Platz und seine Geschichte

Ein schöner Rücken kann entzücken: Hinter der Lorenzkirche standen einst prächtige Stadtpalais

Sebastian Gulden

30.3.2022, 07:00 Uhr
So beschaulich und grün sah Robert Batty anno 1822 den Ostteil des Lorenzer Platzes. Rechts neben dem Chor von St. Lorenz steht das Palais Schwarz.  

© Stahlstich von William Woolnoth (Sammlung Sebastian Gulden) So beschaulich und grün sah Robert Batty anno 1822 den Ostteil des Lorenzer Platzes. Rechts neben dem Chor von St. Lorenz steht das Palais Schwarz.  

Betrachtet man die südliche der beiden großen Nürnberger Altstadtkirchen von der Ostseite des Lorenzer Platzes nahe der Einmündung der Nonnengasse, dann baut sich vor einem der mächtige Hallenumgangschor mit seinen gewaltigen Maßwerkfenstern, schlanken Strebepfeilern, Wimpergen, Fialen und dem riesigen ziegelgedeckten Dach auf.

Bei dieser Ansicht von 1954 rückte Fotograf Lauterbach etwas näher an den Chor von St. Lorenz heran. Links steht noch das alte Sparkassengebäude von 1914, rechts der neoklassizistische Neubau der Konkurrenz von 1950/1951.

Bei dieser Ansicht von 1954 rückte Fotograf Lauterbach etwas näher an den Chor von St. Lorenz heran. Links steht noch das alte Sparkassengebäude von 1914, rechts der neoklassizistische Neubau der Konkurrenz von 1950/1951. © Ansichtskarte von Fritz Lauterbach (Sammlung Sebastian Gulden)

Erbaut 1439 bis 1477 unter Leitung der Steinmetzmeister Konrad Heinzelmann, Hans Bauer, Konrad und Matthäus Roritzer sowie zuletzt Jakob Grimm, stellte er die Antwort der Baukünstler des Spätmittelalters auf die nicht weniger prunkvolle, rund 200 Jahre ältere Westfassade dar. Mit dem fantastischen Ausbau setzten die bürgerlichen Stifter um ihren Propst Konrad Künhofer einen neuen Markstein im Wettstreit mit den Sebaldern um Nürnbergs prunkvollste Pfarrkirche.

"German Scenery": Exotisches Deutschland

Hallenumgangschöre, bei denen Chor und Umgang dieselbe Höhe der Gewölbescheitel aufweisen, gehören zu den glanzvollsten Schöpfungen der späten Gotik: Sie verbanden die Lust der Epoche an schwerelos wirkender Architektur mit den Erfordernissen der Liturgie. Der in das Licht farbiger Glasfenster getauchte Chorumgang wurde für Prozessionen genutzt und gewährte Zugang zu den angebauten Kapellen, die den wohlhabenden Gemeindemitgliedern Raum für Altarstiftungen boten.

2022 erweist sich, dass Batty die Bauten am Platze zu Gunsten der malerischen Wirkung etwas zurechtgerückt hat, denn genau die Perspektive, die er 1822 wählte, kann man mit der Kamera nicht einfangen.

2022 erweist sich, dass Batty die Bauten am Platze zu Gunsten der malerischen Wirkung etwas zurechtgerückt hat, denn genau die Perspektive, die er 1822 wählte, kann man mit der Kamera nicht einfangen. © Sebastian Gulden

Das Bildmotiv, das sich der Fürther Fotograf und Verleger Fritz Lauterbach 1954 für eine Ansichtskarte aussuchte, war beileibe kein Novum. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts fesselte die Perspektive den britischen Offizier, Zeichner und Reisenden Robert Batty. Bei seinem Aufenthalt in Nürnberg fing er das Motiv kunstfertig mit dem Zeichenstift ein. Der Graveur William Woolnoth wiederum sorgte mit dem hier gezeigten Stahlstich dafür, dass die bezaubernde Rückenansicht in dem Buch "German Scenery" (zu Deutsch etwa "Deutsche Stadtbilder", erschienen bei Rodwell & Martin in London) 1822 um die Welt ging.

Zwei Baukünstler im Clinch

Batty erlebte "Nuremberg" in der Zeit des Biedermeier, jener Epoche neu gefundener Häuslichkeit, in der die Wiederentdeckung der mittelalterlichen Kunstschätze der alten Reichsstadt mit großen Schritten voranschritt – nicht zuletzt dank der Veröffentlichung des englischen Captains.

Spannend ist auch die Geschichte der herrschaftlichen Anwesen Nr. 17/19 und 21 im Nordosten des Chores, die wir auf einer Lithografie aus der Zeit um 1840 sehen. Ihre Pläne nämlich entsprangen den Hirnen zweier Nürnberger Baukünstler, die, um es diplomatisch auszudrücken, sich nicht ganz grün waren.

Die Palais gingen im Bombenhagel unter

Das neugotische Facelift des Stadtpalais der Kaufmannsfamilie von Schwarz ist ein Werk des ebenso rührigen wie streitbaren Carl Alexander Heideloff, der für Nürnberger Verhältnisse äußerst früh (hier 1822/1823) das Formengut der Gotik zu neuem Leben erweckte. Mehr noch: Die Zeiten Heinzelmanns, Bauers, Grimms und der Roritzers mit ihrer untrennbaren Einheit von Kunst und Handwerk erschienen ihm als Ideal und Vorbild für die Erneuerung der Baukultur.

Biedermeierlicher Schick prägte die Nordostseite des Lorenzer Platzes um 1840. In der Zeichnung, die Vorlage für diese Lithografie war, fing Georg Christoph Wilder das neugotische Stadtpalais der Familie von Schwarz und rechts daneben das klassizistische Anwesen der von Kalbs ein.

Biedermeierlicher Schick prägte die Nordostseite des Lorenzer Platzes um 1840. In der Zeichnung, die Vorlage für diese Lithografie war, fing Georg Christoph Wilder das neugotische Stadtpalais der Familie von Schwarz und rechts daneben das klassizistische Anwesen der von Kalbs ein. © Lithografie, wohl von August Kolb (ehem. Sammlung Werner Schultheiß/Foto von Theo Noll)

Da war der Neubau, den sein Intimfeind Leonhard Schmidtner 1835/1836 gleich nebenan im Auftrag der Kaufmannsfamilie von Kalb errichtete, ein Faustschlag ins Gesicht. Anders als Heideloff, der seinen Entwurf sichtlich in Bezug zur gotischen Lorenzkirche setzte, bemühte Schmidtner ganz nonchalant den ihm geläufigen Klassizismus. Als Randnotiz sei erwähnt, dass sowohl Heideloff als auch Schmidtner Nürnberg den Rücken kehrten – und dass Schmidtner später noch warm wurde mit der Neugotik. So warm gar, dass er in Niederbayern eine Reihe von Kirchen in diesem Stil errichtete. Ob ihn das mit Heideloff versöhnte, entzieht sich unserer Kenntnis.

Vereinsbank im Wirtschaftswunder

Jedenfalls haben beide Stadtpalais den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt, ebenso wie fast alle anderen Gebäude rund um die Lorenzkirche, die im Vergleich zu ihrer Schwester St. Sebald glimpflich davonkam, jedoch ihr wertvolles Dachwerk verlor. 1952 waren die Instandsetzungsarbeiten beendet. Schon zwei Jahre zuvor war der Nachfolgebau der beiden Palais von Schwarz und von Kalb fertig geworden.

Stadtbaurat Heinz Schmeißner hatte ihn in dem Klassizismus anverwandten Formen im Auftrag der Bayerischen Vereinsbank entworfen. Wer nun aufhorcht – immerhin handelt es sich doch um einen Neubau der Wirtschaftswunderzeit: Auch damals gab es neben der avantgardistischen Richtung eine historisierende Schule, die allerdings in Nürnberg wenige Spuren hinterlassen konnte.

Letztlich stellte sie eine Fortsetzung des monumentalen Neoklassizismus dar, der schon kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstanden war und sich bis in die NS-Zeit gerade bei Staats- und Parteibauten großer Beliebtheit erfreut hatte.

Straßenbahnlinie 2 ist verschwunden

Leider fand der interessante Bau bei der jüngeren Generation keine Gnade: Ab 1987 bis 1990 musste er einem Neubau nach Entwürfen des Büros Grabow + Hofmann weichen. Auch vom Grundherr-Hertel’schen Haus an der Südostseite des Platzes, das im Kern aus reichsstädtischer Zeit stammte, ist nichts geblieben. Es musste 1914 dem Neubau eines Geschäftshauses weichen, das auf Lauterbachs Ansichtskarte der 1950er Jahre links angeschnitten ist. 1927 richtete die Stadtsparkasse im Erdgeschoss eine Zweigstelle ein.

Bei der Neubebauung wurde die Baulinie an der Nordostseite des Lorenzer Platzes offenbar verändert. Rechts neben dem schön erhaltenen Nachkriegsbau von Küchen Loesch steht die 1990 errichtete neue Dependance der HypoVereinsbank.

Bei der Neubebauung wurde die Baulinie an der Nordostseite des Lorenzer Platzes offenbar verändert. Rechts neben dem schön erhaltenen Nachkriegsbau von Küchen Loesch steht die 1990 errichtete neue Dependance der HypoVereinsbank. © Sebastian Gulden

Die Entscheidung, die Adresse am Lorenzer Platz zur neuen Hauptgeschäftsstelle zu machen, kostete den späthistoristischen, nach Kriegsschäden instandgesetzten Bau die Existenz: 1955/1957 entstand an seiner Statt ein Neubau nach Entwürfen des Nürnberger Architekten Richard Bickel. Dieser ist ein für seine Zeit typischer und gelungener Bau in Stahlbetonskelettbauweise mit Rasterfassaden und überstehenden, flachen Walmdächern. Aus Rücksicht auf das Altstadtumfeld versah man die Fronten mit Vorsatzplatten aus Travertin und rotem Sandstein.

Schon wieder Geschichte sind die Gleise, die unsere Ansicht aus den 1950er Jahren an der Stelle des alten Brunnens zeigen. Von 1882 bis 1976 verkehrten hier die Straßenbahnen der roten Linie (die spätere Linie 2). Und auch die Autos sind, von wenigen Ausnahmen mit Sondererlaubnis abgesehen, heute aus dem Platzbild verbannt.

Also mal wieder ein Ort mit viel Wandel und wenig Beständigkeit. Allerdings, der schöne Rücken von St. Lorenz, er vermag auch nach 545 Jahren noch zu entzücken.

Ein neues Jahrbuch unserer Partner der Initiative "Nürnberg - Stadtbild im Wandel" mit Beiträgen aus dem Jahr 2018 ist in der Kunstanstalt Ludwig von Aroncella erschienen. Erhältlich ist der Band zu 25 Euro über www.aroncella.de.

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Noch viel mehr Artikel des Projekts "Nürnberg – Stadtbild im Wandel" mit spannenden Ansichten der Stadt und Hintergründen finden Sie unter www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-wandel oder www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel

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