Gedenken ans Ende des Zweiten Weltkriegs

Unermüdlicher Versöhner: Der Holocaust-Überlebende Abba Naor verspürt keinen Hass

Johannes Handl
Johannes Handl

Lokalredaktion

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8.5.2022, 16:10 Uhr
Auch im Alter von 94 Jahren berichtet Abba Noar mehrmals wöchentlich an bayerischen Schulen, was ihm und seiner Familie von den Nazis angetan wurde.
 

© Stefan Hippel, NNZ Auch im Alter von 94 Jahren berichtet Abba Noar mehrmals wöchentlich an bayerischen Schulen, was ihm und seiner Familie von den Nazis angetan wurde.  

Für ihn bleibt es seltsam. "Alle reden immer von Erinnerung", stellt Abba Naor fest. "Ich habe keine Erinnerung - weil ich nichts vergessen habe." Das, was der Holocaust-Überlebende in jungen Jahren erleiden musste, begleitet ihn bis heute. Tag für Tag. Bei einer Gedenkveranstaltung des Vereins Freundeskreis Deutsche Einheit erklärt der 94-Jährige, warum er immer noch viermal pro Woche vor Schülern spricht.

Naor ist gerade einmal 13, als die Nationalsozialisten nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 seine Heimat Litauen besetzen. Mit seiner jüdischen Großfamilie wird er ins Ghetto Kaunas deportiert und überlebt mehrere Konzentrationslager, darunter das in Dachau. Sein älterer Bruder wird bereits im Juli 1941 von Deutschen erschossen, als er Brot kaufen will. Seinen jüngeren Bruder und seine Mutter sieht Naor am 26. Juli 1944 im KZ Stutthof zum letzten Mal: "Noch am selben Tag sind sie in Auschwitz vergast worden." Der 94-Jährige denkt jeden Tag an sie: "Für mich werden sie immer lebendig sein."

Vier Jahre wird Naor in verschiedenen Lagern festgehalten, erlebt das Grauen hautnah: "Trotzdem lebe ich ohne Hass." Begreifen kann er das, was damals geschehen ist, bis heute nicht: "Wie kann man Kinder umbringen? Wie kann man Kinder hassen?" Für Naor, der in Tel Aviv lebt und regelmäßig nach München kommt, sind sie die Zukunft. Seit 30 Jahren berichtet der Holocaust-Überlebende Schülern von seinem Schicksal, stets in der Hoffnung, dass sie als bessere Menschen aufwachsen.

Mehr bürgerliches Engagement

Lutz Quester, Präsident des Vereins Freundeskreis Deutsche Einheit, dankt Naor für seinen unermüdlichen Einsatz. Er betont, wie wichtig politische Bildung, aber auch Zeitzeugenberichte und persönliche Begegnungen seien.

Karl Freller, Vizepräsident des Bayerischen Landtages, hält ein flammendes Plädoyer für mehr bürgerliches Engagement. "Frieden, Freiheit und Demokratie sind nicht selbstverständlich", betont der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, auch wenn das heute viele anders sähen. "Wenn wir die Freiheit erhalten wollen, brauchen wir eine wehrhafte Demokratie."

Grundvoraussetzungen dafür seien ein Interesse an dem, was in der Demokratie geschieht, der Wille teilzuhaben und ein Vertrauen in die demokratischen Parteien. "Nichts ist auf Dauer angelegt", warnt Freller. In emotionalen Worten fordert er die Bürger auf, sich selbst zu engagieren und für die Demokratie zu kämpfen.

Tag der Befreiung

Der 8. Mai 1945 ist für den CSU-Politiker ein Tag der Befreiung, wie ihn schon der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner historischen Rede von 1985 genannt hat. Nach all den schrecklichen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts hätte er sich nicht vorstellen können, dass es mitten in Europa heute wieder einen Krieg in dieser Form und Brutalität wie in der Ukraine geben könnte.

"Der Weg von der Ausgrenzung führt schnell zu Hass. Und Hass manchmal schnell zu Mord. Das haben die Juden erleben müssen", beklagt Freller. Antisemitismus erlebte Abba Naor schon, bevor die Nationalsozialisten in seiner Heimat einfielen. In Litauen habe es, wie er sagt, einen "liberalen Antisemitismus" gegeben, mit dem man habe leben können. Die Lage verschlimmerte sich, als die Rote Armee im Juni 1940 in Litauen einrückte - und sie verschärfte sich weiter, als die Deutschen kamen. Was Naor fast noch mehr schockte: "Nachbarn", also vermeintliche Freunde, "waren die ersten, die Juden ermordet haben."

Als der Zweite Weltkrieg endlich zu Ende ist, glaubt Naor, nie wieder Antisemitismus erleben zu müssen. Ein Irrglaube. "Wo liegt der Kern dieses Hasses?" fragt sich Naor nach wie vor. In der Zeitung werde immer wieder von Angriffen auf Jüdinnen und Juden geschrieben. "Sind wir keine Bürger? Haben wir keine Namen? Vielleicht sollten wir damit anfangen, uns mit Namen zu nennen. Wir sind doch Menschen."

Seine Besuche an Schulen möchte Naor fortsetzen, solange es seine Kräfte zulassen. "Die Schüler sind oft viel gescheiter als die Erwachsenen. Sie stellen gute Fragen."