Schätzungsweise jeder Fünfte betroffen

Burnout in der Landwirtschaft: "Das System geht kaputt"

Isabella Fischer
Isabella Fischer

Hochschule & Wissenschaft

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2.6.2022, 14:40 Uhr
Immer mehr Landwirte haben mit Angstzuständen, Depressionen oder Burnout zu kämpfen. Die Gründe dafür sind vielfältig - von steigendem Druck bis zu sinkenden Preisen für ihre Erzeugnisse. 

© Jens Büttner/dpa Immer mehr Landwirte haben mit Angstzuständen, Depressionen oder Burnout zu kämpfen. Die Gründe dafür sind vielfältig - von steigendem Druck bis zu sinkenden Preisen für ihre Erzeugnisse. 

Anstatt acht Stunden lang vor einem Laptop zu sitzen, verbringen die Landwirte ihre Arbeitszeit in der freien Natur, auf weiten Feldern, mit Tieren - die meisten ihrer Bekannten halten das für einen wohltuenden Arbeitsplatz. Doch für Monika L. (Name geändert), Landwirtin aus Franken, ist ihr Tagesablauf alles andere als angenehm und weit entfernt von ländlicher Idylle.

Sie hat in den Hof eingeheiratet, drei schulpflichtige Kinder, kümmert sich um Garten, Haushalt, Hof, dazu noch ein Ehrenamt im Dorf. Im Stall stehen 85 Milchkühe. Gemeinsame Zeit mit ihrem Mann? Fehlanzeige. Es sei denn, die bis zu fünf Stunden tägliche Stallarbeit zählen dazu. Rechnet man allein die Stallarbeit hoch, landet man bei 35 Wochenarbeitsstunden. Da sind die Melkzeiten der Kühe, die Arbeit auf den Wiesen und Äckern, notwendige Reparaturen am Hof oder der Papierkram noch nicht einmal einberechnet.

Keine sechs Wochen Jahresurlaub, kein regulär freies Wochenende, keine Feiertage, "mal Blaumachen" - Fehlanzeige. Monika L. steht kurz vor einem Burnout. Doch wenn sie sich eine Auszeit nimmt, wer kümmert sich dann um den Hof?

"Natürlich gibt es auch in anderen Berufsgruppen hohe Arbeitsbelastungen, doch in der Landwirtschaft gibt es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die zu Burnout, Depressionen und Ängste führen. Es gibt keine Ressourcen für Krankheiten oder auch Schicksalsschläge", sagt Isabella Hirsch. "Wenn der Mann am Strick von der Stalldecke baumelt, müssen abends trotzdem die Kühe gefüttert werden", fasst es Hirsch im Podcast Mit.Menschen drastisch zusammen.

Sie ist selbst Landwirtin, betreibt gemeinsam mit ihrem Mann einen Hof in der Nähe von Feuchtwangen und ist stellvertretende Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft in Bayern (AbL). Die deutschlandweit tätige Arbeitsgemeinschaft engagiert sich für eine zukunftsfähige sozial- und umweltverträgliche Landwirtschaft. Die ehemalige Krankenschwester beschäftigt sich schon lang mit dem Thema psychische Gesundheit.

Tabu-Thema psychische Gesundheit

Hirsch startete unter den Mitgliedern der AbL eine Umfrage zum Thema Burnout. "Die Flut an Mails, Sprachnachrichten und Anrufen zu dem Thema hat mich wirklich bewegt", erzählt sie. Wie die Geschichte von Monika L. Jahrelang galt es als Tabu, in der Landwirtschaft über psychische Probleme zu sprechen. Zu viel steht für die Betroffenen auf dem Spiel. Nicht nur der wirtschaftliche und finanzielle Druck, der auf den Betrieben liegt, auch Versagensängste der Familie gegenüber, die Tuscheleien im Dorf und unter den anderen Landwirten belasten.

Auch Isabella Hirsch kennt diese Situation. Über 25 Jahre lang hatten sie und ihr Mann Milchkühe. Jeden Morgen stand das Milchauto vor der Tür - bis dahin mussten die Kühe gemolken sein - ein strikter Tagesablauf. Nach und nach merkte das Ehepaar die steigende Be- und Überlastung. Über drei Jahre überlegten sie, wie ihre Zukunft aussehen könnte, mit einer höheren Lebensqualität sowie weniger Druck, Verantwortung und Stress. Als sie sich 2011 letztlich dazu entschlossen, ihre Kühe zu verkaufen, "munkelten viele, wir seien pleite", erzählt sie.

Im Frühjahr, an einem Donnerstag, ist sie dann das erste Mal in ihrem Leben ohne Kühe aufgewacht. Hirsch habe eine "wahnsinnige Leere" gespürt und gemerkt, wie hoch die Belastung in Wirklichkeit gewesen ist, erzählt sie im Podcast: "Es ist kein so großer Druck mehr wie früher, als der Tag so eng getaktet war. Wir können um 6 Uhr aufstehen, müssen aber nicht."

Rinder verhungerten qualvoll

Das Ehepaar Hirsch hat es geschafft, rechtzeitig aus der Spirale auszusteigen. Doch es gibt auch dramatische aktuelle Fälle, wie die eines Landwirts aus Rothenburg ob der Tauber, der knapp 170 seiner Rinder über Monate langsam verhungern ließ. Als die Behörden im Mai 2021 nach einem anonymen Hinweis seinen Hof aufsuchten, fanden sie im Stall über 160 tote Rinder, teils bereits stark verwest oder gar skelettiert.

Die noch lebenden Tiere mussten eingeschläfert werden. Vor Gericht räumte der Landwirt ein, seine Tiere über Monate vernachlässigt, ihnen kaum Futter und Wasser gegeben zu haben. Als Grund nannte der 44-Jährige Überforderung und Antriebslosigkeit aufgrund einer Depression. Das Urteil: Eineinhalb Jahre auf Bewährung und ein lebenslanges Haltungsverbot von Nutztieren.

Wie viele Landwirte im Laufe ihres Lebens an einem Burnout oder einer Depression erkranken, ist bislang nicht bekannt. Für Deutschland gibt es keine offiziellen Zahlen. Eine aktuelle Studie unter knapp 4000 Teilnehmern zeigt, dass Landwirte sehr viel häufiger an Angst, Burnout und Depressionen erkranken als die Durchschnittsbevölkerung. Die Rate, an einer Depression zu erkrankten, liegt in der Landwirtschaft dreimal höher.

Die Befragten machen dafür in erster Linie nicht die viele Arbeit, das frühe Aufstehen oder die Sorge um die Tiere verantwortlich, sondern die komplexe Bürokratie, das Ansehen in der Gesellschaft und den Medien sowie die Beschlüsse der Agrarpolitik.

"Bürokratie erzeugt immer mehr Bürokratie, viele Landwirte kommen nicht mehr zu ihrer ursprünglichen Arbeit, weil sie sich mit wahnsinnig vielen Anträgen, Gesetzen und Verordnungen auskennen müssen", sagt Hirsch. Isabella Hirsch blickt mit gewisser Sorge aber auch Hoffnung in die Zukunft. "Ich wünsche mir, dass es künftig ein sicheres Hilfenetz gibt, dass sich die Betroffenen Hilfe holen können und finanziell in dieser Zeit auch abgesichert sind. Landwirte müssen es sich leisten können, sich Zeit zur Erholung zu nehmen. Sonst geht das ganze System kaputt."


Hilfe für Betroffene gibt es unter anderem bei den Stellen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Landwirtschaftlichen Familienberatungen und Sorgentelefone, wie in Bamberg oder Würzburg. Die Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) bietet unter 0561785-10101 rund um die Uhr eine Krisenhotline an. Weitere Informationen zu Hilfsangeboten für Landwirte gibt es unter www.svlfg.de. Die Telefonseelsorge erreicht man unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222.

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