Bündnis fordert sechsjährigen Mietstopp

Demonstration auf Rädern: Aktionstag fordert Mieter zur Rebellion auf - nur wenige kommen

Reiseredakteur Matthias Niese
Matthias Niese

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10.10.2022, 08:10 Uhr
Auftakt zur Radlerdemo am Jakobsmarkt. Am Mikrofon: Günther Geiler, Geschäftsführer des Mieterbundes Nürnberg und Umgebung e.V.

© Matthias Niese, NN Auftakt zur Radlerdemo am Jakobsmarkt. Am Mikrofon: Günther Geiler, Geschäftsführer des Mieterbundes Nürnberg und Umgebung e.V.

Günther Geiler ist ein engagierter Mann. Seine Stimme zittert ein wenig vor Enttäuschung: "Dass da so wenige gekommen sind..." Gut fünfzehn Radler stehen bei seiner Demonstration hinterm Weißen Turm, flankiert von zwei Polizeiautos, drei Polizeimotorrädern und einem Polizei-Radfahrer. Es kommen noch vier Pressevertreter zweier Medienhäuser mit Kamera und Mikrofon. Neugierig recken die Passanten die Hälse.

Ein älterer Teilnehmer klagt: "Viele Leute überlegen sich inzwischen bei den exorbitant gestiegenen Mieten, ob sie sich noch ein Brot kaufen oder beim Wasser sparen.". Er sei sich sicher, das beträfe "die Mehrheit der Menschen". Rundherum herrscht bei schönstem Wetter Einkaufstrubel. Günther Geiler brummt: "Vielleicht habe die Leute doch gerade andere Prioritäten."

Wo blieb die angefragte Wucht der Unterstützer?

Dabei hatte der Geschäftsführer des Mieterbundes Nürnberg und Umgebung im Vorfeld kräftig die Webetrommel gerührt für den deutschlandweiten Aktionstag der Kampagne Mietenstopp am vergangenen Samstag. Hatte den DGB und Verdi um Unterstützung gebeten, SPD, Grüne und Linke angeschrieben. Unsere Medien des VNP berichteten im Vorfeld über die Veranstaltung: "Hände Hoch! Für bezahlbaren Wohnraum" sollte all die für eine zweistündige Demo quer durch die Stadt aufs Rad bringen, die einen sechsjährigen Mietenstopp fordern.

Die Mieten sollen für acht Jahre nicht mehr steigen dürfen, fordern die Demonstranten.

Die Mieten sollen für acht Jahre nicht mehr steigen dürfen, fordern die Demonstranten. © Matthias Niese, NN

Wohlgemerkt einen Stopp, keine Bremse. Doch irgendwie schien aus den Reifen, scheint aus dem Thema gerade die Luft etwas raus zu sein, wo doch alle nur über Krieg und Energiekosten-Explosionen reden. Zehn weitere Radler rollen noch hinzu, dazu zwei Lastenräder mit Fahnen der Linkspartei. Günther Geiler klappt die Box auf seinem blauen Lastenrad auf und holt zum Auftakt der Veranstaltung ein Mikrofon heraus, hinter ihm schwenkt jemand die Fahne des Mieterbundes.

"Die Preisentwicklung bei den Mieten muss gesetzlich begrenzt werden. Wenn Wohnraum nicht mehr bezahlbar ist, muss sich das der Staat zur Aufgabe machen. Es gibt viel zu wenig geförderte Wohnungen, Neubau allein richtet es nicht, wenn er viel zu teuer ist", sagt er - dann rollt die Demonstration gen Gostenhof.

Mit Blaulicht fährt die Polizei voraus und hinterher, rechts und links sperren Beamte die Straßen, Polizeimotorräder knattern vorbei, der Radpolizist lässt sich zurückfallen, um sich gleich danach zwischen den 25 Demonstranten wieder nach vorn zu schlängeln.

Lindwürmchen unter Polizeischutz: Die Demonstranten auf dem Weg nach Gostenhof.

Lindwürmchen unter Polizeischutz: Die Demonstranten auf dem Weg nach Gostenhof. © Matthias Niese, NN

Das blaulichtblinkende Lindwürmchen kriecht gemütlich über den Plärrer, staunend von Autofahrern und Fußgängern beäugt. Hin- und wieder drückt ein Demonstrant auf seine Fahrradklingel.

Diese Anwohner hatten keine Angst vor den Großen - mit Erfolg

Vor dem ehemaligen Bahngebäude in der Spenglerstraße 13 direkt hinter den Gostenhofener Bahngleisen trifft der Zug auf die Bewohner des Anwesens, die sich erfolgreich gegen das Ansinnen ihres Vermieters Vonovia gewehrt haben. Der wollte eine Heizung modernisieren und begründete später laut Aussage der Mieter eine angekündigte saftige Mieterhöhung mit Energiesparmaßnahmen, die diese rechtfertigen würden. "Das ist eine Methode, die wir immer wieder von Mietkonzernen erleben", ruft Geiler in sein Mikrofon.

Solidarität mit den Mietern, die sich gegen eine saftige Mieterhöhung erfolgreich gewehrt hatten.

Solidarität mit den Mietern, die sich gegen eine saftige Mieterhöhung erfolgreich gewehrt hatten. © Matthias Niese, NN

Eine Mieterin spricht von "Fantasiezahlen, ohne Hand und Fuß zusammengetragen", ein Demonstrant ruft unter Applaus: "Vonovia enteignen!" Die hätte 2017 gern noch mehr Wohnungen in die Gärten vor dem Haus gebaut, doch auch davon brachte sie der Wiederstand der Mieter wieder ab. Eine Lehre aus diesem Besuch in Gostenhof soll sein: Sich wehren lohnt sich, Protest lohnt sich: "Keine Angst vor den Großen - seid rebellisch" war dieser Teil der Demonstration offiziell überschrieben.

Ein Demonstrant ruft: "Großkonzerne enteignen", ein Passant "Russia hurra!"

Die Polizisten blicken auf die Uhr, fünf Minuten waren für den Stopp vorgesehen, derweil klauben einige Demonstranten noch Birnen von einer Fallobstwiese hinterm Haus und beißen hinein.

Vor das Haus sollten weitere, teure Wohnungen gebaut werden. Nun darf das Grün wohl bleiben.

Vor das Haus sollten weitere, teure Wohnungen gebaut werden. Nun darf das Grün wohl bleiben. © Matthias Niese, NN

Dann setzt sich der Zug langsam in Bewegung, über den Frauentorgraben, am Bahnhof vorbei. Ein Demonstrant ruft mehrfach: "Großkonzerne enteignen", ein Passant schreit "Russia hurra!", Autofahrer hupen genervt. Über die gesperrte Bahnof- und Ostendstraße rollen die Radler zum Investoren-Großprojekt Seetor hinterm Business-Tower der Nürnberger Versicherung.

Günther Geiler ist jetzt versöhnlicher: "Ich will ja nicht alles bashen, man muss die Dinge differenzierter betrachten." Doch dieses Mega-Projekt mit 300 Wohnungen im äußersten Westen Mögeldorfs sei symbolhaft für Neubauten. Es werde gebaut, doch die Art der Wohnungen mache die Mieten nicht billiger bei Preisen zwischen 6.800 € und 12.000 € pro Quadratmeter.

"Hier wird vor allem für Leute mit Geld gebaut, die vorher schon kein Wohnungsproblem hatten", sagt er. Zwar sei ein Drittel der Wohnungen gefördert, doch nur für 25 Jahre - das müsse unbegrenzt sein. Bei kommunalen Wohnungsfirmen wie der wbg trage der soziale Gedanke noch, doch die Interessen privater Immobilienkonzerne seien nun mal andere. Mit all den Fehlentwicklungen müsse Schluss sein, für sechs Jahre, mit einem gesetzlich verordneten Mietenstopp.

Alle wollen günstigen Wohnraum, aber bitte nicht vor ihrer Haustüre

Dann redet er sich noch in Rage, zeigt dabei aber mit dem Finger auf die, die zwar bezahlbare Wohnungen und in Konsequenz Nachverdichtung in den Stadtviertel fordern - aber bitte nicht bei ihnen vor der Haustüre: "Die Mögeldorfer etwa haben Ihre Nachverdichtung gelöst, indem sie das Großprojekt Seetor ganz an den Rand ihres Viertels gerückt haben, der Rest kann dann schön grün bleiben", sagt er, das sei exemplarisch für so viele Viertel.

Da komme man dann mit seltenen Tieren oder Pflanzen, um zu begründen, dass hier nicht gebaut werden könne. "Der Umweltschutz gilt als unangreifbar und wird nur vorgeschoben, um Neubauprojekte zu verhindern. So kommen wir nie zu mehr bezahlbarem Wohnraum. Ich wünsche mir da eine ehrliche Debatte", ruft er und empfiehlt, jeder müsse sich da schon an seine eigene Nase fassen. Manche der Teilnehmer ziehen da ein langes Gesicht, steigen aufs Rad und fahren heim.

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