"Es ist 5 vor 12"

Klimaschutz und Umwelt nehmen im Gunzenhäuser Stadtrat breiten Raum ein

Jürgen Eisenbrand
Jürgen Eisenbrand

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9.1.2022, 16:39 Uhr
Badewarnung am Altmühlsee: Die schlechte Wasserqualität des Gewässers und das weitere Fortschreiten des Klimawandels macht der Stadtrats-Grünen Sorgen – die in der Frage gipfeln, ob es den See in nicht mehr ferner Zukunft überhaupt noch geben werde.

Badewarnung am Altmühlsee: Die schlechte Wasserqualität des Gewässers und das weitere Fortschreiten des Klimawandels macht der Stadtrats-Grünen Sorgen – die in der Frage gipfeln, ob es den See in nicht mehr ferner Zukunft überhaupt noch geben werde. © Marianne Natalis, NN

Nicht sehr verwunderlich ist, dass die Grünen den Klimawandel zum ganz zentralen Punkt ihrer Rede machten. „Es sollte uns kommunalen Mandatsträgern klar sein, dass aktive Schritte gegen die Erderwärmung in den Stadt- und Kreisparlamenten beschlossen und umgesetzt werden müssen“, mahnte Fraktionschef Herbert Gutmann seine Kollegen. Denn: Schon die eigene Wahrnehmung müsse „uns in aller Deutlichkeit sagen, dass es 5 vor 12 ist“. Die Renaturierung der Altmühl, die im Stadtgebiet 2022 abgeschlossen sein wird, „der Stauraumkanal oder die mobilen Hochwasserschutzbarrieren sind ebenso kostenträchtige Vorkehrungen für das, was uns in jüngster Zukunft erwarten wird“, stellte der Öko-Landwirt fest. Er nannte die schlechte Wasserqualität im Seenland als Anzeichen der Klimaveränderung, und er empfahl zu prüfen, „ob es bei einer weltweiten Erderwärmung von 2 Grad überhaupt noch einen Altmühlsee geben wird“. Und ob nicht „rechtzeitig die Weichen für die Zukunft unserer Tourismusregion neu gestellt werden“ müssten.

Jetzt handeln

Mehrere Fachleute aus der Region hätten im zu Ende gehenden Jahr den Stadträten berichtet, „dass der Klimawandel auch für Gunzenhausen nicht folgenlos bleibt“; als Landwirt könne er seinen Kollegen im Kommunalparlament „Ähnliches berichten“. Der Stadtrat stehe „in der Verantwortung, und wir können nicht sagen, wir hätten es nicht gewusst, wir können nicht sagen, es betrifft uns nicht. Und ebenso dürfen wir bitte nicht sagen, unser Zutun ist bedeutungslos.“

Der Stadtrat müsse jetzt handeln: „Das sind wir der nächsten Generation schuldig.“ Gutmann begrüßte in diesem Zusammenhang die Einstellung eines Klimaberaters und einer zweiten Fachkraft. Dies hielten die Stadtrats-Grünen „für richtungsweisend, um das Thema Umwelt auf breite Füße zu stellen“. Kritik erntete hingegen der Stadtrat, dessen Mehrheit sich für die „Beschaffung eines ,Strommix’, mitunter aus Atom- und Kohlestrom, entschieden hat“. Dies passe „so gar nicht zu unserer Agenda Nachhaltigkeit“. Zumal die Einsparung gegenüber Ökostrom nach seinen Worten gering gewesen sei. Und er appellierte an die Aufsichtsräte der Stadtwerke, schon bald auf 100 Prozent Ökostrom umzustellen. Andere Anbieter gingen „hier andere Wege mit einer intelligenten Marketingstrategie“.

Während also die Haushaltsrede des Grünen Gutmann vom Thema „Klima“ durchzogen war, kam das Wort bei seinem CSU-Kollegen nicht ein einziges Mal vor. Jürgen Brenner streifte allenfalls an zwei Stellen am Thema Umweltschutz entlang: als es um die über zwei Millionen Euro teure Sanierung der Kläranlage ging – und als er auf die Renaturierung der Altmühl zu sprechen kam. Allerdings: Für ihn ist diese weniger eine ökologische Maßnahme als eine ästhetische, die die Stadt im Jubiläumsjahr 2023 „in neuer Pracht erstrahlen“ lassen werde. Nur wenig mehr Platz räumte die lokale SPD dem globalen Thema ein. Bianca Bauer begrüßte zwar die „Schaffung der Stelle eines Umweltbeauftragten“ als „positiv und notwendig und monierte, dass ihrer Partei „der Aspekt Umweltschutz im vorliegenden Haushalt viel zu kurz“ komme. Allerdings gingen ihre Forderungen dann auch nicht über den weiteren Ausbau der Radwege, die mögliche Installation kurzfristiger Pop-up-Radwege „im tourimusgeprägten Sommer“ und „das weitere Schaffen von pflegeleichten Blühflächen“ hinaus.

Energetisch nicht wirtschaftlich

FDP-Stadtrat Werner Falk speiste das Klima-Thema mit ein paar allgemeinen Formeln ab, und die Freien Wähler reduzierten den Umweltschutz unter der Überschrift „Zukünftiger Stadtverkehr: Bedarfsorientiert und emissionsfrei“ auf den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV). Dabei rechnete Stadtrat Harald Romanowski vor, dass die derzeit im Stadtverkehr fahrenden (Ruf-)Busse jährlich nahezu 50.000 Liter Diesel verbrennen – und damit 133 Tonnen Kohlendioxid emittieren. Das Problem: „Unsere Busse, mit einem Verbrauch von 35 Litern je 100 Kilometer, sind zum Teil nur mit wenigen Personen besetzt.“ Das sei „auch als E-Bus nicht energetisch nicht wirtschaftlich“.

Romanowski entwickelte sodann eine Vision für den ÖPNV der Zukunft: mit „umfassender digitaler Vernetzung“, mit Handy-Apps, mit denen Fahrgäste strombetriebene London-Taxis rufen, die sie an ihr Ziel bringen – und unterwegs noch andere Fahrgäste einsammeln und absetzen: „Die Software errechnet die optimale Fahrstrecke, sodass alle Bürgerinnne und Bürger schnell und umweltschonend an ihr Ziel kommen.“ Ein solches Angebot gebe es bereits in Münster, im schweizerischen Appenzell funktioniere es sogar auf flexiblen Routen. Deshalb solle die Stadt „zukünftige Möglichkeiten durch autonome Fahrzeuge vordenken“; die seien flexibel und somit „als Zubringer für den Linienverkehr ideal sowie für die Erschließung dünn besiedelter Räume bestens geeignet“. Zwar sei ihr Einsatz „in Mischverkehren noch in weiter Ferne“, auch seien damit vermutlich hohe Investitionen in zusätzliche Infrastruktur verbunden, aber: „Die Entwicklung auf diesem Markt sollte genau beobachtet werden.“ Und Romanowski erinnerte daran, dass der Verwaltung schon seit August ein FW-Antrag „für eine Wirtschaftlichkeitsanalyse von bedarfsorientierten und emissionsfreien Bedienkonzepten im städtischen ÖPNV Gunzenhausen“ vorliege: „Wir erwarten, dass dieser Antrag zeitnah in den Gremine des Stadtrats behandelt wird.“

Mehr Engagement notwendig

Mehr Engagement der Stadt in Sachen Umweltschutz verlangte der Vertreter der Piraten und der Partei Die Linke, Peter Reitmaier: „Darüber sollte es eigentlich keinerlei Diskussionen mehr geben.“ Er bezifferte den Anteil des Umweltschutzes am 13,8 Millionen Euro schweren Vermögenshaushalt, aus dem beispielsweise die städtischen Investitionen bezahlt werden, auf 0,16 Prozent: „Wir müssen hier also mehr tun!“ Der Einsatz von Bürgermeister Karl-Heinz Fitz (CSU) für die Umgestaltung der Weißenburger Straße – „trotz des zu erwartenden Gegenwinds aus der eigenen Fraktion“ – habe den Piraten „positiv überrascht“. Allerdings sei der Umbau zu einer Einbahnstraße nur „ein erster Schritt hin zu einem nachhaltigen Verkehr“ und nur ein Beitrag für die „nicht aufzuhaltende und alternativlose Verkehrswende“.

Ganz pragmatisch argumentierte Reitmaier, was die Reihenfolge der in Angriff zu nehmenden Umweltschutzprojekte anbelangt: Es solle das Kosten-/Nutzen-Verhältnis zählen. Sprich: Was die größte Wirkung beim geringsten Kapitaleinsatz bringe, solle Vorrang haben – womit sich der Pirat ausdrücklich dem Kurs der Freien Wähler anschloss. „Wir brauchen so oder so großes finanzielles Umweltbudget, eine sofortige Umschichtung und eine Änderung der bisher vorgenommenen Priorisierungen“, sagte Reitmaier. Und er bot Diskussionen darüber an, „wo wir in Gunzenhausen sparen können, wo wir mehr Einnahmen genieren können und welche Projekte für mehr Geld für das Klimaschutzziel zu opfern sind.“ Selbst neue Schulden dürften für dieses Ziel kein Tabu sein, denn: „Nichts wird uns teurer zu stehen kommen, wenn wir hier nicht ausreichend und vor allem schnell genug handeln.“