Brauwesen im Wandel

Trotz Heller-Schock - Im Landkreis ERH ist noch lange nicht Hopfen und Malz verloren

10.1.2022, 09:00 Uhr
Kurz vor Weihnachten 2021 wurde in der Herzogenauracher Brauerei Heller das letzte Bier gebraut.

 

Kurz vor Weihnachten 2021 wurde in der Herzogenauracher Brauerei Heller das letzte Bier gebraut.   © Ralf Rödel, NN

Laut Statistischem Bundesamt ist der Bierkonsum im ersten Jahr der Corona-Pandemie kräftig zurückgegangen. Insgesamt verkauften die deutschen Brauereien und Bierlager 8,7 Milliarden Liter Bier und damit 5,5 Prozent weniger als 2019. Das war der niedrigste Wert seit der Neufassung des Biersteuergesetzes im Jahr 1993.

Verluste schon vor der Pandemie

Der Trend ist dabei nicht erst durch die Pandemie rückläufig. Im Jahr 1993 hatte der Absatz noch bei 11,21 Milliarden Litern gelegen. Seitdem hat sich die Menge des abgesetzten Bieres um 2,5 Milliarden Liter oder 22,3 Prozent verringert.

Erst kürzlich endete in Herzogenaurach eine uralte Tradition: Mit der Privatbrauerei Heller stellte kurz vor Weihnachten eine Institution den Braubetrieb ein. Nicht wegen Corona, wie Brauer Alexander Heller betont. Ein persönlicher Schicksalsschlag gab letztendlich den Ausschlag, dass in den Heller-Kesseln künftig kein Bier mehr schwappt.

Der Thüngfelder Craftbeer-Brauer David Hertl ist das Gesicht einer neuen Brauer-Generation.

Der Thüngfelder Craftbeer-Brauer David Hertl ist das Gesicht einer neuen Brauer-Generation. © Hans von Draminski, NN

Kontaktbörse und Forum

Über viele Jahrzehnte war das Lokal der 1874 gegründeten Brauerei Heller an Herzogenaurachs Hauptstraße Kontaktbörse und politisches Forum. Hier sprachen Bürgermeister zum Kerwa-Auftakt, hier trafen sich jene, die wichtig waren oder sich dafür hielten.

Newcomer füllen Lücken

Vorbei. In die Lücke, die der Heller-Abschied weniger in Sachen Quantität, aber sehr wohl hinsichtlich der Individualität und Qualität des Bieres reißt, stoßen Newcomer wie der Thüngfelder Craftbeer-Brauer David Hertl. Im Mittelpunkt stehen bei seiner "kleinsten und geilsten Brauerei Frankens" Craftbeer-Sorten, bei denen das Reinheitsgebot weit weg erscheint, weil sie mit anderen als den üblichen Zutaten hergestellt werden. Seine Craftbiere verkauft Hertl inzwischen auch international, mittelfristig wird er um eine Erweiterung nicht mehr herumkommen.

Rainer Schmitz (l.) und Stefan Viktorin haben den Sandberg-Bräu in Bubenreuth aus der Taufe gehoben. 

Rainer Schmitz (l.) und Stefan Viktorin haben den Sandberg-Bräu in Bubenreuth aus der Taufe gehoben.  © Klaus-Dieter Schreiter, NN

Vielfältige Szene

Wie vielfältig sich die Szene in Mittel- und Oberfranken gestaltet, lässt sich übrigens auf der sehr empfehlenswerten Internetseite www.braufranken.de nachlesen, wenngleich die neuesten Entwicklungen noch nicht eingepflegt sind. Zu denen, die sich der angespannten Situation zum Trotz aktuell noch halten, zählt die Höchstadter Brauerei Blauer Löwe, wenngleich deren Chef Ingo Sauer im Corona-Jahr 2021 herbe Verluste bilanzieren musste.

Rainer Schmitz aus Bubenreuth war 2011 von einem Bierseminar in Kulmbach, das ihm seine Frau geschenkt hatte, so begeistert, dass er mit zwei Freunden auf seiner Terrasse in der Straße "Am Sandberg" selbst zu brauen begann. Das Trio experimentierte, lernte aus weniger gelungenen Resultaten und bildete sich laufend mittels Fachliteratur und Gesprächen mit Experten fort.

Jury war begeistert

Als 2018 die erste urkundliche Erwähnung Bubenreuths vor 775 Jahren gefeiert wurde, wagten die Drei den entscheidenden Schritt und brauten ein Jubiläumsbier. Bei einer ersten Verkostung kam die Jury um Bürgermeister Norbert Stumpf und Vertreter der Feuerwehr zu einer sehr guten Beurteilung.

Die Festgäste stimmten nicht mit Fragebögen ab, sondern mit geleerten Krügen: Das "775er" fand reißenden Absatz. Der Erfolg ermutigte die bisherigen Hobbybrauer, weitere Sorten zu entwickeln.

Durch die Zusammenarbeit mit etablierten Brauereien wie der Nikl Bräu in Pretzfeld und "Drei Kronen" in Memmelsdorf war es möglich, größere Mengen herzustellen. Die Bubenreuther Brauerei selbst wurde nach ihrem Ursprungsort benannt: Sandberg Bräu.

Palette erweitert

Auch das helle, naturbelassene Landbier "365er", das spritzige, naturtrübe Sommerbier "35°", ein helles Kellerbier, das Festbier "Berg" und der Winterbock "-10*" kamen bei den Kunden bestens an. Mit der Brauerei in Zentbechhofen wurde ebenfalls eine Kooperation eingegangen.

Inzwischen führen auch Restaurants sowie Super- und Getränkemärkte das Bubenreuther Bier.

Neben Rainer Schmitz fungiert Stefan Viktorin als Gesellschafter der Sandberg Bräu.

Ihren eigentlichen Berufen im Vertrieb eines Softwareunternehmens beziehungsweise als Meister für den Bau von Metallblasinstrumenten gehen sie weiter nach. Der dritte Hobbybrauer musste inzwischen aussteigen, weil er es zeitlich einfach nicht mehr schaffte

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