Genusserlebnis

Alte Rinderrasse "Tiger" wieder ins Bewusstsein gerufen

18.9.2018, 17:24 Uhr
Ursula Pfäfflin-Nefian (Mitte) hatte zum Neubeginn der ältesten deutschen Rinderrasse als "Genusserlebnis" Vertreter der "Tiger"-Erzeuger und -veredler sowie Dr. Anita Idel (2. v. r.) von Slow Food Deutschland an die idyllische Kästler Weide eingeladen.

© Harald Munzinger Ursula Pfäfflin-Nefian (Mitte) hatte zum Neubeginn der ältesten deutschen Rinderrasse als "Genusserlebnis" Vertreter der "Tiger"-Erzeuger und -veredler sowie Dr. Anita Idel (2. v. r.) von Slow Food Deutschland an die idyllische Kästler Weide eingeladen.

Den Auftakt zur Vermarktung der ersten Bullen und Ochsen, die mehr als zwei Jahre auf den Weiden aufwuchsen und prächtig gediehen, machte Ursula Pfäfflin Nefian mit der Einladung und Landwirten, Metzgern und Gastwirten sowie Verbrauchern, um sie von den Pionieren der neuen Aufzucht der "Tiger" über ihre Erfahrungen berichten zu lassen. Auf dem Hof von Manfred und Erika Grund im Gerhardshöfer Ortsteil Kästel, einem von heute etwa 40 Betrieben in Westmittelfranken mit rund 150 Ansbach-Triesdorfer Rindern, blickte man in eine durchaus vielversprechende Zukunft der historischen Rasse.

Diese gehe auf die 1740-er Jahre zurück, als der "Wilde Markgraf" Carl Wilhelm Friedrich und sein Sohn Carl Alexander mit Einkreuzungen von holländischen und Schweizer Rindern das Drei-Nutzungs-Rind züchteten, über dessen Namensursprung man bestenfalls rätseln kann. Schließlich hatte man seinerzeit "kein Bild" von Tigern. Allerdings animierten die Rinder Maler zu vielen Gemälden der gesprenkelten Tiere. Mit der Zucht sei nach der Schilderung von Ursula Pfäfflin Nefian ein "qualitativer Sprung" zu höherer Milch-, Mast und Arbeitsleistung gelungen“, sodass es im 19. Jahrhundert 200.000 "Tiger" mit der Konzentration auf Mittelfranken gegeben haben soll, ehe 1888 durch Seuchenzüge und die Mechanisierung der Landwirtschaft der Niedergang begann und ab 1919 die Zucht nur noch von Kleinbauern betrieben wurde.

Als die Alarmglocken schrillten…

Lediglich noch 40 Tiere Anfang der 90-er Jahre des letzten Jahrhunderts ließen bei der "Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrasen" und der "Archeregion Gutenstetten" die Alarmglocken schrillen. Die Rasse wurde als "extrem gefährdet" eingestuft und als "typische Erhaltungspopulation" bezeichnet. Um "altes fränkische Kulturgut zu retten" begann im Frühjahr 2016 der "Verein zur Erhaltung des Ansbach-Triesdorfer Rindes e.V." ein Projekt zur Verwertung des Fleisches der männlichen Tigerrinder Ein Kreis engagierter Landwirte nahm die Zucht wieder auf , womit sich seit 2010 der Bestand mit rund von 150 Tieren stabilisiert hat.

Ursula Pfäfflin Nefian nahm sich des Aufbaues einer Erzeuger- und Vermarktungsgemeinschaft an, die nun erste Erfolge aufweisen kann. Konrad Wagner, Zuchtleiter des Fleischrinderverbandes Bayern berichtete beim Treffen in Kästel mit seiner malerischen Weidekulisse von der Entwicklung eines Zuchtprogrammes und die Führung des Herdbuches. Mit großzügiger Selektion der Genetik sprach er sich für eine rasche Vermehrung aus, sah aber bei den Landwirten ein hohes Maß an Idealismus und zugleich die entsprechende Wertschätzung der hohen Fleischqualität gefordert. Dass "das Fleisch jeden Cent wert" sei und man sich nicht scheuen sollte, den angemessenen Preis zu verlangen, riet von den Pionieren der Landwirt Reinhold Schneider den Kollegen, die sich für die "Tiger"-Haltung interessieren.

"Gegenmodell zu schnell und anonym"

Er habe die gute und ruhige Rasse "kennen- und liebengelernt", die sich gerade in diesem Trockenjahr als "Raufutterverwerter" bewährt habe, erklärte der Biolandwirt im Nebenerwerb. "Zeus" hatte der Metzger Christian Engelhard aus Wassertrüdingen als ersten kräftigen "Tiger" geschlachtet . Er betonte die Qualitätsfaktoren bei der Ganztierverwertung und eine "hohe Genussqualität". Die kündigt auch der renommierte Gastwirt Stefan Rottner aus dem überschaubaren Kollegenkreis in Mittelfranken seinen Gästen mit einem "sehr würzigen, nussigen und zweckerten Fleisch mit intensivem Geschmack" vom Eintopf über Gulasch und Filets bis zum Sauerbraten an. Für diese Qualität könne man selbstbewusst einen wertigen Preis verlangen

Dass der Landkreis mit Lokalitäten in Lenkersheim und Neuhof sowie im Freilandmuseum mit dem "Tiger auf dem Teller" gut vertreten ist, freut Ursula Pfäfflin Nefian. Sie hatte zum Auftakt der Vermarktungsoffensive mit verführerischen Kostproben auch Dr. Anita Idel, die Autorin des Buches "Die Kuh ist kein Klimakiller" aus dem Vorstand von Slow Food Deutschland eingeladen, die als Mitglied der "Archekommission" offiziell die Aufnahme der Ansbach Triesdorfer Rinder in die "Arche des Geschmacks" von Slow Food Deutschland verkündete. Hier werde als "Gegenmodell zu schnell und anonym" mit dem Weiderind etwas ganz Besonderes geboten. Weidegang, wenig Kraftfutter und der Verzicht auf jegliches gentechnisch verändertes Futter wurden als Qualitätsmerkmale herausgestellt.

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