Beobachtungen und Gedanken

Einfach nur ratlos: So erlebten Teilnehmer der Gegendemo den Corona-"Spaziergang" in Roth

Foto: RHV, gesp.11/2020  Motiv: Mitarbeiterportrait - Claudia Weinig Schwabacher Tagblatt Roth-Hilpoltsteiner Volkszeitung Hilpoltsteiner Zeitung Wochenanzeiger Roth-Schwabach
Claudia Weinig

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5.1.2022, 06:04 Uhr

"Mit Nazis geht man nicht spazieren!" Auch ohne eigenes Plakat ist diese Aussage von „Roth ist bunt“-Anhängern zugleich einer meiner Fragen an die Impfgegner, warum sie sich nicht klarer gegen den Missbrauch von rechts abgrenzen, der doch so offensichtlich ist. © Patrick Shaw, NN

Kein „Atomkraft nein danke“ und keine Friedensbewegung im Kalten Krieg und (leider) auch nicht „Fridays for future“ haben mich auf die Straße gebracht. 53 Lebensjahre hat es gebraucht, um mich dazu zu bringen, öffentlich zu demonstrieren. Corona hat es geschafft. Mit voller Wucht.

Montagabend, 3. Januar, 18.15 Uhr, Marktplatz Roth. Meine Demo-Premiere. Nicht, dass ich darauf besonders stolz gewesen wäre, mal nicht zu bequem zu sein und die „Anderen“ machen zu lassen. Für mich hat das bisher immer gut funktioniert.

Dieses Mal ist es anders. Dem Virus komme ich nicht aus. Nicht in den Fernseh-Nachrichten, nicht mit der Maske, die ich in schöner Regelmäßigkeit nicht griffbereit habe. Einfach davonlaufen. Einfach den Alltag wieder haben, wie er ungefähr bis März 2020 war, als „Corona“ mir zum ersten Mal einen Urlaub crashte.

Und dann höre ich zu. Dem befreundeten Arzt, der auf der Corona-Intensivstation Dienst schiebt und dort „seine“ Leute bis zur Erschöpfung arbeiten sehen muss. Weil es anders nicht geht. Meiner Freundin, deren über 90-jährige (gesunde) Mutter im Altenheim drei Wochen ihr Zimmer nicht verlassen durfte. Weil: in Quarantäne.

Ich sehe junge Leute wie meine Tochter (21), die als Einzelkämpfer ihren Schreibtisch besser kennen als die gemütliche Studentenkneipe ums Eck. Und manche von ihnen treibt diese Isolation in die Depression mit all ihren wirklich hässlichen, grausamen Gesichtern. Ich weiß von Freunden, die – trotz Impfung – krank geworden sind, und kenne Familien, in denen die „Impf-Frage“ zur beziehungsexistenziellen Frage wird.

Corona ist buchstäblich assozial. Da geht es nicht um „irgendwen“, sondern um die Menschen, die mir wichtig sind. Und darum, dass es ihnen nicht gutgeht. Weil zu viele andere das verhindern. Wissentlich und in voller – im wahrsten Sinn des Wortes – egozentrischer Absicht.

Ja, ich glaube aus echter Überzeugung an Wissenschaft und an die positive Wirksamkeit einer maximal möglichen Impfquote für Menschen, Gesellschaft und Politik. Ich schwanke zwischen Zweck-Optimismus („das wird schon wieder besser“) und Frustration („...und jetzt auch noch Omikron“). Ja, ich bin sauer auf entscheidungsfeige Politiker und Regelungen, die nach gesundem Menschenverstand schlichtweg unsinnig sind. Und ja - ich sehe die Impfung als mein einzig möglicher Beitrag - neben dem Einhalten der AHA-Regeln - um diesem Virus die Stirn zu bieten.

Darum stehe ich an diesem Montagabend auf dem Marktplatz, mit Blick auf bewaffnete Polizisten als „Bannwall“ gegenüber den „Anderen“. Es sind so viele. Sie umkreisen uns „spazierengehend“. Laut, lärmend, nach „Freiheit“ rufend. Ich sehe Bekannte bei den „Anderen“, mit denen ich niemals gerechnet hätte. Den neben mir stehenden Nachbarn geht es ähnlich. Hier treffen Fronten aufeinander, keine Gesprächspartner. Argumentativ sind wir am Ende. Auch das liegt in der Luft.

Von der Akteurin zur Statistin

Ziemlich schnell fühle ich mich von den „Anderen“ zur willkommenen Statistin degradiert, eingekreist von der kruden Mischung aus wild entschlossenen Impfverweigerern und kompromisslos-extremistischen Staatsverdrossenen. Nein, das war nicht mein Plan. Ich wollte nicht „Bühne“ oder „Publikum“ sein. Und bin es jetzt doch.

Was bedeutet das? Wieder stillschweigend in der Mehrheit untertauchen? Oder besser weiter öffentlich Meinung zeigen? Ganz ehrlich – ich weiß es nicht. Was ich weiß: Die Spaltung der Gesellschaft ist Fakt. Hier, vor Ort. Und zwischen Zweckoptimismus („das wird schon wieder“) und Frust („Omikron hätt’s nicht auch noch gebraucht“) bin ich jetzt vor allem eines: ratlos.


Das sagen Teilnehmer der Gegendemo

Die Proteste gegen Impfung und Corona-Politik sind zweifellos diskussionswürdig, aber Teil der demokratischen Streitkultur. Deren Instrumentalisierung durch rechtspopulistische, -radikale und demokratiefeindliche Kräfte jedoch nicht. Dagegen wollte „Roth ist bunt“ ein Zeichen setzen. Wir haben weitere Teilnehmer gefragt, warum sie dabei waren:

Ottmar Misoph (67), Spalt: Wir sind dem Aufruf unseres Grünen-Ortsverbands gefolgt. Die Mischung der „Spaziergänger“ halte ich echt für gefährlich. Was 2015 der AfD die Flüchtlingskrise war, ist jetzt Corona. Das ist eine ganz billige Masche. Und offensichtlich merken diejenigen, die Angst vor der Impfung haben, nicht, dass sie von der AfD und Rechtsradikalen für deren Zwecke missbraucht werden. Und warum muss ich dann auch noch so viele Kinder auf diesen „Spaziergang“ mitnehmen? Sie fordern Solidarität? Aber wer übt denn die Solidarität mit denjenigen, die sich nicht durch eine Impfung schützen können? Oder mit denen, die durch die Pandemie besonders belastet sind? Nicht der Staat schränkt unsere Freiheit ein, sondern unsere Freiheit wird durch die Nichtgeimpften eingeschränkt.

Ulrike Deuerlein-Misoph (63), Spalt: Man muss mit den Impfgegnern nicht diskutieren. Alle Argumente sind ausgetauscht. Aber man muss rechtzeitig Präsenz zeigen. Ich fände es super, wenn noch viel mehr Menschen diese Präsenz zeigen. Wenn hier schon Rufe nach Freiheit von der Gegenseite laut werden, dann halte ich entgegen: Für unsere Freiheit, für die Freiheit von Kindern, Schülern, von Kranken, Alten, für das Pflegepersonal, für unsere Geschäftsleute und für unsere Familien wäre es viel wichtiger, dass wir alle geimpft wären.

Andreas Buckreus (39), amtierender Bürgermeister von Roth: Ich bin überrascht, wie viele Leute von beiden Seiten da sind. Vor einer Woche waren wir von „Roth ist bunt“ gerade mal um die zehn Leute. Heute sind wir um die 130. Was mich freut: Hier hat sich keiner von den „Spaziergängern“ provozieren lassen. Alle haben sich bei unserer angemeldeten und vom Landratsamt genehmigten Versammlung an die Vorschriften gehalten. Nicht so die Gegenseite. Dort merken die meisten meiner Meinung gar nicht, dass sie von den Rechtsradikalen instrumentalisiert werden.

André Thomas (40), Sprecher des Grünen-Ortsverbands Hilpoltstein: Ich habe heute mit meinem kleinen Sohn dieses Protestplakat gemalt, weil ich es wichtig finde, sich nicht von Rechtsradikalen instrumentalisieren zu lassen. Man muss sich klar abgrenzen, auch wenn man gegen das Impfen und eine Impfpflicht ist. Das Recht auf eine eigene Meinung gestehe ich jedem zu. Allerdings ist es für mich ein Zeichen von Solidarität, wenn ich mich impfen lasse. Genau diese Solidarität in der Gesellschaft brauchen wir jetzt, genauso wie ein gemeinsames Handeln, das ich mir auch von der Politik wünsche.

Daniela Komma (50), Unterheckenhofen: Wenn ich heute hier bin, dann deshalb, weil ich deutlich ein Zeichen setzen will gegen die rechte Unterwanderung, die für mich bei diesen „Spaziergängen“ eine viel größere Rolle spielt als die Frage des Impfens. Ich habe Verständnis für Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. Das ist ihr gutes Recht auf eigene Meinung. Die Rechtsextremen sind aber doch die eigentlichen Drahtzieher hier. Ich will zeigen, dass wir anderen mit unserem demokratischen Grundverständnis und dem Ja zum Impfen viel mehr sind – auch wenn wir nicht so gut organisiert sind wie die Impfgegner und Querdenker.

Martin Fuchs (56), Roth: Heute nehme ich mein demokratisches Recht wahr, Flagge zu zeigen. Ich bin allerdings entsetzt, wie viele von der anderen Seite da sind. Ich kann und will es einfach nicht mehr ertragen, dass eine Minderheit einer Mehrheit vorwirft, sie würden die Gesellschaft spalten. Es ist doch genau andersrum.


Zum Thema

Kundgebung oder "Spaziergang"?

Als „Spaziergänge“ werden sie bezeichnet – und spontan genannt. Sind sie aber nicht: Wenn Impfgegner, Coronaleugner und Kritiker der staatlichen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung durch die Städte ziehen wie am Montag auch in Roth über den Marktplatz, dann handelt es sich nicht um spontane, zufällige Zusammentreffen, sondern um abgesprochene Protestzüge – meist ohne Abstand und Masken, oft zusammen mit „Querdenkern“ und Rechten. Kann und soll der Staat eingreifen?

„Die Versammlungsfreiheit ist ein hohes Gut.“ Deshalb, so betont Jurist Noah Pamer vom Amt für öffentliche Sicherheit und Ordnung am Rother Landratsamt, sei es gar nicht so leicht möglich, eine Versammlung zu unterbinden, „nur weil sie nicht angemeldet ist“. Ein Bußgeld könne zwar verhängt werden, wenn die Kundgebung oder der „Spaziergang“ nicht angemeldet ist. Aber nur, wenn der oder die Leiter der Versammlung ausfindig gemacht werden können.

„Und ein Leiter ist oft nicht erkennbar“, weiß Pamer. Ausreichend sei, einen „faktischen Leiter“ herauszufinden, etwa denjenigen, der bereits öfter dazu aufgerufen hat, oder jemanden, der den Strom der Versammlung lenkt. „Und die Polizei ist schon darauf bedacht, das zu ermitteln.“

Aber diese Form der „Spaziergänge“ von Gegnern der Coronamaßnahmen gebe es ja noch nicht so lange, sagt Pamer. Bisher verlaufen sie nach seiner Kenntnis auch relativ friedlich. Sollte es künftig jedoch regelmäßig zu solchen Zusammenkünften kommen, „dann können wir auch im Vorfeld eine Allgemeinverfügung erlassen. Aber dazu müssten Prognosen und Einschätzungen zum Ablauf der Treffen abgegeben werden.“ Dazu sei es noch zu früh.

Dass die „Spaziergänger“ das geltende Abstandsgebot nicht einhalten, ist laut Pamer zwar ein Verstoß gegen die bayerische Infektionsschutzverordnung. „Aber dann behaupten die Teilnehmer halt, dass sie aus einem Hausstand kommen“, weiß er genauso wie die Polizeibeamten vor Ort. Das Verfolgen solcher Verstöße sei also nicht ganz leicht. Und: Draußen besteht – abgesehen von Einzelfällen – eine allgemeine Maskenpflicht derzeit nicht. Trotzdem betont Pamer: „Wir beobachten das schon kritisch.