Jahresrückblick

Landkreis Roth: Zwischen Baufortschritt und permanentem Abwehrkampf

Robert Gerner

Schwabacher Tagblatt

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10.1.2022, 11:00 Uhr
Der Rohbau des Neubaus (im Vordergrund) steht schon. Alleine dieser Bauabschnitt I kostet bis zur Fertigstellung im Herbst 2022 rund 58 Millionen Euro.

Der Rohbau des Neubaus (im Vordergrund) steht schon. Alleine dieser Bauabschnitt I kostet bis zur Fertigstellung im Herbst 2022 rund 58 Millionen Euro. © Guntram Rudolph, no credit

Die Pandemie

Das Impfzentrum des Landkreises im ehemaligen Verwaltungsgebäude des Aldi-Auslieferungslagers in Roth war zwar schon Ende 2020 betriebsbereit. Tatsächlich zum Impfen genutzt wurde es aber erst zu Beginn des Jahres 2021, nachdem zuvor mobile Teams in den Alten- und Pflegeheimen unterwegs waren. Dort hatte das Virus am schlimmsten gewütet. Corona ist für jeden potenziell tödlich. Besonders gefährdet sind aber eben die Alten und Kranken: Knapp drei Viertel der Landkreisbürger, die an oder in Verbindung mit einer Covid-19-Erkrankung gestorben sind, waren älter als 80 Jahre.

Insofern wurde, wie überall in der Republik, zunächst nach Priorität geimpft in einer Zeit, als der Impfstoff noch knapp war. Beauftragt mit der Umsetzung hat der Landkreis wie schon bei der Teststrecke in Roth das Münchener Start-up-Unternehmen Vitolus. Insgesamt funktionierte, von einzelnen Klagen in den ersten Wochen einmal abgesehen, ganz gut.

Spätestens als die niedergelassenen Ärzte und die Betriebsärzte auf den Impfzug aufspringen konnten, entspannte sich die Lage. Bald gab es nich mehr zu wenig Impfstoff, sondern zu wenig Menschen, die sich impfen lassen wollten. Die Folge: Die Kapazitäten der Impfzentren, auch des Impfzentrums in Roth, musste deutlich heruntergefahren werden. Zu Beginn der vierten Welle zeigte sich dann aber, dass es gar nicht so einfach ist, aus einem Stand-by-Betrieb wieder in den Volllast-Modus zu kommen.

Die Jura-Leitung

Während in Katzwang die Menschen mit Argusaugen Probebohrungen verfolgen, hat das Thema im Landkreis Roth ein wenig an Brisanz eingebüßt. Denn wie es aussieht ist die so genannte "Südumfahrung" der Stromleitung vom Tisch.

Ein ICE-Ausbesserungswerk im geschützten Wald? Die Harrlacher und Röthenbacher und andere antworteten im September mit einem Protestcamp

Ein ICE-Ausbesserungswerk im geschützten Wald? Die Harrlacher und Röthenbacher und andere antworteten im September mit einem Protestcamp © Marco Frömter, NN

Weil es gerade im Nürnberger Süden einige Zwangspunkte wie das dicht bebaute Katzwang gibt, war der von der zuständige Übertragungsnetzbetreiber Tennet auf die Idee gekommen,eine alternative Trassenführung untersuchen zu lassen, die neben Rohr und Wendelstein auch Kammerstein, Büchenbach, Rednitzhembach und Schwanstetten getroffen hätte. Der Protest von Bürgern und Politik vor Ort war nicht zu überhören - und das Aufatmen war entsprechend groß, als sich Tennet für einen Neubau (weitgehend) auf der Bestandsleitung aussprach. Teile von Rohr und Teile von Wendelstein werden davon trotzdem betroffen sein. Die Entscheidung über den Trassenverlauf steht aber noch aus. Es läuft das Raumordnungsverfahren.

Das ICE-Ausbesserungswerk

Noch nicht beendet sind vor allem die Diskussionen um den Standort für ein ICE-Ausbesserungswerk. Das sollte ursprünglich in Nürnberg gebaut werden, dann wurden, nach Protesten dort, neue Standorte ins Visier genommen, von denen wiederum aktuell noch drei übrig geblieben sind: Eine Fläche zwischen Harrlach und Allersberg nahe der Autobahn A9, das ehemalige Heeresmunitionslager (Muna) zwischen Wendelstein und Feucht sowie ein Areal südlich davon. Es geht dabei nicht um Peanuts. Die Bahn benötigt Flächen in der Größenordnung von 45 Hektar.

Dass Anwohner gegen die Pläne Sturm laufen würden, war erwartbar und ist auch nachvollziehbar.

Das gab es noch nie: Gleich drei Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Bundestagswahlkreis Roth schafften es ins Parlament. Ralph Edelhäußer (re.) direkt, Jan Plobner und Kristine Lütke über die Liste.

Das gab es noch nie: Gleich drei Kandidatinnen und Kandidaten aus dem Bundestagswahlkreis Roth schafften es ins Parlament. Ralph Edelhäußer (re.) direkt, Jan Plobner und Kristine Lütke über die Liste. © VNP-Grafik

Die Politik vor Ort kritisierte vor allem das Auswahlverfahren. Es gab zwar einen Kriterienkatalog, dennoch beklagte nicht nur Landrat Herbert Eckstein, dass der Weg hin zu den letztlich verbliebenen drei Alternativstandorten völlig intransparent sei. Der Kreistag verabschiedete kurz vor Weihnachten eine Resolution. Im Januar wird ein Bahnvertreter im Kreistag Rede und Antwort stehen.

Am ehesten gibt es für den Standort ehemalige Muna einige Stimmen, die sich ein ICE-Werk dort vorstellen könnten. Verbunden wäre der Bau dort nämlich mit einer Räumung von gefährlichen Kampfmitteln, die dort seit Kriegsende in der Erde schlummern.

Grundsätzlich, das muss man sagen, passt ein neues ICE-Instandhaltungswerk durchaus in die Zeit. Schließlich soll sich die Mobilität mehr von Straße und Flugzeug auf die Schiene verlagern. Wenn mehr Züge unterwegs sind, benötigt man auch neue Hallen, in der diese Züge gewartet werden können. Doch das Wo war, ist und bleibt schwierig.

Die Kreisklinik

Corona hat das gezeigt: Grundsätzlich fehlt es in Deutschland nicht an Krankenhausbetten, es fehlt vielmehr an Personal, das Patienten in diesen Krankenhausbetten versorgt. Trotzdem sind so manche Kliniken baulich in die Jahre gekommen, und die Rother Kreisklinik, obwohl erst 1984 eingeweiht, zählt zweifelsohne dazu.

Doppelter Protest: Vor der Kreistagssitzung im Juni demonstrierten Gegner des ICE-Instandhaltungswerks und Gegner der Südumfahrung der so genannten Juraleitung vor dem Landratsamt.

Doppelter Protest: Vor der Kreistagssitzung im Juni demonstrierten Gegner des ICE-Instandhaltungswerks und Gegner der Südumfahrung der so genannten Juraleitung vor dem Landratsamt. © Detlef Gsänger, NN

Die Folge: Seit 2019 wird mit gewaltigem Aufwand an einem Neu- und Erweiterungsbau gearbeitet. Alleine der erste Bauabschnitt schlägt mit 58 Millionen Euro zu Buche. Aus dem Landkreis-Haushalt fließen fast 20 Millionen auf die gegenüberliegende Straßenseite. Den Rest trägt der Freistaat und - zu einem sehr kleinen Anteil - die Klinik selbst.

Eröffnet werden soll dieser erste Bauabschnitt 2022, dann geht es weiter mit den Abschnitten zwei, drei und vier. Bis Ende des Jahrzehnts dürften an die 150 Millionen Euro in den Standort geflossen sein.

Junges Unternehmen, aber insgesamt gute Arbeit: Fabian Höhne (li.) ist der Chef des Münchener Start-ups Vitolus, das im Landkreis Roth das Impfzentrum betreibt. Zuvor hatte er unter anderem im Internet eine Restplatzbörse für Urlaubsflieger aufgebaut. 

Junges Unternehmen, aber insgesamt gute Arbeit: Fabian Höhne (li.) ist der Chef des Münchener Start-ups Vitolus, das im Landkreis Roth das Impfzentrum betreibt. Zuvor hatte er unter anderem im Internet eine Restplatzbörse für Urlaubsflieger aufgebaut.  © Robert Gerner, NN

Die Schullandschaft

Während die Gemeinden für die Grund- und Mittelschulen Verantwortung tragen, sind die Landkreise für Realschulen, Gymnasien, Berufs- und Wirtschaftsschulen verantwortlich. Der Landkreisroth hat in den vergangenen 20 Jahren viele Millionen in den Neubau (Gymnasium Wendelstein, Gymnasium Hilpoltstein) und in die Generalsanierung (Realschulen Roth und Hilpoltstein, Förderzentrum Roth) gesteckt.

Aktuell größte Maßnahme ist die Generalsanierung des Gymnasiums Roth, die 41 Millionen Euro verschlingen wird. Der völlig entkernte Altbau aus den 1960-er-Jahren sieht inzwischen wieder aus wie ein Rohbau. Die Schülerinnen und Schüler rücken ein bisschen enger zusammen beziehungsweise werden in "mobilen Raumeinheiten", also voll ausgestatteten Klassenzimmer, die wie Container aussehen, beschult.

Die Bundestagswahl

Das gab´s noch nie: Gleich drei Kandidatinnen aus dem Bundestagswahlkreis Roth (Landkreise Roth und Nürnberger Land) schafften am 26. September den Sprung in den Berliner Reichstag. Ein Jahr lang war zuvor der Wahlkreis gewissermaßen verwaist, nachdem die langjährige Bundestagsabgeordnete Marlene Mortler aus Dehnberg bei Lauf von Berlin nach Brüssel gewechselt war.

Nun also gleich ein Trio. Dass der Rother Bürgermeister Ralph Edelhäußer auf direktem Weg das Rennen machen würde, war nicht besonders überraschend. Die CSU hatte südlich und östlich von Nürnberg seit Jahrzehnten das Direktmandat gewissermaßen für sich gepachtet. Doch neben Edelhäußer dürfen sich nun auch die aus Schwanstetten stammende und in Lauf wohnende Kristine Lütke (FDP) und der Altdorfer Jan Plobner (SPD) Bundestagsabgeordnete nennen. Lütke waren schon im Vorfeld dank ihres ordentlichen Listenplatzes ganz gute Chancen vorhergesagt worden. Plobner hatten dagegen nicht so viele Leute auf dem Zettel, er profitierte von der wundersamen Wiederauferstehung der "Alten Tante" SPD, die deutlich besser Abschnitt, als man das zu Beginn des Jahres 2021 noch für möglich gehalten hatte.

Die Politik vor Ort

Und die Politik vor Ort? Im Kreistag ist Parteiengezänk seit Jahren völlig verschwunden. Ob das auch 2022 so bleiben wird, sei dahingestellt. Allmählich müssen sich die potenziellen Nachfolgerinnen und Nachfolger von Langzeit-Landrat Herbert Eckstein (SPD) in Stellung bringen. Anfang Januar 2022 wurde Eckstein 66, hat also das Alter erreicht, in dem laut Udo Jürgens das Leben anfängt. Zumindest ist Eckstein 2022 in sein letztes volles Jahr als Landkreis-Chef gestartet. Regulär stünde die Wahl nach den Sommerferien 2023 auf der Agenda.

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