Streit um Recht auf Distanzunterricht

Ohne Test keine Schule: 17-Jähriger von Schwabacher Gymnasium ausgeschlossen

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 05.10.2016..FOTO: Roland Fengler..MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait: Robert Gerner..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Robert Gerner

Schwabacher Tagblatt

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26.11.2021, 13:52 Uhr
Ein 17-Jähriger wollte sich nicht testen lassen und blieb deswegen im Distanzunterricht. Als die Präsenzpflicht wieder eingeführt wurde, blieb er trotzdem zu Hause – nun wird es voraussichtlich nichts mit dem Abi.
 

Ein 17-Jähriger wollte sich nicht testen lassen und blieb deswegen im Distanzunterricht. Als die Präsenzpflicht wieder eingeführt wurde, blieb er trotzdem zu Hause – nun wird es voraussichtlich nichts mit dem Abi.   © Karl-Josef Hildenbrand/dpa, NN

Es gibt zwei Sichtweisen. Nach Ansicht der Familie wurde der junge Mann rausgeworfen. Nach Ansicht der Schule hat er durch permanentes unentschuldigtes Fehlen seinen Austritt gewissermaßen selbst erklärt. Das Ende der Geschichte? Nicht ganz. Der Fall wird wohl noch die Gerichte beschäftigen.

Um was geht es? Der Zwölftklässler hat sein Klassenzimmer im Prinzip seit Schuljahresbeginn 2020/21 nicht mehr gesehen, also seit fast eineinhalb Schuljahren. Im Winter 2020/21 waren die Schulen wegen Corona lange geschlossen. Später konnte man sich vergleichsweise einfach von der Präsenzpflicht befreien lassen. Ab 8. Oktober änderte sich das in Bayern. Ab da galt wieder die Schulpflicht in Präsenz.

Ausnahmen werden nur noch in ganz wenigen begründeten Einzelfällen gemacht. Beispielsweise, wenn im Haushalt eine Person lebt, die im Falle einer Infektion ein hohes Risiko hat, schwer an Covid-19 zu erkranken.

"Ich fühle mich unwohl"

Für den 17-Jährigen wurde die Präsenzpflicht aber zu einem Problem. Denn die vorgeschriebenen regelmäßigen Corona-Selbsttests wollte er von Anfang an nicht machen. "Ich bin kerngesund, warum soll ich mich testen lassen", hatte er der Bild-Zeitung gegenüber geäußert. Er fand alles übertrieben und fühle sich nach eigenen Angaben "unwohl, wenn ich mir dreimal in der Woche ein Stäbchen in die Nase stecken soll".

Aber: "Schülerinnen und Schüler sind aufgrund ihrer verfassungsrechtlich verankerten Schulpflicht verpflichtet, den Präsenzunterricht zu besuchen." So erklärte es das Kultusministerium auf Anfrage unserer Zeitung. Zum Test wird zwar niemand gezwungen. Für Testverweigerer bedeutet die neue-alte Regelung aber: "Die, die keinen negativen Test vorweisen, haben keinen Anspruch auf Distanzunterricht mehr. Die Schulpflicht kann also nicht durch Distanzunterricht erfüllt werden", so das Kultusministerium.

Die Familie des (Ex-)Schülers hat schon vor einigen Wochen einen Rechtsanwalt eingeschaltet. Ihrer Auffassung nach müsste auch weiterhin ein Distanzunterricht gewährleistet sein. Das werden aber letztlich Gerichte klären müssen.

Notbremse gezogen

Denn die Schule hatte dem 17-Jährigen und seinen Eltern zwar eine Bedenkzeit bis 15. November eingeräumt. Als der 17-Jährige aber weiter nicht erschien, hat Schulleiter Harald Pinzner die Notbremse gezogen. Der Beinahe-Abiturient ist damit vorerst nicht mehr Teil der Schulfamilie. Von einem Rauswurf mag Pinzner nicht sprechen. Vielmehr habe der Schüler durch sein fortgesetztes unentschuldigtes Fernbleiben selbst seinen Schulaustritt erklärt. Das Kultusministerium sieht das ähnlich. "Da hat es eine ganz enge Abstimmung gegeben."

Keine Rolle beim – je nach Sichtweise – Austritt oder Rauswurf hat laut Schulleiter Pinzner gespielt, dass der 17-Jährige offenbar in der vorgeschriebenen wissenschaftlichen Arbeit null Punkte erhalten hat. Der Schulleiter mag dieses Null-Punkte-Ergebnis aus Datenschutzgründen weder bestätigen noch dementieren.

"Rektor hinter Gitter bringen"

Die Benotung lässt sich aber aus einem Facebook-Post des Vaters des 17-Jährigen herauslesen, in dem er auch ankündigt, dass er sich schon darauf freue, "dabei zu helfen, diesen Schulleiter hinter Gitter zu bringen". Rektor Pinzner betont, dass da zwei Dinge vermengt werden, die gar nicht zusammengehören.

"Wenn man eine Seminararbeit mit null Punkten bewertet bekommt, kann man zwar nicht zum Abitur zugelassen werden. Aber man müsste halt nochmal zurück in die elfte Klasse und das Abitur dann ein Jahr später nachholen. "Mit einem Schulaustritt oder einem Rauswurf hat das aber gar nichts zu tun."

Anonyme Drohungen

Das Verhältnis zwischen Schulleitung auf der einen und der Familie auf der anderen Seite scheint inzwischen völlig zerrüttet. Nach einem ersten Bericht über den renitenten Testverweigerer bekam Rektor Pinzner etliche anonyme Drohungen. Er hat Anzeige erstattet.

Der Schüler wiederum klagt über Mobbing durch die Schulleitung. Auch er musste nach den Berichten, in denen er über das "ungute Gefühl" beim Selbsttest gesprochen hatte, Schmähungen im Netz über sich ergehen lassen.

Harald Pinzner hofft "dass irgendwann mal wieder Ruhe einkehrt", ihm tue "der Junge, der sich so verrannt hat, wahnsinnig leid" – und schiebt nach: "Glauben Sie mir, das macht niemand gerne, einen Schüler von der Schule zu verweisen." Dass der Fall demnächst wohl vor Gericht überprüft wird, findet Pinzner gut: "Deshalb leben wir ja in einem Rechtsstaat."

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