Ustorf und Gastner sprechen Klartext

Corona, Geisterspiele, Olympia - wie geht's für die Ice Tigers weiter?

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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9.12.2021, 09:13 Uhr
Ständiger Redebedarf: Stefan Ustorf im, nunja, Gespräch mit Schiedsrichter Lasse Kopitz. 

Ständiger Redebedarf: Stefan Ustorf im, nunja, Gespräch mit Schiedsrichter Lasse Kopitz.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Geisterspiele

Stefan Ustorf ist nicht dafür bekannt, sich abwägend oder übertrieben vorsichtig mitzuteilen. Hat der Sportdirektor der Ice Tigers eine Meinung, äußert er sie. Doch diesmal hält sich der 47-Jährige zurück und erklärt auch warum: "Es wäre sicherlich ganz einfach, jetzt loszupoltern. Aber in der jetzigen Situation geht es darum, Lösungen zu finden, damit wir nicht am Ende der Saison mit vier, fünf Mannschaften weniger dastehen." Seit zwei Spieltagen sind die Geisterspiele wieder zurück in der Deutschen Eishockey Liga, allerdings nur in Bayern. Die drei DEL-Klubs aus Baden-Württemberg haben sich freiwillig auf leere Hallen geeinigt. In Berlin, NRW oder Bremerhaven gelten wiederum ganz andere Corona-Regeln. Noch.

"Dieser Fleckenteppich", sagt Wolfgang Gastner, "ist unerträglich." Der Geschäftsführer der Ice Tigers hält sich auch weiterhin nicht zurück - und bekommt dafür mittlerweile Dankesmails von Fans anderer Klubs, deren Verantwortliche sich nicht aus der Deckung wagen. Gastner aber kann nicht anders, erwähnt immer wieder eine Pressekonferenz in Ingolstadt, auf der Markus Söder weitere Geisterspiele ausgeschlossen hatte. Von diesem Ministerpräsidenten erwartet Gastner nun finanzielle Hilfen, "ein Entschädigungsprogramm auf Landesebene, weil sie uns die Erwerbsgrundlage entzogen haben".

Gastner verweist darauf, dass geimpfte und aktuell negativ getestete Zuschauer mit Maske die Spiele der Ice Tigers zuletzt "unter Vollschutz" verfolgt hätten. Das bedeutet nicht, dass er Maßnahmen ablehnt, "im Gegenteil", er erwartet aber Lösungen. Für die DEL wären Ansätze bekannt, doch Ustorf sagt nicht, "ihr seid alle doof, weil ich auch nicht weiß, was am Besten ist. Eine Pause? DEL-Spiele während Olympia?" So oder so bleibt es vorerst bei einer Lösung.

Spielverlegungen

Vier Spiele wurden bislang ins neue Jahr verlegt, das Winter Game in Köln wurde um ein Jahr verschoben. Es werden nicht die letzten Änderungen in einem durch Corona-Infektionen bereits arg schiefen Spielplan bleiben. Vier Heimspiele stehen für die Ice Tigers noch in diesem Jahr auf dem Plan. Vier Heimspiele, die wirtschaftlich mit die wichtigsten der Saison wären. Wolfgang Gastner will sie alle verschieben, verhandelt derzeit mit den Vertretern der vier gegnerischen Klubs. So machen das derzeit auch seine Kollegen in Straubing und Augsburg. In München hält man sich aus allen Corona-Diskussion traditionell heraus, als Kostenstelle von Red Bull spielen Zuschauer beim EHC keine allzu große Rolle.

Karrer trifft, Nürnberg gewinnt: Über den Sieg in (fast) letzter Sekunde gegen Bremerhaven mussten sich die Fans allerdings zu Hause freuen. 

Karrer trifft, Nürnberg gewinnt: Über den Sieg in (fast) letzter Sekunde gegen Bremerhaven mussten sich die Fans allerdings zu Hause freuen.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Die Ice Tigers verlieren mit jedem Geisterspiele 70.000 Euro, zurückhaltend gerechnet. Aber ob Gastner überhaupt noch einmal mit solchen Beträgen rechnen darf, weiß er nicht. "Und so verschieben wir weiter - in der Hoffnung, dass es im Januar besser wird." Tatsächlich gibt es Bestrebungen, den Lockdown für dreifach Geimpfte wieder zu lockern. Nur gilt das auch für Eishockey-Spiele?

Olympia in Peking

Es hätte ein Fest werden sollen. Nach einer Pause von einer Olympiade hatten die Klubs der National Hockey League ihre Spieler wieder freigegeben. Doch in den letzten Wochen mehren sich die Zweifel, dass in Peking tatsächlich wieder die besten Eishockeynationen mit all ihren Stars gegeneinander antreten. In China wird das Wort Lockdown anders definiert. Geimpfte Olympia-Teilnehmer ersparen sich zwar die sonst übliche dreiwöchige Quarantäne bei der Einreise. Doch was passiert, wenn sich ein Sportler während der Spiele infiziert? Die Regeln sind streng, Berichte von Isolations-Container-Städten, die überall in China entstanden sind, irritierten nicht nur die Sportler.

Reimer trifft, Deutschland gewinnt - am Ende sogar Silber: 2018 waren in Pyeongchang keine NHL-Profis dabei.

Reimer trifft, Deutschland gewinnt - am Ende sogar Silber: 2018 waren in Pyeongchang keine NHL-Profis dabei. © Joel Marklund/Imago Images

Stefan Ustorf hat viermal an Olympischen Spielen teilgenommen, er würde einem Sportler "nie, niemals die Möglichkeit nehmen wollen, daran teilzunehmen". Trotzdem: "Natürlich werden jetzt einige sagen, der war schon da, dem kann es egal sein. Aber die Frage muss man schon stellen dürfen, ob es in dieser Zeit wirklich im Sinne des Allgemeinwohls ist, eine deutsche Delegation für Millionen von Euro nach Peking zu schicken." Wie sein Sportdirektor glaubt auch Gastner, dass "die NHL zu 99 Prozent nicht in Peking dabei sein wird". Sollten die 500 besten Spieler der Welt nicht zur Verfügung stehen (wie in Pyeongchang 2018), müssten sich die Mannschaften neu formieren - auch mit Spielern aus der DEL. Aus Nürnberg käme dann der mehrmalige WM-Teilnehmer Niklas Treutle in Frage. Sollte die DEL aber ihre Saison nicht unterbrechen, stünden etwa 50 Spieler ihren Klubs nicht zur Verfügung. Vielleicht auch Treutle.

Tom Rowe

Es gibt aber auch Hoffnung in Nürnberg. Zum Beispiel auf eine Vertragsverlängerung des neuen Cheftrainers. Tom Rowe hat die Ice Tigers stabilisiert, Routiniers wie Patrick Reimer schwärmen von dem 65-Jährigen. Sportdirektor Ustorf auch: "Ich will zu 100 Prozent weiter mit Tom Rowe arbeiten. Und ich arbeite daran, ihm ein Angebot zu unterbreiten, das er nicht ausschlagen kann."

Und sonst?

Trainieren die Ice Tigers erst einmal ausschließlich. Das Spiel in Augsburg wurde vom Donnerstag ins neue Jahr verschoben. "Jetzt haben wir die zweite Zwölf-Tages-Pause in der Saison - und können wieder nichts dafür", sagt Stefan Ustorf, klingt dabei aber nicht niedergeschlagen. Ustorf hat eine Lösung, eine ganz große: "Wolfgang und ich wünschen uns schon lange, dass die DEL anfängt, größer zu denken - zunächst einmal im Sinne von Zusammenhalt."

Tatsächlich wird hinter den Kulissen täglich diskutiert und debattiert. Die Hoffnung aber, dass Ustorf erhört wird, ist gering. "Es gibt 15 Klubs in der DEL", sagt Wolfgang Gastner, "und weiterhin 15 Meinungen."

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