Männer, die auf Tiger starren

Spiel 21: Dieser Text und die Partie gegen Wolfsburg - "absolut grauenhaft"

Sebastian Böhm
Sebastian Böhm

Sportredaktion

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20.11.2022, 18:54 Uhr
No goal: Darren Archibald musste lernen, dass es nicht erlaubt ist, den Puck samt Torhüter ins Tor zu checken. Für den Sieg und ein weiteres Tor hat es trotzdem noch gereicht. 

© Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa No goal: Darren Archibald musste lernen, dass es nicht erlaubt ist, den Puck samt Torhüter ins Tor zu checken. Für den Sieg und ein weiteres Tor hat es trotzdem noch gereicht. 

In eigener Sache

Während eines Eishockeyspiels von der Tribüne aus die aktuelle Zeitungsproduktion zu koordinieren, kann man machen – ist dann halt, nun ja, doof (um ein Wort zu vermeiden, dass sich auf Meise reimt). Das Spiel habe ich zum Teil nur verschwommen hinter dem Laptopbildschirm vorbeirauschen sehen. Dass es nicht ganz so gut lief für die Ice Tigers habe ich an den zunehmenden Seufzern des neben mir sitzenden Pressesprechers gemerkt, die vor allem deshalb gut zu hören waren, weil es sonst in der Arena immer leiser wurde. Als ich dann mit Danjo Leonhardt, Rick Schofield oder Tom Rowe hätte reden sollen, schrieb ich noch immer am aktuellen Spielbericht für nordbayern.de, der dann auch gar nicht so geil wurde. Das gilt wohl nun auch für die folgenden kleinen Texte, weshalb „Männer, die auf Tiger starren“ noch ein einziges Mal diesseits der Bezahlschranke veröffentlicht wird. Ich hoffe, unsere Eishockey-Abonnenten (vielen Dank übrigens) sehen uns das nach. Aber für diese Arbeit fällt es mir schwer, Geld zu verlangen.

Warm-up

  • Nürnberg hat auch das dritte Saisonspiel gegen die Wolfsburg Grizzlys verloren. Nach dem eher unglücklichen 2:4 und dem kuriosen 1:5 im Stadion im Allerpark gab es auch in der Arena Nürnberger Versicherung eine klare Niederlage. Durch das 2:5 (0:2, 1:1, 1:2) rutschen die Ice Tigers auf Platz elf ab – und damit aus den Playoff-Rängen.
  • 1,33 Punkte hat die Mannschaft um Rekordspieler Patrick Reimer durchschnittlich aus jedem ihrer 21 Saisonspiele geholt. Dieser Punkteschnitt hätte 2021/2022 gerade so für Rang zehn gereicht. 1,48 Punkte hatten die Ice Tigers noch in der Vorsaison pro Partie geholt. Unter der Anleitung von Tom Rowe stieg der Quotient auf 1,63 Punkte.
  • Um nun zu klären, ob und wenn ja, warum die Ice Tigers schwächer sind als in der Vorsaison, krame ich weitere Zahlen aus dem Aktenschrank, den Markus Reinhold (also known as: Le affan) so wunderbar pflegt und auch weiterhin für uns alle offenhält. Wie erfolgreich eine Mannschaft abschneidet, wenn sie selbst in Unterzahl antreten muss oder in Überzahl antreten darf, zeigt sich, wenn Power-Play- und Penalty-Kill-Quoten kombiniert werden. 2021/2022 kamen die Ice Tigers auf einen schwachen Wert von 98,40, zehn DEL-Teams waren besser. 2022/2023 reicht es nur noch für einen Wert von 85,52 und Ragn 14: Das Power-Play (15,09 Prozent) ist nicht gut, das Penalty Killing nach einer ordentlichen Bemessungsgrundlage von 21 Spielen peinlich (70,42 Prozent).
  • Auch gegen Wolfsburg kassierten die Ice Tigers zwei Tore in Unterzahl. Zumindest das erste darf als unglücklich bezeichnet werden – schon allein weil Björn Krupp nur aus Mangel an Alternativen von der blauen Linie schlenzen durfte. „Unglücklich“ aber ist eine Kategorie, für die es in keiner Liga der Welt Punkte oder Gnade gibt. Ursprünglich hatte Rowe in Unterzahl aggressiv verteidigen lassen, das war nett anzusehen, wurde aber vor allem von den Gegner goutiert. Mittlerweile ist die Box vor dem Nürnberger Tor kleiner geworden, zu viert oder zu dritt verteidigen die Ice Tigers konservativer und kassieren immer noch bei jeder dritten bis vierten Gelegenheit einen Treffer.
Seltener Jubel: Björn Krupp hat getroffen. 

Seltener Jubel: Björn Krupp hat getroffen.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

  • Auf der anderen Seite sorgen sie sich um die Gesundheit ihrer Fans. Für jedes Power-Play-Tor gibt es in Nürnberg bei einer von fünf Schachtelwirt-Filialen eine Portion Pommes gratis. Unter den Marketing-Verantwortlichen für das goldene M gibt es offenbar einen Eishockey-Experten, der sich das Nürnberger Überzahlspiel vor Vertragsunterzeichnung ganz genau angesehen hatte. Gegen Wolfsburg traf Patrick Reimer – sechs Sekunden, nachdem sich für Rhett Rakshani die Strafbanktür wieder geöffnet hatte. Wieder keine Pommes, vielleicht ist es ja besser so.

Das Spiel

Armin Wurm war natürlich dabei. Tyler Haskins hat seine Karriere zu früh beenden müssen, Sebastian Furchner auch (selbst wenn sich das nach 1119 DEL-Spielen seltsam lesen mag), Christoph Höhenleitner und Jeff Likens sind ebenfalls nicht mehr dabei. Von den Schreckensgrizzlys ist nur noch Wurm übriggeblieben. Am Sonntag kam er auf 25:52 Minuten Eiszeit. In dieser Phase seiner Karriere braucht für einen solchen Wert normalerweise schon mal zwei Partien. In Nürnberg war er aber sogar der Verteidiger mit der geringsten Einsatzzeit. Mike Stewart waren die Abwehrspieler ausgegangen. Nur Dominik Bittner, Björn Krupp und Wurm meldeten sich einsatzbereit, der Stürmer Fabio Pfohl durfte das Spiel zudem von hinten anschieben.

Armin Wurm war irregulär aufzuhalten - hier von Andrew Bodnarchuk. Die Schiedsrichter sahen hier: Behinderung. Na ja. 

Armin Wurm war irregulär aufzuhalten - hier von Andrew Bodnarchuk. Die Schiedsrichter sahen hier: Behinderung. Na ja.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Die Ice Tigers wussten das natürlich. Sie wussten auch, was man in solch einem Fall macht, nämlich Druck. Was sie trotzdem nicht machten: Druck. „Wir haben es nie geschafft, irgendwie Druck aufzubauen“, stellte Patrick Reimer unter einer schwarzen Sponsorenmütze und durch seinen beeindruckenden Bart grummelnd fest. „Wir waren zu passiv im Forecheck – gerade wenn man weiß, es sind nur drei gelernte Verteidiger beim Gegner.“ Tatsächlich ist es den Ice Tigers auch im Puckbesitz nur selten gelungen, den Puck tief zu bringen, in den Rücken von Pfohl und seinen drei Verteidigerkollegen. Und weil dann auch noch Krupp durch den kreuzenden Verkehr vor Niklas Treutle und Bittner via Marcus Webers Schlittschuh ins Nürnberger Tor trafen, deutete sich früh an, dass die Wolfsburgs Defensive einen unerwartet erfreulichen Arbeitstag erleben sollte.

Es muss also an Wurm liegen, dass sich auch dieser Ice Tigers-Jahrgang wieder von den Grizzlys einschüchtern lassen. Oder an Justin Pogge, jenem einst von den Toronto Maple Leafs bereits in der dritten Runde des Drafts ausgewählten Torhüter, der eine Eishockeyspieler-Karriere später in der DEL zunächst ausgelacht wurde und der in seiner vierten DEL-Saison aus den richtigen Gründen zu den unterhaltsamsten Spielern zu zählen ist. Pogge war schon in Wolfsburg der Hauptgrund für sechs Punkte gegen Nürnberg. Bereits in der 6. Minute erinnerte er Dennis Lobach daran, dass er sich Ice Tigers gerne in voller Größe entgegenstellt. Der Nürnberger war am Ende eines vielversprechenden Unterzahlkonters so beeindruckt, dass er nicht einmal das Tor traf. Und nachdem Pogge Tim Fleischer in der 25. Minute mit seiner blitzenden Fanghand eines sicheren Treffers beraubt hatte, brüllte e. Natürlich.

Eigentlich ganz nett und ziemlich unterhaltsam - wenn man Fan der Grizzlys ist: Justin Pogge. 

Eigentlich ganz nett und ziemlich unterhaltsam - wenn man Fan der Grizzlys ist: Justin Pogge.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Zwar gelang es erst Patrick Reimer und dann auch dem seit diesem Sonntag 27 Jahre alten Tyler Sheehy, Pogge zu überwinden. Doch es wirkte niemals so, als könnten die Ice Tigers den Auswärtssieg der Wolfsburger ernsthaft gefährden. Nürnberg fehlte es an Tempo, Konsequenz und – das ist ganz erstaunlich für ein Team, das nicht nur von Tom Rowe stets für Leidenschaft und Kampfgeist gelobt wird – offenkundig auch am Willen, für diesen Punktgewinn, ein wenig härter als der Gegner zu arbeiten.

Schon bei Spencer Machaceks 1:3 mangelte es wieder an Standfestigkeit (Karrer) und Zuordnung. Machacek und seinen Kollegen wurde es auch im Power-Play zu leicht gemacht. Und die Aufregung um das vermeintliche Foul von Tyler Morley an Hayden Shaw vor dem 2:5 verschleiert nur, dass sich der Nürnberger Verteidiger den Puck direkt vor dem Tor niemals hätte so leicht abnehmen lassen dürfen, selbst wenn er von Morley noch umgerissen wurde. Nebenan wurde eine klare Niederlage gegen Wolfsburg jedenfalls stimmungsvoller zu Ende gebracht.

Der Moment

Ich war nicht live dabei. Auf Facebook kann sich jeder die kalte Wutrede von Tom Rowe live ansehen, so habe ich das auch gemacht – und die erstaunlichsten Sätze abgeschrieben und übersetzt:

Auch ganz nett - normalerweise. Nach dem Spiel aber war Tom Rowe, nun ja, mächtig angepisst. 

Auch ganz nett - normalerweise. Nach dem Spiel aber war Tom Rowe, nun ja, mächtig angepisst.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa


„Ich fand, dass wir wirklich gut rausgekommen waren. Dann haben sie ihr Power-Play-Tor geschossen und von da an sind wir abgeschlafft, sind damit nicht gut zurechtgekommen. Die schießen das zweite Tor und wir hängen noch ein bisschen mehr durch.

Aber am Ende des Tages haben wir absolut grauenhaft gespielt. Wir haben uns einfach nicht behauptet, sie haben uns niedergekämpft. Dabei wussten wir genau, wie sie spielen würden. Sie spielen strukturiert, hart, halten es einfach, das ist effektiv – genau so, wie wir versuchen, es unseren Jungs beizubringen. Aber wenn du nicht hart spielst, hast du in keiner Liga die Chance zu gewinnen.

Unseren jungen Spielern bietet sich hier eine unglaubliche Gelegenheit – und heute haben viele davon einfach auf diese Gelegenheit gepisst (Original: …a lot oft hem pissed it away tonight).

Mir ist klar, dass wir hier eine Mannschaft aufbauen müssen, ein Programm, und dass wir junge Spieler im Aufgebot haben müssen. Aber diese jungen Spieler müssen sich zeigen. Ich denke zudem, dass wir heute keine Führung von unseren Führungsspielern bekommen haben. Und in dieser Kombination wird es dann halt ziemlich hässlich.“

Von den jungen Spielern könnte ich mir vorstellen, dass Rowe bis auf Danjo Leonhardt alle gemeint hat. Julius Karrer und Tim Fleischer agierten unglücklich, Elis Hede und Dennis Lobach, mit die schnellsten Spieler in der DEL, zeigten ihre Schnelligkeit nur jeweils einmal. Hayden Shaw bekam nicht einmal 15 Minuten Eiszeit. Und Roman Kechter war kaum zu sehen. Leonhardt und Lukas Ribarik gelang es immerhin im Schlussdrittel, jeweils einen Wolfsburger Verteidiger mit auf die Strafbank zu nehmen – wenngleich das die Kollegen auch gegen drei verbliebene Abwehrspieler nur einmal nutzen konnten.

Kein ganz so geiler Arbeitstag: Hayden Shaw räumt auf. 

Kein ganz so geiler Arbeitstag: Hayden Shaw räumt auf.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Wirklich bemerkenswert aber ist, dass Rowe erstmals auch Oliver Mebus, Marcus Weber, Andrew Bodnarchuk, Blake Parlett und Patrick Reimer kritisiert hat, also die vermeintlichen Führungsspieler der Ice Tigers.

Three Stars

Tja.

Gewonnen haben in diesem Spiel nur jene, die nicht dabei waren. Max Kislinger darf schon damit rechnen, dass er am kommenden Freitag in Berlin wieder zum Einsatz kommt. Für den inzwischen arg vermissten Nick Welsh, Charlie Jahnke und Ryan Stoa kommt das Spiel beim Meister aber noch viel zu früh.

Tyler Sheehy darf auch noch erwähnt werden – aber nur, weil er Geburtstag hat und nicht wegen seinem feinen Handgelenkschuss zum 2:3. Dass Sheehy derzeit immer nur einmal pro Spiel zeigt, wie stark er sein könnte, ist zu wenig in seinem zweiten DEL-Jahr.

Keine Geburtstagsgeschenke von Pogge und Krupp. Tyler Sheehy musste sich schon selbst beschenken. Tat er dann ja auch. 

Keine Geburtstagsgeschenke von Pogge und Krupp. Tyler Sheehy musste sich schon selbst beschenken. Tat er dann ja auch.  © Sportfoto Zink / Thomas Hahn, Sportfoto Zink / ThHa

Selbst der Autor käme heute nicht einmal für eine ehrenvolle Erwähnung in Frage. Während ich in der leeren Arena noch eine Bildunterschrift zusammenstammelte, setzte sich Christoph Fetzer zu mir – bester Kommentator bei MagentaSport, Bisslhockeyboss, Freund. Den Fleischer, sagte er, würde er im nächsten Spiel Verteidiger spielen lassen. Guter Gedanke, dachte ich mir, hätte von mir stammen können. Aber nicht heute. Beim nächsten Mal wird es wieder besser. Gegen Bietigheim geht es erst um 19 Uhr los, da wird die Zeitung bereits gedruckt.

(Abschließend muss noch Bernd Schwickerath erwähnt werden, weil der seit Samstag auch schon wieder ein Jahr älter ist. Das sieht man ihm nicht an und die Gefahr, dass auch er sich zu einem alten weißen Mann entwickelt, ist ebenfalls beneidenswert gering. Doch wenn er ehrlich ist, wird er sich wundern, warum ihm Elliotte Friedman, Bob McKenzie und Rick Westhead gratulieren, ihn aber sein Podcast- und WhatsApp-Buddy aus Fürth wieder einmal vergessen hat. Ist mir ja auch unangenehm, Herr Schwickerath - bitte von Klaus Hille vorgetragen vorstellen. Nur das Beste nachträglich. Lothar schickt Dir einen Strauß Blumen.)

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