0:2 im DFB-Pokal

Blamage in Runde eins! Schwaches Kleeblatt scheidet bei den Stuttgarter Kickers aus

Michael Fischer, Sportredakteur
Michael Fischer

Nürnberger Nachrichten

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30.7.2022, 19:52 Uhr
Nichts als Enttäuschung: Das Kleeblatt um Oussama Haddadi scheitert tatsächlich an einem Fünftligisten.

© Sportfoto Zink / Melanie Zink, Sportfoto Zink / Melanie Zink Nichts als Enttäuschung: Das Kleeblatt um Oussama Haddadi scheitert tatsächlich an einem Fünftligisten.

Die Stuttgarter Kickers haben schon bessere Zeiten erlebt. In der Frühphase des deutschen Fußballs gehörten die "Blauen", wie sie in Stuttgart genannt werden, zu den besten Mannschaften des Landes, viele Jahrzehnte später kickten sie immerhin noch auf Augenhöhe mit dem Kleeblatt in der zweiten Bundesliga. Doch seit knapp 20 Jahren geht es immer weiter bergab für den Traditionsklub aus Degerloch, der 2018 sogar in die fünftklassige Oberliga abstieg.

In der vergangenen Saison verpassten die Kickers die Rückkehr in die Regionalliga nur hauchzart, in dieser Spielzeit soll es endlich wieder nach oben gehen. Vor dem Start kommende Woche beim FC Holzhausen, einem Ortsteil der Stadt Sulz am Neckar, schaute die Spielvereinigung Greuther Fürth mal wieder auf der Waldau vorbei - und wirkte dabei selbst wie ein Fünftligist. Ein "Klassenunterschied" war nicht zu erkennen - im Gegenteil. Die Kickers hatten beim 2:0 (1:0) sogar noch die besseren Chancen.

Vier Umstellungen in der Startelf

Im Vergleich zur Derby-Niederlage in Nürnberg tauschte Fürths Trainer Marc Schneider viermal - und änderte sogar seine Formation auf ein flaches 4-4-2. Leon Schaffran, der vor der Saison zur Nummer zwei aufgestiegen war, stand für Andreas Linde im Tor, Tobias Raschl durfte für Julian Green spielen, Jeremy Dudziak auf der anderen Seite den zweiten Achter geben. Branimir Hrgota rückte für den wegen muskulärer Probleme fehlenden Dickson Abiama nach vorne in den Angriff und stürmte neben Ragnar Ache.

Die größte Änderung aber musste Schneider in der Innenverteidigung vornehmen. Nachdem Sebastian Griesbeck wegen Wadenproblemen nicht mit nach Stuttgart reisen konnte, rückte Linksverteidiger Luca Itter in die Mitte, Oussama Haddadi musste als Linksfuß nach rechts - was ihm immer wieder sichtlich Probleme bereiten sollte. Als der Ball dann rollte um kurz nach 6, da dauerte es nicht einmal zehn Minuten, bis sich das Pokalspiel auf der Waldau wie ein Pokalspiel anfühlte.

Haddadi hatte auf der ungewohnten Position Orientierungsprobleme und machte Schaffran mit einer schlechten Kopfball-Rückgabe Probleme. Der Ersatztorhüter konnte den Ball gerade noch zur Ecke lenken - die die Stuttgarter direkt zum 1:0 nutzten. Denis Zagaria gewann am zweiten Pfosten das Kopfballduell gegen Hrgota und legte den Ball ins lange Eck. Das Degerloch tobte und bejubelte fortan jeden gewonnen Zweikampf seiner Mannschaft - und trieb diese immer wieder lautstark an.

Das Kleeblatt hingegen kam überhaupt nicht zurecht mit der Härte der Kickers. Vielen Spielern war anzumerken, dass sie sich unwohl fühlten auf ihren Positionen im flachen 4-4-2. Timothy Tillman tat sich als vermeintlich spielstarker Part der Doppel-Sechs extrem schwer und kam kaum in die Zweikämpfe, auch Raschl und Dudziak hatten große Probleme und zogen von Außen immer wieder in die Mitte - in Richtung ihrer eigentlichen Positionen.

Dennoch hätten die Fürther nach 13 Minuten ausgleichen können. Nein: müssen. Raschl legte im Strafraum für Ache auf, der aus zehn Metern aber nur den Torhüter anschoss. Sinnbildlich für den schwachen Auftritt der Spielvereinigung schoss Tillman kurz darauf die erste Fürther Ecke hinter dem Tor ins Aus. Danach kam das Kleeblatt tatsächlich kein einziges Mal mehr gefährlich vor das Stuttgarter Tor - es war, eine Woche nach dem Derby in Nürnberg, der nächste Auftritt, der große Fragezeichen aufwarf.

Umstellung zur zweiten Hälfte

Erst in der 33. Minute tauchte Raschl mal wieder im Stuttgarter Sechzehner auf, schoss den Ball aber mehrere Meter vorbei. Fünf Minuten später hätten dafür fast die Kickers zum zweiten Mal gejubelt, Luca Itter lenkte den Ball mit der Brust aber glücklicherweise aus Fürther Sicht knapp über die eigene Latte. Mit jeder weiteren Minute wurden die Stuttgarter selbstbewusster, was Torhüter Ramon Castellucci bewies, der Ache kurz vor der Pause im eigenen Strafraum locker aussteigen ließ.

Halbzeit. 0:1 aus Fürther Sicht. Zur zweiten Hälfte stellte Marc Schneider wieder auf das gewohnte 4-4-2 mit Mittelfeldraute um. Dadurch bekam das Kleeblatt zwar mehr Zugriff, wirklich gefährlich wurde es aber nicht. Einen Konter kurz nach Wiederanpfiff spielte die Offensive schlecht aus, nach einer Ecke touchierte der Ball immerhin mal die Stuttgarter Latte. Doch die erste wirkliche Chance hatten erneut die "Blauen", als Konrad Riehle aus 20 Metern einfach mal abzog.

In der 60. Minute hatte Schneider genug gesehen und nahm den schwachen Raschl vom Feld. Für ihn kam Armindo Sieb, was erneut einige Umstellungen nach sich zog. Hrgota rückte auf die Zehn zurück, Dudziak auf die Acht von Raschl. Gefährlich aber wurden erneut die Kickers, die Schaffran nach einem Eckball zur Parade zwangen - genauso wie 25 Minuten vor Schluss, als Paul Polauke einfach mal abzog und beinahe ins kurze Eck getroffen hätte.

Die wenigen Möglichkeiten, die sich den Fürthern boten, vergaben sie leichtfertig. Itter zog einen Freistoß aus aussichtsreicher Position weit über das Tor. Und als Jeremy Dudziak den Ball statt aufs Tor in Richtung Eckfahne verzog, da klatschte das gesamte Stadion höhnisch Beifall. Die Pokalsensation wurde mit jeder Minute wahrscheinlicher - und damit auch die Blamage des Erstliga-Absteigers, der auch im zweiten Durchgang nicht spielte wie ein solcher.

Zwölf Minuten vor Schluss brachte Schneider auch noch Julian Green für den schwachen Willems. Doch gefährlicher wurde es auch mit der Hereinnahme Greens nicht. Dudziak köpfte fünf Minuten vor Schluss eine Flanke von Itter weit über das Stuttgarter Tor, kurz darauf erhoben sich die 7280 Zuschauer von ihren Plätzen. Die Sensation rückte immer näher - und war um 19.46 Uhr Gewissheit.

Tillman verlor im Mittelfeld den Zweikampf, Haddadi wollte retten und grätschte ins Nichts, sodass der eingewechselte Stuttgarter David Braig alleine auf Schaffran zulaufen konnte und in der 89. Minute zum 2:0 traf. Die Fans auf der Waldau träumten schon von Berlin und besangen ihre Mannschaft auch in der Nachspielzeit lautstark, die mitgereisten Fürther waren fassungslos. Erstarrt. Um 19.52 Uhr pfiff der Schiedsrichter ab - und machte die Blamage des Kleeblatts perfekt.

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