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NN-Podium zur Landesausstellung "Typisch Franken?": Warum wir so unnötig bescheiden sind

Georg Körfgen
Georg Körfgen

Leiter Redaktion Region & Bayern / Außenredaktionen

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1.6.2022, 22:00 Uhr
Echt fränkisch besetztes NN-Podium mit (v. li.) Anette Röckl, Volker Heißmann, Günter Dippold und Lizzy Aumeier (mit Oberpfälzer Wurzeln).

© Roland Fengler, NNZ Echt fränkisch besetztes NN-Podium mit (v. li.) Anette Röckl, Volker Heißmann, Günter Dippold und Lizzy Aumeier (mit Oberpfälzer Wurzeln).

2016 war es, da zog Günter Dippold den damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer zur Seite. Gerade war die Landesausstellung "Bier in Bayern" eröffnet worden. Das Thema gefiel Dippold, gebürtiger Lichtenfelser und Bezirksheimatpfleger von Oberfranken bestens, nur der Ort gar nicht: Kloster Aldersbach in Niederbayern. Im Vergleich zu Oberfranken kann man in Niederbayern die Brauereien mit der Lupe suchen. Dippold sagte seine Meinung dem Ministerpräsidenten recht deutlich. Das kann er gut. Nicht umsonst hat er 2010 den Frankenwürfel erhalten. Man tritt ihm nicht zu nahe, ihn als ausgesprochenes Schlitzohr zu bezeichnen.

"Toter Beamter"

Der Rest ist Geschichte. Seehofer wies das Haus der Bayerischen Geschichte an, eine Landesausstellung für die Franken zu konzipieren. Zwar hatte der Chef des Augsburger Hauses und gebürtige Niederbayer Richard Loibl darauf überhaupt keine Lust. "Nach Beamtenart" stellte er sich tot, wie er selbst launig in einem NN-Interview erzählte. Doch es half nichts. Befehl ist Befehl und nun läuft die Landesausstellung 2022 in Ansbach.

Titel ist schon typisch

"Typisch Franken?" Der Titel der Landesausstellung ist schon typisch fränkisch. Auf einem NN-Forum spürten Volker Heißmann (Kabarettist), Lizzy Aumeier (Kabarettistin mit Oberpfälzer Migrationshintergrund), Professor Günter Dippold sowie NN-Kolumnistin Anette Röckl ("Hallo Nürnberg") dem Inneren des Franken und der Fränkin nach. Klar wurde im Festsaal des Museums für Kommunikation in Nürnberg: Die ständige Bescheidenheit der Franken fällt auch den Franken auf. "Das Sich-in-Frage-Stellen, das ist schon typisch fränkisch", meinte Volker Heißmann. Dass Heißmann "neben Henry Kissinger wohl der bekannteste Fürther auf der Welt" sei, wie NN-Moderator Alexander Jungkunz ihn vorstellte, zeigte dann wieder eine Unbescheidenheit, zu der Franken ebenso fähig sein können.

Anette Röckl, Kolumnistin der Nürnberger Nachrichten, fiel sofort die bekannte Bescheidenheit des Ministerpräsidenten Markus Söder ein und stellte danach ganz unironisch fest: "Das Angeben liegt dem Franken eigentlich nicht." Wie überhaupt der wahrscheinlich unbescheidenste Franke trotz Abwesenheit kurz im Raum präsent war. Ein Zuhörer bedankte sich für Söders Umverteilung von Süden nach Norden in seiner Amtszeit - eine untypisch fränkische Geschäftstüchtigkeit, eher altbayerisch.

Kein "Mia san mia"

Doch ach, der Franke ist in der Mehrheit ein zurückhaltender Mensch. Heißmann konnte sich nicht ausmalen, dass eine Ausstellung zu Altbayern sich selbst derart in Frage gestellt hätte: "Die hätte 'Mia san mia!' geheißen." Nicht "Typisch Franken?" Mit Fragezeichen! Schnell war man sich auf dem versammelten Franken-Podium mit Oberpfälzer Einsprengsel einig: Das ständige Unterbuttern der Franken - das hätten gerade die Medien viele Jahre geschürt.

Es kamen schwere Minuten für Frankens BR-Studioleiter Tassilo Forchheimer, der sich unters Publikum des NN-Forums gemischt hatte. Denn gemeint war der Bayerische Rundfunk. Günter Dippold, Professor für Volkskunde und ganz Wissenschaftler, hatte seine Studentinnen und Studenten vor Jahren nachzählen lassen. Sie nahmen die beliebte Reihe "Unter unserm Himmel" des Bayerischen Fernsehens unter die Lupe und zählten Sendeminuten nach Regionen gegliedert. Am Ende hatte Südtirol mehr Sendezeit als Franken. Überhaupt die Wahrnehmung der Franken in Deutschland. Von Norden aus gesehen wären sie eine "seltsame Spielart der Bayern, von München aus Lutherische, die Wein aus komischen Flaschen trinken".

Dass die Franken andererseits nicht nur zurückhaltend, sondern dadurch auch grob daherkommen können, wollte das Podium nicht verschweigen. Lizzy Aumeier, Kabarettistin mit Oberpfälzer Migrationshintergrund (Neumarkt), berichtete von ihrem Umzug aus der Oberpfalz nach Nürnberg und ihren ersten Stunden dort. Nicht mit "Herzlich willkommen in Nürnberg" sei sie damals begrüßt worden, sondern mit einem "Hier könnas fei ned parken!" Es dauert halt mit der Annäherung in Franken.

"Mei Schantalala"

Sympathie dagegen für den typisch hiesigen Diminutiv, die sprachliche Verkleinerung. Günter Dippold freute sich auf dem Podium im ausverkauften Saal sichtlich darüber. Wie schön es doch sei, wenn die kleine Chantal von ihrer Großmutter gerufen wird mit "Mei Schantalala."

In der Sprache drückt sich auch die Vielfalt Frankens aus. Diese Verschiedenartigkeit, von Region zu Region, manchmal von Tal zu Tal, ist das eigentliche Charakteristikum Frankens. Das es eben kein festes Bild geben kann, sondern die Faszination der Regionen durch ihre enorme Vielfalt entsteht. Dippold erinnerte daran, dass die Einteilung in Ober-, Mittel- und Unterfranken eine bayerische Erfindung des 19. Jahrhunderts ist. Doch unter den Hilfsbezeichnungen verbirgt sich der fränkische Flickenteppich. Vielleicht ein Hinweis, mutmaßte Dippold, warum sich in Franken nicht ein Selbstbewusstsein wie in Oberbayern herausgebildet hat. Man hatte nicht ein "breitbeiniges Vorbild" wie den bayerischen König, sondern zahllose Minifürstentümer, Fürstbischöfe, Reichsstädte. Bayern sei für viele Franken geradezu ein Vorbild gewesen. Bis heute gebe es in Franken Trachtenvereine, die die bayerische Tracht pflegen, erinnerte Dippold.

Trend zum Kleinen

Der Trend geht indes wieder zurück: zum Kleinen, zur Vielfalt und - zum Dialekt. Das glaubt Anette Röckl. "Ich habe das Gefühl, dass durch die Globalisierung auch der Dialekt wieder mehr Wert erhält." In der Schule - Lizzy Aumeier pflichtet ihr bei - sei ihnen der Dialekt ausgetrieben worden. Röckl lernte zu ihrem Erstaunen erst dort, dass Butter und Schokolade ein anderes Geschlecht haben, als sie es gelernt hatte. Dippold wollte nicht einstimmen ins Klagen über den Verlust des Dialekts. "Sprache ändert sich", beim Volkskundler ist vieles erlaubt, auch neue englische Wörter, die sich in den Wortschatz schleichen. Ein Satz wie den seiner Großmutter, der sollte aber erhalten bleiben, und er klingt sehr fränkisch: Wenn es bei Gewitter donnerte, sagte sie: "'S Goddla schimpft!"

Die Landesausstellung "Typisch Franken?" ist bis 6. November in der Orangerie in Ansbach zu sehen.

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