Crossover unter Strom

Genesis GV60: Edel elektrisch

Ulla Ellmer

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12.5.2022, 21:36 Uhr
Ab 2025 sollen alle neuen Genesis-Modelle rein elektrisch fahren. Der GV60 ist das erste von ihnen.

© Hersteller Ab 2025 sollen alle neuen Genesis-Modelle rein elektrisch fahren. Der GV60 ist das erste von ihnen.

Mit halben Sachen will sich Genesis gar nicht erst abgeben. Keine Plug-in-Hybride also, die im Modellprogramm eine Brücke zwischen der alten Welt des Verbrenners und der neuen des pur elektrischen Fahrens schlagen könnten. Der Sprung hinüber erfolgt vielmehr direkt: Nach den Limousinen G70 und G80, den SUVs GV70 und GV80 sowie dem G70 Shooting Brake kommt mit dem GV60 gleich ein reiner Stromer auf den Markt.

Zwei Schwestermodelle

Genesis? Dieses Label mag noch nicht jedem etwas sagen. Gegründet wurde die Edelmarke des Hyundai-Konzerns im Jahr 2015, seit 2021 erst ist sie auch in Deutschland präsent. Nicht nur hier trifft der 4,52 Meter lange Midsize-Crossover GV60 auf zwei Schwestermodelle, die bereits verkauft werden – zum einen den Hyundai Ioniq 5 und zum anderen den Kia EV6.

Auch diese beiden sind alles andere als schlichte Charaktere. Der GV60 soll in Sachen Noblesse aber noch was drauflegen, schließlich gilt es, den Premium-Anspruch der Marke Genesis mit Leben zu erfüllen. Speziell die Front mit den charakteristischen „Quad“-Leuchten und der sogenannten Clamshell-Motorhaube, die auch die Kotflügel integriert, sieht aus wie ein Import aus der Zukunft, die Seitenansicht bekommt durch kurze Überhänge eine sportliche Note, die verchromte Fensterleiste vollführt den Knicks zu einem angedeuteten „V“, das für „Volt“ und somit für Elektrisches steht, wie Produktspezialist Joris Burkholz erklärt.

Optional ersetzt ein digitaler Außenspiegel den konventionellen Blick nach hinten.

Optional ersetzt ein digitaler Außenspiegel den konventionellen Blick nach hinten. © Hersteller

Dann führt er aus, was es mit der „Schönheit des weißen Raums“ auf sich hat. Die Innenraumgestaltung nämlich, wie wir erfahren, und dass sie von koreanischer Architektur bestimmt sei. Die breite Bildschirmlandschaft, die das Fahrerdisplay und den Touchscreen zu einer optischen Einheit verbindet, kennt man schon vom Hyundai Ioniq 5 und dem Kia EV6, allerbestens ist die Sache mit der Bedienbarkeit gelöst, auch, weil ein Extra-Panel mit diversen Tastern direkten Zugriff auf wichtige Funktionen wie die Klimatisierung ermöglicht, ohne dass Fahrer oder Fahrerin sich in den Untiefen irgendwelcher Menüs verlieren müssen. Schade nur, dass das Smartphone bislang nicht kabellosen Anschluss findet. Tipptopp und überaus edel fällt jedoch die Verarbeitungsqualität aus, die Sitze bieten ein hohes Maß an Komfort, optional lassen sie sich – beispielsweise während der Ladepause – nahezu in Liegestellung bringen.

"Crystal Sphere" nennt sich diese Kristallkugel. Bei aktiviertem Antrieb dreht sie sich und dient der Anwahl der Fahrstufen.

"Crystal Sphere" nennt sich diese Kristallkugel. Bei aktiviertem Antrieb dreht sie sich und dient der Anwahl der Fahrstufen. © Hersteller

Blick auf die Kristallkugel

Auch diese Relax-Position hat der GV60 von seinen Schwestermodellen übernommen. Manches aber macht er ganz anders. So lenkt er den Blick auf eine (beleuchtete) Kristallkugel: „Crystal Sphere“ nennt sie sich, nach Druck auf den Startknopf rotiert sie um 180 Grad und wird zum Wahlelement für die Fahrstufen der Automatik. Ganz schön spacig und insofern sinnstiftend, als der Fahrerin/die Fahrerin so die Rückmeldung erhält, dass sich der Wagen in Fahrbereitschaft befindet. Über das Motorgeräusch funktioniert das beim Elektroauto schließlich nicht. Und statt konventioneller Außenspiegel gibt es digitale, die gegen 1460 Euro Aufpreis ein gestochen scharfes Bild an zwei gut einsehbare Monitore im oberen Bereich der Türen schicken.

Zwei Leistungsstufen

Genesis bietet seinen ersten Batterieelektriker in zwei Versionen an, beide mit Doppelmotor-Konzept, beide mit Allradantrieb. Der GV60 Sport leistet 234 kW/318 PS, der Sport Plus bringt es auf satte 360 kW/490 PS. Eine erste Ausfahrt mit dieser Power-Version ins Frankfurter Umland mit seinen Autobahnstrecken und schlängeligen Taunussträßchen führte zu überzeugenden Erkenntnissen: Ebenso leise wie komfortabel cruist der Genesis-Stromer dahin, die elektronische Fahrwerksregelung Preview ECS (770 Euro) übt sich mithilfe einer nach vorne gerichteten Kamera in Weitsicht, indem sie Informationen über die Fahrbahn sammelt und die adaptiven Dämpfer vorausschauend anpasst.

Wie alle Genesis-Modelle wird auch der GV60 nicht über ein klassisches Händlernetz vertrieben.

Wie alle Genesis-Modelle wird auch der GV60 nicht über ein klassisches Händlernetz vertrieben. © Hersteller

Gleichzeitig erweist sich der Vorwärtsdrang als gewaltig, umso mehr, wenn die „Boost“-Taste am Lenkrad gedrückt wird und der Antrieb für zehn Sekunden 40 kW/54 PS zusätzlicher Leistung aus der Hinterhand zaubert und das volle Drehmoment von 700 Newtonmetern abruft. Sofern man es darauf anlegt, erstürmt der GV60 Sport Plus in vier Sekunden die Tempo-100-Marke, der Sport braucht mit fünf Sekunden nur unwesentlich länger. Einbremsen wollte Genesis beide Varianten nicht und hat ihnen eine Topspeed von 235 beziehungsweise 200 km/h gestattet.

800-Volt-Ladetechnik

Die Reichweiten-Realität gebietet solch schnellen Unternehmungen freilich auf andere Weise Einhalt – mit den Norm-Werten von 470 (Sport) respektive 466 Kilometern (Sport Plus) sind sie eher nicht kompatibel, auch wenn das Laden ziemlich zügig vonstatten geht. Dank leistungsfähiger 800-Volt-Technologie braucht der GV60 an einer der (allerdings noch raren) 350-kW-Schnellladesäulen nur 18 Minuten, um den – bei aktivierter Navigation vorklimatisierten - 77,4-kWh-Akku von 10 auf 80 Prozent zu befüllen. An der 11-kW-Wallbox nimmt das Prozedere sieben Stunden und 20 Minuten in Anspruch, dann ist die Batterie aber gleich komplett geladen. Und wer zu 1040 Euro das Outdoor-Paket mit Vehicle-to-Load-Funktion (V2L) bucht, kann das Fahrzeug umgekehrt als Stromspender für externe elektrische Verbraucher wie ein Pedelec einsetzen.

Im Kofferraum sind 432 bis 1550 Liter unterzubringen.

Im Kofferraum sind 432 bis 1550 Liter unterzubringen. © Hersteller

Persönlich betreut

Wer im Internet nach dem nächsten Genesis-Händler googelt, sucht übrigens vergebens. Denn beim Vertrieb geht die Marke eigene Wege. Klassische Verkaufsstellen unterhält man nicht nicht, stattdessen sogenannte Studios, von denen es in Deutschland bereits eines in München gibt, zwei weitere werden in Frankfurt und Berlin eröffnen. Ansonsten läuft der Kundenkontakt über den „Genesis Personal Assistant“, kurz GPA. Kein virtueller Ansprechpartner, sondern ein leibhaftiger, der die Beratung übernimmt, das Auto zur Probefahrt vorbeibringt und es nach getätigtem Kauf auch direkt an der Haustür ausliefert. Der Bring- und Holservice erstreckt sich ebenso auf Werkstatt-Termine.

Kein Schnäppchen

Ganz billig ist der GV60 nicht. Der Einstieg beim Sport erfolgt ab 56.370 Euro, der Sport Plus erfordert mindestens die Investition von 71.010 Euro, eine Fünfjahres-Vollgarantie sowie die Inspektionen sind in beiden Fällen inklusive. Weil hinsichtlich der Förderprämie – 7975 Euro brutto – die Frage nach der Lieferzeit relevant ist: Ein Kontingent vorkonfigurierter Fahrzeuge steht zum Marktstart am 7. Juni direkt bereit, wer sein Wunsch-Modell individuell zusammenstellen möchte, muss sechs bis neun Monate warten.

Genesis GV60:

Wann er kommt: Marktstart am 7. Juni 2022

Wen er ins Visier nimmt: Hyundai Ioniq 5, Kia EV6, Audi Q4/Q4 Sportback e-tron, VW ID.5

Was er leistet: 234 kW/318 PS oder 320 kW/435 PS

Was er kostet: Ab 56.370 Euro (Sport) beziehungsweise 71.010 Euro (Sport Plus)

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